25. Februar 2007 Es muss Ende der sechziger Jahre gewesen sein. Damals waren gerade die existentialistisch nackt von den Decken herunterhängenden Glühlampen durch jene Japanballons aus weißem Reispapier verhüllt worden, die in kurzer Zeit im Rauch vieler Gitanes wohnlich vergilbten.
Dieser Wechsel der Beleuchtungsmode vom Stil Später Sartre in Frühes Ikea hatte einen gravierenden Nachteil: Die in regelmäßigen Abständen ihren Geist aufgebenden Glühlampen auszuwechseln war wesentlich komplizierter geworden.
Gier der Verschwörer
Das war die Geburtsstunde jener Verschwörungstheorie, mit der eine ganze Generation groß geworden ist. Glühbirnen zu produzieren, die ewig halten, wäre für die Industrie nämlich ein Leichtes, so hieß es damals. Doch die technische Innovation werde von Osram & Co. aus durchschaubaren Gründen unterdrückt, würden die Lampenhersteller sich andernfalls doch ihr eigenes Grab schaufeln. Ein finsteres Glühlampenkartell habe schon in den zwanziger Jahren Absprachen getroffen, dass eine Glühlampe nicht länger als 1000 Stunden brennen dürfe.
An dieser heimtückischen Gier der Verschwörer ließ sich im Duft der Räucherstäbchen unter den Japanballons der Wohngemeinschaften mühelos das Bauprinzip des Kapitalismus ablesen: Anstatt die wahren Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, wecken die Unternehmen permanent Scheinbedürfnisse.
Um immer mehr Profit aus einer Sache herauszuholen, bauen sie in ihre Produkte einen Selbstzerstörungsmechanismus ein, der den Menschen das Leben schwer und teuer macht, den Firmen indes dauerhaft die Umsätze und Gewinne sichert. Die Hersteller von Strumpfhosen für Damen haben die Laufmaschen folglich längst in die Seide eingewoben. Doch am besten zeigt sich die kapitalistische Perversion an jenen ständig mit kurzem Plopp verlöschenden Wolframdrähten in Edisons Birne.
Kostenlose Vernichtung dieser Güter
Es gibt einen berühmten Essay von Ulrike Meinhof, der 1968 in der Zeitschrift konkret erschien und zur Überraschung des heutigen Lesers nachdrücklich die von Andreas Baader und Gudrun Ensslin verantwortete Brandstiftung eines Kaufhauses auf der Frankfurter Zeil verurteilte. Die im Kaufhaus angebotenen Glühbirnen, schreibt Meinhof, seien das Symbol eines übersättigten Gebrauchsgütermarktes, der die Firmen dazu nötige, die Nachfrage künstlich in Gang zu halten, um das Niveau ihrer Profitraten zu halten.
Genau deswegen, argumentiert Meinhof, sei die Warenhausbrandstiftung keine antikapitalistische Aktion, sondern im Gegenteil eher systemerhaltend: Denen, die an der Produktion der in den Kaufhäusern massenhaft angebotenen Gütern verdienen, kann möglicherweise kein größerer Gefallen getan werden als die kostenlose Vernichtung dieser Güter.
Nichts als alarmistischer Aktionismus
Heute sind es die deutschen Sozialdemokraten und Grünen - vereint mit dem Austrokalifornier Arnold Schwarzenegger, dem Yahoo-Gründer David Filo und einem australischen Premierminister -, welche der Utopie des ewigen Glühbirnenlichts aus den Zeiten der Achtundsechziger endgültig den Garaus machen wollen.
Weil nämlich nur fünf Prozent des die Birne durchfließenden Stroms der Beleuchtung diene, der Rest aber sinnlos Energie verschleudere und gefährlich den Klimawandel beschleunige, soll Edisons Birne bald endgültig verboten werden. Aus der Sicht vieler Klimaforscher ist das zwar nichts als alarmistischer Aktionismus, der die Gletscher der Pole auch nicht davon überzeugen wird, weniger rasch zu schmelzen. Doch Aktionismus ist das Geschäft der Politiker.
Die Achtundsechziger, wären sie noch wach, hätten das rasch als besonders raffinierte Finte des Kapitalismus durchschaut. Denn natürlich profitieren vom Verbot der Glühlampe im staatsmonopolistischen Kapitalismus einzig Osram, Philips und General Electric, die jetzt endlich ihre viel teureren Energiesparlampen an die Decke bringen können. Doch mit der letzten Glühlampe wird wohl auch der Geist von 1968 endgültig erlöschen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.02.2007, Nr. 8 / Seite 37
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