Von Rolf Neuhaus
13. Februar 2008 Zaragoza - wonach klingt der Name? Nach Kaiser Augustus? Nach Sarazenen? Nach dem fast vergessenen Roman von Benito Pérez Galdós oder der phantastischen Erzählung Jan Potockis, die gar nicht in Zaragoza spielt, sondern den Namen der Stadt nur im Titel führt als Fundort der Handschrift von Saragossa? Denkt man an die zweimalige Belagerung der Stadt durch Napoleons Armeen und ihren ebenso heroischen wie nutzlosen Widerstand, der ihr einen heute längst verblassten Ruhm einbrachte?
Womit bringt man Zaragoza in Verbindung? Mit dem Rolandslied und Karl dem Großen, der die Dörfer und Städte Spaniens gänzlich zerstörte, nur Sarraguz hielt sich noch, schließlich auch diese Stadt einnahm, in Wirklichkeit aber nie bis Zaragoza kam? Im Unterschied zu vielen Helden haben Mythen ein langes Leben, sind hartnäckig und starrköpfig wie die Aragonier selbst. Der populärste Mythos hält sich besonders zäh und ist so lebendig wie eh und je: Denk ich an Zaragoza Jahr für Jahr, schwant mir die Virgen del Pilar. Sofern man Zaragoza überhaupt mit etwas identifiziert, ist dies die Heilige Jungfrau der Säule.
An Wallfahrern fehlt es der Jungfrau Maria nie
Im römischen Caesaraugusta predigte im Jahr 40 nach Christi Geburt der Apostel Jakob alias Santiago am Ebroufer, an dem heute der Verkehr strömt und Busse im Dienste des Religionstourismus parken. Dass der Apostel nur eine Handvoll Heiden bekehrte, frustrierte ihn. Um ihn zu trösten und zu ermuntern, nicht davon abzulassen, Hispania zu evangelisieren, begab sich die Jungfrau Maria eines Nachts, von Engeln getragen, aus Jerusalem nach Caesaraugusta, brachte eine Säule mit und trug Jakobus auf, über der Säule eine Kapelle zu errichten.
Zaragoza ist einmalig: Es handelte sich nicht um eine simple Marienerscheinung wie in Lourdes oder Fatima, sondern um das Kommen der Muttergottes selbst, ihre leibhaftige Präsenz in Fleisch und Blut vor ihrer glorreichen Himmelfahrt. So kam das heidnische Zaragoza zum ersten Marientempel der Christenheit. In der Heiligen Kapelle der Muttergottes, dem Herz der heutigen Basilika, werden werktags fünfzehn Messen gelesen, denn an Wallfahrern und lokalen Stammkunden fehlt es nie. In der Nische der Jungfrau steht ihre vergoldete Figur auf der silberbeschlagenen Säule, der sich die Gläubigen von hinten nähern, um sie zu küssen. Sie sind gehalten, äußerste Ruhe zu bewahren und für den Papst zu beten.
Zaragoza wird den ultrareligiösen Ruf kaum los
An den Festtagen der Virgen del Pilar um den 12. Oktober jedoch ist die Basilika von munterem Stimmengewirr erfüllt und vom Geruch nach Weihrauch und Knoblauch. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, ein Geschiebe und Gedränge wie auf dem Jahrmarkt. Draußen auf der Plaza del Pilar versammelt sich am 12. Oktober eine halbe Million Menschen, um der Virgen Millionen Blumen darzubringen, die von Floristen zu einem riesigen Blütenumhang zusammengesteckt werden. Es ist bewundernswert, mit welcher Ausdauer die Aragonier den Opfermarathon absolvieren, wie sie in ihren alten Trachten klaglos warten, bis sie endlich ihren Strauß abliefern dürfen. Damit nicht genug, leisten sie am nächsten Tag in stundenlanger Prozession ein tonnenschweres Ernteopfer: Obst, Gemüse, Wein, Gebäck, Brot, Getreide, Käse, Blutwurst und andere Früchte der Erde.
Zaragoza haftet nach wie vor der Ruf einer ultrareligiösen Stadt an. Das liegt wohl auch daran, dass sie mit großen Gotteshäusern gleich doppelt bestückt ist: neben der barocken Basilika mit der dem Erlöser geweihten gotischen Kathedrale, die ebenfalls an der Plaza del Pilar steht, an diesem Platz von nahezu vatikanischen Ausmaßen, der in unbekümmertem Gemisch der Stile fast alle bedeutenden Bauten Zaragozas um sich gruppiert. Da sind schöne Gebäude wie die Renaissancebörse, der Tempel der Kaufleute, und weniger schöne wie der düstere Backsteinbau der Basilika mit seinen Türmen und byzantinischen Kachelkuppeln. Da sind das klassizistische Erzbischöfliche Palais und das Rathaus aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, die Reste des römischen Forums und der Stadtmauer und etwas weiter der Jugendstilpalast des Zentralmarktes.
Die Mauren lassen grüßen
Läge auch das Maurenschloss an der Plaza del Pilar, lastete das christliche Übergewicht vielleicht nicht gar so erdrückend auf Zaragozas Image. So aber ist der Orient gleichsam aus dem Zentrum verbannt. Das Lustschloss befand sich außerhalb der Medina, doch wie konnte man nur so wenig Feingefühl besitzen, es mit mächtigen Vorstadtwohnblocks zu umgeben? Über die kilometerlange Straße Conde de Aranda läuft man ins Abseits, taucht langsam in die Welt des Fremden ein, dank muslimischer Metzgereien, marokkanischer Basare, maghrebinischer Imbissstuben, afrikanischer Läden, chinesischer Supermärkte, Latino-Bars.
Dann, plötzlich, ein Bild wie aus Mauretanien, Mali oder Niger: Hohe, schlanke, zinnenbewehrte Rundtürme heben sich weiß schimmernd von der erdfarbenen Festungsmauer ab. Passiert man das Hufeisentor aus der Kalifenzeit, fällt der Schleier des abweisenden Äußeren, und die ganze innere Pracht liegt einem vor Augen: Säulengänge mit gezackten, durchflochtenen, sich kreuzenden Bögen, Säle mit Marmorböden, Alabastersockeln und Wanddekorationen aus Gips mit geometrischen und floralen Motiven, ein zentraler Patio mit Pflanzen, Brunnen, Kanälen und Teichen, deren Wasser die Launen der phantastischen Architektur verspielt wiederholt. Bringt man dies mit dem Namen Zaragoza in Verbindung?
Sultan hielt Hofe in der Aljafería
Die Aljafería, die Palastfestung Zaragozas, ist die Alhambra ihrer Epoche, das am besten erhaltene Beispiel maurischer Profanarchitektur der muslimischen Kleinkönigreiche, die sich beim Zerfall des Kalifats von Córdoba bildeten. Die Aljafería bot den Rahmen für einen der größten und glanzvollsten Höfe im maurischen Spanien des elften Jahrhunderts, an dem Dichter und Denker vom Kaliber eines Ibn Badjdja aus der philosophischen Schule von Zaragoza brillierten. Die Sultane selbst waren Meister der Mathematik, Geometrie, Astronomie und versuchten sich auch in der Poesie.
Die Kriegführung überließen sie professionellen Haudegen wie dem größten Helden des spanischen Mittelalters, dem legendären Cid Campeador, der - aus Kastilien verbannt - in Saraqusta Anstellung fand. Im Dienste der Sultane führte er deren Heere in zahlreiche Schlachten gegen christliche und muslimische Feinde und erwarb so den Titel Sidi, Herr, Cid. Später singt der Cantar de Mío Cid das Heldenlied vom Maurentöter und Vorkämpfer der Reconquista, der alles maurische Land unterwarf: Zaragoza selbst bezahlte / den Tribut ihm ohne Zögern. Mythen haben lange Nasen und ein dickes Fell.
Hier etwas Christentum, da etwas muslimischer Einfluss
Kirchtürme wie Minarette, Kirchenmauern wie Moscheenwände, alte Palais christlichen Adels wie Paläste muslimischer Potentaten - wer durch das heutige Zaragoza wandert und die Kirchen San Pablo, San Miguel, San Gil Abad, Santa María Magdalena entdeckt, mag sich nach Rabat versetzt fühlen. Die Aragonier kamen von den Pyrenäen herab und eroberten 1118 Saraqusta, aber die muslimischen Baumeister, Maurer, Töpfer, Schreiner blieben noch vierhundert Jahre und dann, offiziell und notgedrungen in Christen verwandelt, noch einmal hundert Jahre lang, bis sie ausgewiesen wurden.
Sie bauten weiterhin Minarette, nur dass diese statt Muezzins Glocken erhielten. Sie bauten an der Kathedrale mit, die über der Hauptmoschee errichtet wurde, gaben ihr ein maurisches Kuppelgewölbe und an der Nordseite eine Mauer, die dank der Ziegelsteinmuster und farbigen Kacheln wie ein Wandteppich wirkt. Sie bauten in ihrem Mudéjar-Stil, der später von christlichen Architekten übernommen wurde, die Aljafería für die aragonesischen Monarchen aus und schenkten ihr Säle mit traumhaften Artesonado-Decken und Böden aus kleinen Fliesen und Kacheln.
Ein ranziger Geschmack von Nationalkatholizismus
Zaragoza wurde zur Hauptstadt eines Mittelmeerreiches, das Katalonien, Valencia, die Balearen, Sardinien, Süditalien und Sizilien unter der Krone Aragoniens verband, dessen heimliche Hauptstadt aber Barcelona war. Als Aragonien sich dann mit Kastilien vereinte, als Madrid zur Kapitale aufstieg, trat Zaragoza vollends in den Schatten und versank in Provinzialismus. Streift man durch die düsteren Straßen Zaragozas mit den hohen, dunklen Backsteinhäusern, kann man verstehen, dass Goya nach Madrid floh, sobald er die mehr als zweihundert Quadratmeter umfassenden Fresken Regina Martyrum in einer Kuppel der Basílica del Pilar fertiggestellt hatte, in denen er mit der akademischen Tradition brach und sein Genie entwickelte.
Und man ahnt, warum es einen Buñuel nach Madrid zog, sobald er sein Abitur in der Tasche hatte. Zaragoza war eine konformistische, ordentliche, langweilige, verschlafene, antiquierte Stadt, in die Neuigkeiten und Neuerungen mit zu großer Verspätung drangen, um wirklich wichtig genommen zu werden. Und wer am 13. Oktober dem Rosario del Cristal beiwohnt, dem Kristallrosenkranz, einem abendlichen Umzug von Karossen, begleitet hauptsächlich von älteren Frauen mit Glaslaternen oder langen Kerzen, die - schweigend, ernst, gemessen - den Prozessionsweg abschreiten, auf dessen ganzer Länge die Litanei der Avemarias aus Lautsprechern schallt, dem will es bis heute scheinen, als legte sich ein ranziger Geschmack nach Nationalkatholizismus auf die vor Staunen geöffneten Lippen.
Die Expo als Sprungbrett in die Moderne
Zaragoza will endlich seinen Ruf als ultramontane Provinzstadt abschütteln und ein wenig weltstädtisch werden. Zaragoza möchte sein Image aufpolieren, wie es andere spanische Großstädte längst getan haben, Bilbao mit dem Guggenheim-Museum, Valencia mit der Kunst- und Wissenschaftsstadt im alten Flussbett des Turia und dem America's Cup, Sevilla mit der Weltausstellung von 1992, Barcelona mit den Olympischen Spielen desselben Jahres, Madrid permanent seit der movida der achtziger Jahre. Mit sechshundertdreißigtausend Einwohnern ist Zaragoza schließlich die fünftgrößte Stadt Spaniens, in ihr wohnt die Hälfte der Aragonier.
Als Sprungbrett in die Moderne dient Zaragoza nun die Internationale Ausstellung 2008, die dem Thema Wasser und nachhaltige Entwicklung gewidmet ist und von Mitte Juni bis Mitte September in einer Ebroschleife nordwestlich des Zentrums stattfinden wird. Auf dem fünfundzwanzig Hektar großen Gelände werden dann Themen-, Firmen- und Länderpavillons stehen, ein Kongresszentrum, ein Aquarium, eine Indoor-Badelandschaft sowie Outdoor-Erlebnisräume mit Wasserspielen. Der Ebro erhält Uferparks und ein Stauwehr unterhalb Zaragozas, um ihn für kleine Ausflugsboote bis zum Expo-Gelände schiffbar zu machen. Und er bekommt von Zaha Hadid eine Brücke, die zugleich Pavillon sein wird.
Der Ebro wurde sträflich vernachlässigt
Zaragoza und seine Brücken, Zaragoza und der Ebro, Zaragoza und das Wasser - ausgerechnet Zaragoza veranstaltet eine Ausstellung zum Thema Wasser und seiner Bedeutung für die Zukunft der Menschheit. Dabei hat Zaragoza den längsten und wasserreichsten Strom Spaniens bis vor kurzem vollständig ignoriert, wollte von ihm nichts wissen, entlud sich bloß in ihn. Erst seit wenigen Jahren werden die Abwässer der größten Stadt am Fluss geklärt, wovon das Wasser, das Zaragoza erreicht, allerdings nicht sauberer geworden ist, denn Städte und Industrien weiter flussaufwärts benutzen den Ebro nach wie vor als Kloake.
Die letzten Aale, Angler und Badenden wurden vor einem halben Jahrhundert gesichtet. Selbst die Spaziergänger starben aus, denn da war keine Uferpromenade, die diesen Namen verdiente, kein nennenswerter öffentlicher Park, kein Gartenlokal, kein Restaurant mit Flussblick, nur neue Wohnblocks und Betondämme und Straßen, die den Verkehr abführten. Die Brücken dienten lediglich der schnellen Überquerung des Flusses, luden in keiner Weise Fußgänger dazu ein, auf ihnen innezuhalten, um übers Wasser auf die Stadt zu schauen. Allein die alte Steinbrücke machte eine Ausnahme. Zaragoza lebte weder vom Ebro noch liebte es ihn. Natürlich trank es nicht aus ihm. Es vertrieb sich nicht einmal die Zeit an ihm - bis gestern.
Dem poetischen Fluss sollte wieder gehuldigt werden
Verweilt man auf der bald sechshundert Jahre alten Steinbrücke, die eine Holzbrücke aus römischer Zeit ersetzte und bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts die einzige Brücke Zaragozas blieb, die allen Verkehr zwischen den Pyrenäen und Kastilien ertrug, verweilt man auf dieser schönsten aller Brücken Zaragozas und blickt über den Ebro auf die Altstadt, bemerkt man, dass fast alle Gebäude mit der Rückseite zum Fluss liegen. Dabei ist das Bild so romantisch, wenn der weite, klare Himmel sich langsam rot färbt und sich im Ebro spiegelt und die Türme der Basilika und der Kathedrale angestrahlt werden und mit zunehmender Dunkelheit immer intensiver weißlich grün leuchten, fast kitschig.
Der Ebro ist voller Poesie, er färbt sich so rot wie im Rolandslied vom Blut der Sarazenen. Das Bild ist so malerisch wie jenes, das Juan Bautista del Mazo, Hofmaler König Philipps IV. und Schwiegersohn Velázquez', 1646 von Zaragoza gab, eines mit Booten auf dem Ebro und vielen Menschen an den Ufern. Dahin will Zaragoza nun zurück. Denn die Stadt hat gelernt, dass man einen Fluss nicht ungestraft verschmutzt. Vielleicht will es deshalb der Welt jetzt ein Beispiel geben und ihr zeigen, dass man die Ressource Wasser behandeln soll wie etwas Heiliges.
Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Telefon: 069/ 725033, E-Mail: frankfurt@tourspain.es, Internet: www.spain.info; nähere Auskünfte zur Expo 2008 gibt es unter www.expozaragoza2008.es.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
Frankfurt Skyliners: Mit heißem Herz und langer ![]()
Kanzlerin bleibt Kanzlerin, Vizekanzler bleibt Vizekanzler
KlimaBlogDeutsche Autobauer fahren im Klimaschutz hinterher
Beiträge: 34, letzter Eintrag: 25.07.2008