Von Christian Schwägerl
05. April 2007 Je dramatischer die Warnungen des Weltklimarats IPCC vor einem gefährlichen Klimawandel ausfallen, desto stärker melden sich auch Gegenstimmen zu Wort. Viele Argumente werden dagegen vorgebracht, dass Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan, die der Zivilisation entstammen, einen merklichen Einfluss auf das Weltklima haben.
Manche Argumente lösen in der Fachwelt Heiterkeit aus, wie die Aussage, dass die Menschheit deutlich mehr Kohlendioxid ausatme, als sie durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in Form von Autoabgasen freisetze. Hierbei wird nämlich ignoriert, dass bei der Zuckerverbrennung im Körper nur Kohlenstoff entweicht, der schon in Pflanzen gebunden war. Durch die Verbrennung von Öl, Kohle und Erdgas wird hingegen zusätzlicher Kohlenstoff aus dem Boden in die Atmosphäre befördert, wo er als Kohlendioxid Wärmestrahlung von der Erdoberfläche absorbiert und wieder zurücksendet.
Ist die Sonne schuld - und nicht der Mensch?
Die Kampagne eines deutschen Meteorologen, der Freispruch für Kohlendioxid fordert, weil es gar kein klimawirksames Gas sei, sorgt für Kopfschütteln: Das hält keiner wissenschaftlichen Argumentation stand, sagt der Atmosphärenforscher Hans Peter Schmid, der das gemeinsame Klimainstitut der TU München und des Helmholtz-Forschungszentrums Karlsruhe leitet. Andere Kritiker der Analysen und Prognosen, die Fachleute aus aller Welt für den IPCC zusammenfassen, werden ernst genommen - zumal wenn sie, wie der Heidelberger Paläoklimatologe Augusto Mangini, handfeste Daten vorlegen. Einige Skeptiker verneinen zum Beispiel, dass die Daten zur weltweiten Temperaturverteilung auf einen signifikanten Erwärmungstrend hindeuten.
Am populärsten unter den sogenannten Klimaskeptikern ist die Auffassung, dass es zwar eine Erwärmung gibt, diese aber nur Teil natürlicher Variationen ist und zum seit jeher dynamischen Klimageschehen der Erde gehört. Allein die Aktivität der Sonne und nicht die des Menschen wird dabei oft für steigende Temperaturen verantwortlich gemacht. Schließlich gibt es auch jene, die nichts an den Grundaussagen des IPCC bezweifeln, außer, dass der Klimawandel katastrophal ausfallen könnte. Die Menschheit werde sich, wie schon so oft, an neue Umweltbedingungen anpassen, der teure Klimaschutz sei deswegen müßig, heißt es.
Spurensuche im Kohlendioxidhaushalt
Fachleute erwidern auf die Kritik, es handle sich meist um wiederkehrende Missverständnisse. Häufig wird etwa vorgebracht, der jährliche technische Kohlendioxidausstoß bilde nur zwei Prozent des Kohlendioxids im natürlichen Kohlenstoffkreislauf. Die Klimawirkung müsse verschwindend sein. Doch hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, nämlich der Umsatz in der Natur mit dem jährlichen Zuwachs von Kohlendioxid in der Atmosphäre.
Der Mensch, sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, habe im Kohlendioxidhaushalt der Erde deutliche Spuren hinterlassen: Zu den 2200 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, die es von Natur aus vor der Industrialisierung in der Atmosphäre gegeben habe, habe er aus technischen Quellen 730 Milliarden Tonnen hinzugefügt. Weitere 520 Milliarden Tonnen Kohlendioxid aus technischen Quellen hätten die Ozeane aufgenommen.
Dogma oder wissenschaftliche Erkenntnis?
Das eindrucksvollste menschliche Signal ist die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre, sagt Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Die aktuelle Konzentration übersteige die der letzten Warmzeiten deutlich. Im Vergleich zum Wasserdampf, dem weitaus wichtigsten natürlichen Treibhausgas, ist die Kohlendioxidmenge in der Atmosphäre zwar sehr klein, aber eine Zunahme des Treibhauseffekts von nur zwei Prozent reicht schon für jene Temperatursteigerung von global durchschnittlich 0,6 Grad Celsius, die für die Phase seit 1750 ermittelt wurde.
Oft heißt es, das IPCC verkünde nicht wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern Dogmen. Dabei lässt sich anhand der Berichte nachvollziehen, dass die beteiligten Forscher bisher Unsicherheiten und Wissensmängel offen zur Sprache gebracht haben. Bei ihrer ersten Erwärmungsprognose von 1991 war der angegebene Unsicherheitsfaktor sogar größer als die prognostizierte Erwärmung. Die Gewissheit, einen menschlichen Fingerabdruck in der Erdtemperatur aufzufinden, wuchs mit den Jahren erst durch harte Forschungsarbeit.
Das Temperaturgedächtnis der Erde
Auf wackligen Füßen steht auch die Behauptung, die aus vielen Disziplinen stammenden Forscher des IPCC ignorierten, dass sich das Klima auf der Erde schon immer verändert habe. Wesentliche Erkenntnisse, auf denen die Aussagen des IPCC beruhen, stammen nämlich gerade aus der Rekonstruktion früherer Erwärmungsphasen durch Bohrungen von Eis- und Sedimentkernen, die als Temperaturgedächtnis fungieren. Computermodelle des Klimas werden dadurch getestet und geeicht, ob sie frühere Erwärmungsphasen prognostizieren hätten können.
Aber beweisen nicht gerade die früheren Warmphasen, dass der Mensch im Klimageschehen gar keine Rolle spielt? Aus der Untersuchung von Bohrkernen wird deutlich, dass sich in der Erdgeschichte vor der Industrialisierung immer zuerst die Temperatur erhöht hat und dann, im Abstand von einigen Jahrhunderten, der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre. Das bedeutet aber den Fachleuten zufolge nicht, dass zusätzliches Kohlendioxid für das Klimageschehen nicht wichtig ist. Es hat frühere Warmphasen zwar nicht ursächlich ausgelöst, aber die Erwärmung verstärkt, als es durch steigende Temperaturen in die Atmosphäre gelangte. Immer dann, wenn die Kohlendioxid-Konzentration hoch war, war auch die Temperatur hoch, sagt Peter Lemke.
Kosmische Strahlung und Wolkenbildung
Dass es in der Erdgeschichte schon lange vor der Erfindung von Dampfmaschine und Verbrennungsmotor Erwärmungsphasen gegeben hat, spricht nicht gegen einen zusätzlichen, vom Menschen beeinflussten Klimawandel. Es ist möglich - und wäre doppelt riskant -, dass die Erde sich in einer natürlichen Erwärmungsphase befindet, die von Treibhausgasen noch verstärkt würde. Dieses Szenario legen Forschungsergebnisse des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung in Katlenburg nahe, denen zufolge die Sonne etwa seit 1940 aktiver ist als in den achttausend Jahren zuvor. Der dabei gemessene Zuwachs an Sonneneinstrahlung reicht aber nach Aussagen des Max-Planck-Forschers Sami Solanki bei weitem nicht aus, um die beobachtete Erderwärmung zu erklären. Er betont: Es ist höchstwahrscheinlich, dass die Sonne nur unwesentlich zu der seit 1980 beobachteten deutlichen Erwärmung beiträgt.
Vorgebracht wird in diesem Zusammenhang oft eine Studie der Dänen Lassen und Friis-Christensen, die angeblich einen engen Zusammenhang von Sonnenaktivität und einer völlig natürlichen Erwärmung belegt. Sie wurde aber wegen methodischer und statistischer Schwächen in der Fachwelt abgelehnt. Friis-Christensen stellte dann die Hypothese auf, dass kosmische Strahlung Wolkenbildung verhindert und auf diesem Weg eine aktivere Sonne die Erde stärker erwärmt. Da sich die Sonnenaktivität aber in den vergangenen Jahrzehnten kaum geändert hat, können solche indirekten Mechanismen nicht zum Anstieg der globalen Temperatur beigetragen haben, urteilt Solanki.
Der Boom brachte den Sonnenschirm
Im Feldzug gegen den angeblichen Klimaschwindel wird gerne argumentiert, dass es in den siebziger Jahren Warnungen vor einer globalen Eiszeit gegeben habe und dass im Weltwirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg der Kohlendioxidausstoß stark gestiegen sei, aber die Temperaturen nicht im erwarteten Maß. Für die Warnungen vor einer neuen Eiszeit lassen sich aber eher journalistische Belege finden als solche in wissenschaftlichen Journalen. Zudem emittierte die Menschheit im Boom vermehrt klimawirksame Gase, die einen kühlenden Effekt haben. Diese Aerosole schirmen die Erdatmosphäre gegen Sonnenstrahlen ab, und sie gelangten in Form schwefelhaltiger Kohle in großen Mengen in die Atmosphäre. Dort wirkten sie einer Erwärmung, die dem Kohlendioxidanstieg entsprochen hätte, entgegen. Paradoxerweise können Umweltschutzmaßnahmen zur Schwefelabscheidung den Erwärmungstrend nun also verstärken.
Zum Argument, die Menschheit werde sich dem Klimawandel anpassen können, wird sich am Freitag die IPCC zu Wort melden. Der Unterschied zu früheren Klimawandelphasen liegt auf der Hand: Noch nie waren Milliarden Menschen in einer hochkomplexen Zivilisation mit einem solchen Szenario konfrontiert.
Wissenschaft lebt von Skepsis und Hinterfragen, sagt Peter Lemke, doch gerade die Kritiker der IPCC-Berichte sind meiner Erfahrung nach nicht an einem Lernprozess interessiert. Neunundneunzig Prozent der Wissenschaftler stünden hinter den IPCC-Berichten.
Allein die Evidenz zähle, hat Ronald Prinn, der Abgesandte des Massachusetts Institute of Technology (MIT), bei einer Klima-Anhörung des Repräsentantenhauses Ende Februar betont: Vor zehn Jahren habe ich hier bei den Anhörungen zum ,Countdown bis Kyoto' ausgesagt, ich sei nicht davon überzeugt, dass aus dem Rauschen natürlicher Klimavariabilität bereits ein menschliches Signal herauszuhören wäre. Heute bin ich überzeugt, dass der menschliche Einfluss mit signifikanter Wahrscheinlichkeit bewiesen ist.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, Reuters
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