Von Joachim Müller-Jung
07. Juli 2007 Was ein wirklicher Klimaexperte ist, lässt sich für uns Klimagepeinigten immer schwerer sagen. Über Winston Churchills ironische Formel jedenfalls, wonach ein Experte ein Mann ist, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat, will schon lange kein Klimatologe mehr recht lachen. Das zeigt das Golfstrom-Syndrom.
Dahinter verbirgt sich ein Menetekel der Menschheitskatastrophe, das die Klimaforschung lange vor sich her getragen hat. Es handelt sich um das Bedrohungsszenario einer plötzlich hereinbrechenden Eiszeit, ausgelöst durch die Erwärmung und den hierdurch verursachten Zusammenbruch des Golfstroms und des Nordatlantischen Stroms. Im Hollywood-Streifen The Day after Tomorrow hat der Mythos überlebt. Doch der Weltklimabeirat IPCC stellte im Frühjahr die Faktenlage klar: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Nordatlantische Strom in diesem Jahrhundert abrupt zusammenbricht. Längerfristige Veränderungen können nicht verlässlich abgeschätzt werden.
Spekulanten des Untergangs
Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel, die zehn Jahre lang den nördlichen Atlantik erforscht und an den Stellen gemessen haben, an denen das Kollabieren der Nordatlantikströmung vermutet wird, kamen im März zu dem Schluss: Die großen Meeresströmungen im Nordatlantik unterliegen starken natürlichen Schwankungen, weisen aber bislang keine Abschwächungstendenzen auf. 16 Millionen Euro hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft und damit der Steuerzahler dieses klare, wenn auch von vielen Klimakollaps-Auguren kaum erhoffte Ergebnis kosten lassen.
Doch die Spekulanten des Untergangs wollen den Spieß nun unbedingt wieder umdrehen - mit einer Untersuchung für die Zeitschrift Climatic Change, wie sie methodisch von diversen Business-Strategieplanungen angewendet wird.
Demoskopische Verwirrspiel
Es handelt sich um eine schlichte Umfrage unter zwölf Klimaforschern (ohne die Kieler Messgruppe), ausgewertet aus je siebenstündigen Interviews, die zeigen sollen - so das Potsdam-Institut für Klimaforschung -, dass der Abbruch eines Teils der Atlantischen Ozeanzirkulation bereits in diesem Jahrhundert unwiderruflich eingeleitet werden könnte. Unwiderruflich? Das meinen nur zwei der Experten. Die anderen halten selbst bei einer hypothetischen Vervierfachung der Treibhausgaskonzentrationen eine Erholung der Meeresströme für das wahrscheinlichste Szenario.
Und auf die Frage, was wohl passieren würde, wenn die Temperatur wie im derzeit pessimistischsten Szenario um sechs Grad bis 2100 steigt, werden wir endgültig aufs Glatteis geführt: Acht von elf Experten schätzen die Wahrscheinlichkeit eines Golfstrom-Kollapses in diesem Fall auf signifikant unterschiedlich von Null ein, vier von ihnen größer als fünfzig Prozent. Was immer dieses demoskopische Verwirrspiel bedeuten soll: Der Wissenschaft erweist man damit einen Bärendienst. Mögen sich Politiker ihre Rechthaberei durch Umfragen zu erkaufen versuchen, Wissenschaft funktioniert anders.
Text: F.A.Z., 04.07.2007, Nr. 152 / Seite N1
Bildmaterial: AP
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