05. September 2007 Im Schatten einer Klimapolitik, die dabei ist, die sozialen und ökonomischen Bedingungen der Welt grundlegend umzugestalten, ist ein ideologischer Streit entbrannt: Darf man die Gründe und Vorhaben des Klimaschutzes überhaupt noch in Frage stellen? Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Siehe: Stefan Rahmstorf: Alles nur Klimahysterie?) das Vorgehen und die Motive der sogenannten Klimaskeptiker scharf attackiert und als unmoralisch bezeichnet. Nun antworten ihm die Angegriffenen.
Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf ist ein sehr erfolgreicher Mann. Sein Sieg auf allen Kanälen der öffentlichen Meinungsbildung ist total. In allen Talkshows trat er schon auf, in Radio, Funk und Fernsehen ist er omnipräsent. Der Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ist ein Medienstar. Er kann sich aussuchen, wo er auftritt, und er tritt nur dort auf, wo man seiner Meinung ist oder zumindest so tut. Selbst Energiekonzerne und Autokonzerne buchen ihn, voller Zerknirschung, damit er ihnen die Computercharts des kommenden Untergangs präsentiert.
Die Kanzlerin lauscht ihm, die Verbände, die Lobbys. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung erhält jährlich 6,4 Millionen Euro aus Bundes- und Landesmitteln und weitere 3,3 Millionen aus anderen Quellen, über die keine Angaben gemacht werden. Es ist ein eingetragener Verein, der Direktor des Instituts, Hans Joachim Schellnhuber, der Bundesregierung als Klimaberater verpflichtet.
Eine schwarze Liste
Stefan Rahmstorf könnte seine heilige Mission in der Klimafrage also für beendet und gelungen erklären. Aber es reicht noch nicht. Noch sind da draußen ein paar Störer am Werk, Nörgler, Querulanten, Miesmacher, Zweifler. Dieses hoffnungslos verirrte und verwirrte Häuflein, so Rahmstorf in der F.A.Z., könnte durch Verharmlosung und Widerrede womöglich den großen, den ganz großen Konsens verhindern. Den Endsieg in der Klimadebatte.
Rahmstorf ist seit Jahren unter Journalisten dafür bekannt, dass er über Chefredaktionen oder Herausgeber versucht Druck auszuüben und ihm nicht genehme Berichterstattung zu unterbinden. Er führt, das hat er in der Wochenzeitung Die Zeit stolz zu Protokoll gegeben, eine schwarze Liste von Journalisten, die sich nicht seiner Meinung unterordnen, sondern ihren Beruf ernst nehmen: eigenständig recherchieren. Wissenschaftler, die nicht seiner Meinung sind, müssen mit Angriffen auf ihre Person rechnen. Gerne bezichtigt er sie der Nähe zu Wirtschaftsunternehmen - unter anderem in einer Publikation, die pikanterweise von der Münchner Rückversicherung finanziert wurde. Nun hat er seinen dort publizierten Aufsatz Die Klimaskeptiker um einige Namen erweitert.
Dass es wärmer wird, kann man messen
Die Autoren dieser Zeilen werden in dem Beitrag als Teil einer finsteren Verschwörung geoutet, die Klimaschutzmaßnahmen verhindern. Es ist ein heiliger Krieg, ein Dschihad, den Rahmstorf da führt. Und es werden keine Gefangenen gemacht: Er reißt Zitate aus dem Zusammenhang, streicht, lässt weg - damit seine Weltuntergangsankündigung nicht in Gefahr gerät. Um auf all dies sachlich einzugehen, fehlt hier der Raum, wir haben deshalb eine Seite mit Richtigstellungen ins Internet gestellt (www.achgut.de).
Es geht uns nicht um Leugnung, wie es immer im Kontext dieser bizarr glaubensaufgeladenen Diskussion heißt. Dass es wärmer wird auf diesem Planeten, kann man messen. Es geht auch gar nicht so sehr um die Frage, wie dieser Klimawandel im Detail aussieht. Da hat Rahmstorf im Zweifel immer die richtigen Zahlen parat (wer als Leit-Experte eines Themas gilt, verfügt automatisch auch über die objektiven Zahlen).
Endzeithysterien sind nichts Neues
Wir sind ganz normale Bürger, die den Wandel von Technologien weg von den fossilen Energien am liebsten beschleunigen wollen, die verbrauchsgünstige Autos fahren, die versuchen, sich ein objektives Bild zu machen und ihren Teil zu einer Energiewende beitragen. Aber wir haben, als Publizisten, Wissenschaftler, Medienschaffende, Intellektuelle auch ein Gedächtnis. Und wir erleben Endzeithysterien nicht zum ersten Mal.
Anfang der siebziger Jahre sagte Paul Ehrlich, ein Bevölkerungswissenschaftler, den Hungertod der Hälfte aller Menschen für das Jahr 1980 voraus. Sein Begriff der Bevölkerungsexplosion beherrscht heute noch die öffentliche Meinung über die demographische Zukunft der Erde. Der Club of Rome brachte 1972 sein Die Grenzen des Wachstums heraus, ein Konvolut von Behauptungen und Szenarien, aus dem die Medien in Zusammenarbeit mit der öffentlichen Meinung die sensationellsten herauspickten.
Klimakatastrophe als säkulare Religion?
Wissenschaftlich war nun erwiesen, dass die Rohstoffpreise demnächst explodieren, Hungersnöte mit Millionen von Toten bis zum Jahr 2000 unvermeidbar und die Menschheit eigentlich am Ende war. Davon ist ein tiefes Sediment in unseren Schulbüchern hängengeblieben. Oder das Waldsterben. Kein ernsthafter Wissenschaftler konnte in den achtziger Jahren leugnen, dass der Wald auf breiter Front stirbt. Heute wissen wir, dass dies eine Fata Morgana war, gezüchtet aus den Bedürfnissen einer subventionsfröhlichen Lobby und einer deutschen Angst-Naturromantik.
Heute ist die Klimakatastrophe auf dem besten Wege, zu einer säkularen Religion zu werden, die mit ideologisierter Schuld-Sühne-Buße-Semantik alles über einen Leisten schert. Auch die existentiellen Fragen der Demokratie, der Armut, der globalen Entwicklung. Im Windschatten dieser Entwicklung entwickeln sich jene Denkverbote und Verkürzungen, die wir in der Atom-, Friedens- und Umweltdebatte erleben konnten und die nicht unerheblich zu jener strukturellen Fortschrittsfeindlichkeit, jener Katastrophilie (Carlo Jäger) beitrugen, mit der sich unser Land herumplagen muss.
Das Spiel der Wissenschaft hat kein Ende
Bedauerlicherweise trägt vieles von dem, was im Moment unter Klimaschutz firmiert, nicht einmal zur Verbesserung der Umwelt bei. Weil den Bürgern klimafreundlicher Biosprit verordnet wird, werden die Tropenwälder für Energiepflanzen abgeholzt. Die Tierarten, die angeblich wegen der globalen Erwärmung in den nächsten hundert Jahren aussterben, werden kurzerhand sofort und im Namen des Klimaschutzes ausgerottet.
Es geht uns um die Selbstgewissheit, mit der Wissenschaft Diskurse, die auch politische Diskurse sind, verabsolutiert. Karl Popper beschrieb die Funktion von Wissensarbeit so: Alle Theorien sind Hypothesen, alle können umgestoßen werden. Das Spiel der Wissenschaft hat grundsätzlich kein Ende. Wer eines Tages beschließt, die wissenschaftlichen Sätze nicht weiter zu überprüfen, sondern sie etwa als endgültig verifiziert zu betrachten, der tritt aus dem Spiel aus.
Ein weites Feld für Qualitätssicherung
Es geht uns um den Apokalyptizismus, mit dem die Debatte um den Klimawandel geführt wird. Im Namen des Notstands, der finalen Ausschließlichkeit eines fernen, unabdingbaren Untergangs, kann man Seelen, Menschen, politische Strategien, wirtschaftliche Investitionen umstandslos in Geiselhaft nehmen. Klimafragen sind zutiefst den Urängsten des Menschen verbunden, der in seiner Geschichte immer in seiner Existenz von Fluten, Dürren, Klimawandeln, Waldbränden bedroht war - und auch in Zukunft sein wird. Wer die Deutungsmacht über diese Urängste hat, kann mit ihnen alles machen. Davon lebten Herrschaftsreligionen, mästeten sich Diktaturen. Deshalb müssen wir auch Ängste demokratisieren, moderieren und, ja doch, relativieren.
Rahmstorf kümmert es wenig, wie die Medien hysterische Stimmungen produzieren. Etwa die Boulevard-Schlagzeilen, die uns in diesem Frühjahr hysterische Instant-Untergänge prophezeiten (Wir haben noch 12 Jahre Zeit!). Den eitlen Propagandafilm Al Gores, in dem Thesen vertreten sind, die selbst von der Hardcore-Fraktion der Klimaforschung nicht mehr geglaubt werden, findet er der Sache dienlich. In zahllosen solchen Fällen hätte Rahmstorf ein weites Feld für seine Qualitätssicherung. Doch bedauerlicherweise ist er auf diesem Auge blind. Schlimmer noch: Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung befördert aktiv und wider besseres Wissen Katastrophenmythen.
Eine Meinungsumfrage unter Kollegen
So beschwören seit einigen Jahren deutsche und internationale Untergangspropheten die Gefahr einer Eiszeit, die Europa als Folge des Ausbleibens des Golfstromes schon bald bevorstehen soll. Inzwischen wurde offenbar, dass entsprechende Messungen fehlerhaft waren. Der Golfstrom im Nordatlantik zeigt trotz des Klimawandels bisher keine klaren Abschwächungstendenzen. Die Absage der Klimakatastrophe war eine herbe Enttäuschung für die Untergangspropheten. Was tun? Vielleicht bessere Beobachtungen anstellen?
Ach was, viel einfacher als das ist eine Meinungsumfrage unter Gleichgesinnten, um das widerlegte Katastrophenszenario wiederaufleben zu lassen. Und genau diese Strategie hat Rahmstorfs Institut aus dem Hut gezaubert: Nach Erkenntnissen von Klimaforschern könnte schon in diesem Jahrhundert ein wichtiger Teil der atlantischen Ozeanzirkulation abzubrechen beginnen. Dies hätte eine Reihe dramatischer Folgen. Grundlage war eine Umfrage unter führenden Klimawissenschaftlern - eine Meinungsumfrage unter zwölf (!) Kollegen.
Wissenschaftler werden zu Glaubenskriegern
Mit der fanatischen Verfolgung Andersdenkender tut Rahmstorf weder sich noch der Klimadebatte einen Gefallen. Vielmehr weisen Stil und Inhalt auf eine tiefe Unsicherheit und ein bizarres Geltungsbedürfnis hin. (Man stelle sich vor, die großen Erkenntnisse der Wissenschaft, von Newton über Darwin bis Freud und Einstein, wären über die Verfolgung Andersdenkender erfolgt.)
Rahmstorfs Wissenschaft hat Modelle zu bieten, und sie muss ihre Unsicherheiten benennen, gerade wenn es sich um sehr komplexe Systeme wie das Klima handelt. Wenn Wissenschaftler ihre Annahmen zu Dogmen erklären, werden sie zu Glaubenskriegern. Dann ist es an der Zeit zu widersprechen. Deshalb nehmen wir uns das Recht zu zweifeln. Unsere Position ist aussichtslos, nicht gerade sexy und derzeit hoffnungslos in der Minderheit. Aber irgendjemand muss die Türen eines skeptischen Weltverständnisses gegen die praktisch gleichgeschaltete öffentliche Meinung offen halten, damit wir für die Zukunft lernen können.
Ein Beitrag von Christian Bartsch, Günter Ederer, Matthias Horx, Wolf Lotter, Dirk Maxeiner, Josef Reichholf und Wolfram Weimer.
Text: F.A.Z., 05.09.2007, Nr. 206 / Seite 35
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa
