Klimakonferenz als Farce

Hier wedelt der Schwanz mit dem Hund

Von Konrad Mrusek, Nusa Dua

Bitte nicht im Schneckentempo: Verkleidete Aktivisten auf Bali

Bitte nicht im Schneckentempo: Verkleidete Aktivisten auf Bali

12. Dezember 2007 Wer vom palmengesäumten Strand kommt, die Hotel-Pools und kurz danach die Sicherheitsschleuse passiert, betritt eine bizarre Welt. Erst recht, seitdem jetzt auch die Politprominenz angekommen ist. Draußen ein tropisches Paradies, drinnen eine heruntergekühlte Versammlung von Besorgten. Die Klimakonferenz auf Bali ist nicht nur deshalb eine eigenartige Veranstaltung, weil die Abwehr eines Klimaschocks just in einem luxuriösen Touristendorf beginnen soll. Die Konferenz irritiert auch wegen ihrer Machart: Das ist kein Ort für eine ernste und ruhige Debatte, sondern eine Mischung aus Volksfest und weltumspannender Umwelt-Messe.

Im Foyer gibt es Stände von Umweltgruppen und Organisationen, die zum Energiesparen oder für den Schutz der Tropenwälder werben. Auf den Gängen herrscht ein Getümmel von Politikern, Beamten, Journalisten und Lobbyisten aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft, und vor dem Zentrum wird jeden Tag eine neue Aktion gestartet. Mal geht es um die gefährdeten Pinguine in der Antarktis, dann wird eine riesige Schnecke aufgefahren, die die Politiker warnen soll, sich beim Klimaschutz am Tempo dieses Tieres zu orientieren.

„Entschi-Ous“, „Bingos“ und „Gongos“

Nichtregierungsorganisationen haben zwar alle denselben Ausweis, doch Kenner wissen zu unterscheiden. Da gibt es die grünen „Entschi-Ous“, also die Umweltaktivisten, kurz NGOs, die „Bingos“ (Business-Lobbyisten) und die „Gongos“. Das sind jene, die nur so tun, als hätten sie mit Regierungen nichts zu tun, aber letztlich Realpolitik für einen Staat betreiben, der weiterhin Kohle oder Erdöl verkaufen und nicht die Emissionen senken will.

„Hier wedelt der Schwanz mit dem Hund“, sagt entnervt der Klimaforscher und Kanzerlin-Berater Hans Joachim Schellnhuber, wenn man ihn auf den Trubel und die Dominanz der NGOs anspricht. Er plädiert dafür, das Format zu ändern, und nur dann, wenn es wirklich etwas Wichtiges zu entscheiden gibt, solche Mammutkonferenzen zu veranstalten. „Wenn hier nichts herauskommt, sollte man die Teilnahme kostenpflichtig machen.“

Ein Fossil aus der Prä-Internet-Zeit?

Kann denn bei einem Getümmel von elf- oder fünfzehntausend Menschen etwas Sinnvolles herauskommen? Oder ist diese Konferenz-Maschinerie ein Fossil aus der Prä-Internet-Zeit? Der Aufwand steht auf jeden Fall im umgekehrten Verhältnis zum Ertrag. Auf Bali wird keine Katastrophe abgewendet, es wird lediglich um Worte gerungen. Wie immer.

Man streitet um die Formulierung eines Mandats für die Verhandlungen, die 2013 das Kyoto-Protokoll ersetzen sollen. Im Bali-Jargon heißt das ganz politisch Roadmap. Die entscheidende Frage ist: Soll diese Straßenkarte nur Worte oder auch Zahlen enthalten? Immerhin: Eine Zahl ist unumstritten. 2009 will man die Verhandlungen in Kopenhagen beenden, damit ein zweites Kyoto-Protokoll rechtzeitig ratifiziert werden kann.

Ein Ergebnis ohne präzise Zahlen

Die anderen Ziffern dagegen sind virtuelle Sprengsätze: Sollen die Industriestaaten bis 2020 ihren Ausstoß an Treibhausgasen um 25 bis 40 Prozent vermindern, und soll bis 2050 ein globaler Rückgang um 50 Prozent angestrebt werden? Amerikaner, Kanadier und Japaner sind gegen diese Zahlen, die Europäer dafür. Und die Chinesen sagen: Wenn die Industriestaaten nicht Vorleistungen bringen, dann tun auch wir nichts. Wie gehabt.

Bis zum frühen Samstagmorgen wird nun gefeilscht, denn hinter den Zahlen verbergen sich ökonomische Interessen. Klimaschutz kostet, vor allem jene Länder, die viel Öl und Kohle verfeuern. Am Ende wird es ein Ergebnis geben, doch präzise Zahlen werden vermutlich nicht im Dokument stehen. Sie werden wohl diplomatisch ummantelt. Entweder durch einen verklausulierten Hinweis auf die Berichte des UN-Weltklimarates, in dem bis 2050 eine Halbierung der Emissionen empfohlen wird, um die Erwärmung nicht über die Gefahrenschwelle von zwei Grad steigen zu lassen. Oder durch die wortreiche Beschreibung eines Emissionstrends, der Ende des nächsten Jahrzehnts nach unten weist.

Auf rhetorische Ohrfeigen wird verzichtet

Bei einem solchen Ergebnis wird nicht allein Umweltminister Gabriel einiges an semantischer Virtuosität benötigen, um daraus in Deutschland einen Erfolg zu machen. Die Konferenz kann nicht einen großen, sondern nur einen kleinen gemeinsamen Nenner schaffen, weil niemand die Bremser ausschließen will. Der Nachfolger des Kyoto-Protokolls soll ein globales Abkommen werden, also möglichst auch Amerika mit einer Reduktionspflicht einschließen und Schwellenländer wie China oder Indien mit gewissen Zusagen einbinden.

Daher will niemand mit rhetorischen Ohrfeigen die Amerikaner aus dem Raum drängen. Außerdem hofft man darauf, dass der nächste amerikanische Präsident ein Demokrat ist und das Land somit bald mehr Konzessionen machen kann. Die Hoffnung ist nicht unbegründet, wie Australien beweist. Der neue Premier Kevin Rudd brachte jetzt nicht nur die Ratifikationsurkunde nach Bali, er hielt auch eine fulminante Rede, die auch im Bundeskanzleramt hätte geschrieben werden können.

Lieber schweigen statt konferieren?

Das Gewusel in den Gängen und das Gerenne der NGOs sind nicht der Kern der Konferenz. Auch die Ansprachen der 140 Umweltminister, die sich im Fünf-Minuten-Rhythmus abwechseln, sind nur rhetorische Fassade. Auf dem Podium sind alle Klimaschützer. Das ändert sich erst hinter den Kulissen, wo um die Zahlen und die Worte gefeilscht wird, wo der Begriff Verhandlung zum weicheren „Dialog“ und aus „Wollen“ ein bloßes „Planen“ wird.

All diesen diplomatischen Aufwand hätte die Welt sich sparen können, wenn sie einer Idee des balinesischen Hindu-Priesters Bhagawandwija gefolgt wäre. Er meinte, statt einer Klimakonferenz hätte die Menschheit lieber vierundzwanzig Stunden lang schweigen, zu Hause bleiben und das Licht ausmachen sollen. Dann würden auch die Autos nicht fahren und die Flugzeuge nicht fliegen. Hinter der Idee steckt ein uralter Glaube der Insulaner. Sie fürchten sich vor Dämonen, und mit einer kompletten Ruhe glauben sie diese überlisten zu können. Die Geister sollen glauben, dass es keine Menschen auf der Erde gibt. Daher ruht beim Nyepi-Festival das Leben einen Tag lang. Bei der Konferenz wurde nicht geruht, sondern gelegentlich auch nachts gearbeitet, doch ob dies dem Klimaschutz nützt, wird man erst in ein paar Jahren wissen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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