09. August 2007 Das Thema interessiert die Menschen – das merkte man schon an der Aufmerksamkeit und der regen Beteiligung an der anschließenden Fragerunde. Verregneter Sommer, brütend heißes Frühjahr – geht es mit unserem Klima bergab?
Und wenn ja: Sind wir selbst schuld? Volker Mosbrugger, Direktor des Forschungsinstituts und Naturmuseums Senckenberg in Frankfurt, versuchte sich dem Thema bei den Wirtschaftsgesprächen am Main“ vorsichtig zu nähern. Er plädierte für eine unaufgeregte Debatte – und trotzdem dafür, mehr zu tun.
Erhöhte Aufmerksamkeit nach dem Stern-Report
Dem Thema Klimawandel kann man im Moment kaum entgehen“, begann der Professor. Für mich hat das schon fast den Charakter von Glaubenskriegen.“ Die Argumente kämen dabei oft zu kurz. Für ihn sei belegbar, so Mosbrugger, dass es einen antropogenen, also einen vom Menschen bewirkten, Klimawandel gebe.
Die Welle“ hat seiner Ansicht nach vor einem Dreivierteljahr mit der Veröffentlichung von Nicholas Sterns Economics of Climate Change“ begonnen, die sich unter anderem mit den Kosten des Klimawandels befassen. Die Weltbevölkerung in der Breite habe spätestens im Januar und Februar dieses Jahres das Thema so richtig wahrgenommen, als der vierte Report der Sachverständigengruppe IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change“) veröffentlicht worden sei. In dem habe zwar grundsätzlich nichts anderes gestanden als in den ersten drei Reports seit 1990 auch. Aber die Sicherheit, mit der Aussagen getroffen werden könnten, sei gestiegen, und damit wohl die Aufmerksamkeit.
Grundsätzlich, so Mosbrugger, müsse man Wetter und Klima unterscheiden. Das Wetter sei das, was uns zwingt, Regenschirm oder Badehose einzupacken“, also vor allem Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Als Klima bezeichne man hingegen das langfristige Mittel solcher Werte. Klimaänderungen könne es auf der Erde grundsätzlich geben, wenn sich etwa die Sonneneinstrahlung verändere, wenn die Atmosphäre ihre Zusammensetzung ändere oder wenn die Oberfläche der Erde anders werde. Die letzten beiden Faktoren seien meistens der Grund gewesen.
Zusammenhang zwischen CO2 und Erderwärmung
Gegner der Theorie eines vom Menschen bewirkten Klimawandels führen bisweilen an, in der Erdgeschichte habe es immer mal wärmere und kältere Phasen gegeben. Mosbrugger meinte dazu: Das stimmt zwar grundsätzlich. Trotzdem gibt es ganz offenkundig Zusammenhänge zwischen Kohlendioxid und Erderwärmung.“
Der erdgeschichtliche Wechsel zwischen warmen und kälteren Zeiten, zwischen Greenhouse“ und Icehouse“, sei in Jahrmillionen verlaufen. Die Durchschnittstemperatur habe im Laufe dieser Zyklen zwischen zwölf und 22 Grad geschwankt. In dieser erdgeschichtlichen Dimension befänden wir uns zurzeit sogar in einer Kältephase, hob Mosbrugger hervor. Das sei allein schon daran zu sehen, dass beide Pole vereist seien: Das war in der Erdgeschichte eher die Ausnahme.“ Diese großen Zyklen seien von kleineren und noch kleineren überlagert gewesen.
Einen guten Eindruck, wie es in einer echten Warmphase (Greenhouse“) auf der Erde gewesen sei, könne man in Südhessen in der Grube Messel gewinnen. Die Funde dort im Schiefer aus der Zeit des Eozän seien etwa 47 Millionen Jahre alt. Damals sei es wärmer gewesen, die Durchschnittstemperatur habe 13 statt zehn Grad betragen. Vor allem die Winter seien mit 17 bis 20 Grad erheblich milder gewesen als heute. Im Sommer habe die Temperatur im Durchschnitt 27 bis 28 Grad betragen, statt 19 Grad heute. Außerdem sei es viel feuchter gewesen, die Niederschlagsmengen hätten bei 1000 bis 1600 Millimeter im Jahr gelegen, heute seien es 661 Millimeter. Außerdem sei die CO2-Konzentration bis zu fünfmal so hoch wie heute gewesen (1000 bis 2000 ppm statt 370).
Temperaturen werden steigen
Seit dem 19. Jahrundert gebe es nun eine starke Zunahme des CO2-Gehalts in der Atmosphäre, die auf den Menschen zurückzuführen sei und mit der Verbrennung von pflanzlichen und fossilen Brennstoffen zu tun habe. In den letzten Jahrtausenden habe die Konzentration immer mal zwischen 200 und 280 ppm geschwankt, auf einmal sei sie aber von 280 auf 370 ppm gestiegen. Weder ist der absolute Wert neu in der Erdgeschichte, noch ist der Anstieg stärker als je zuvor“, sagte Mosbrugger. Allerdings sei dieses Phänomen neu für die Zeit, in der es den Homo sapiens sapiens“ gebe, den Menschen. Verbunden gewesen sei dies mit einem Anstieg von Temperatur und Meeresspiegel.
In den nächsten hundert Jahren nun, so die Prognosen, würden die Temperaturen um im Durchschnitt zwei bis vier Grad steigen. Am meisten werde man an den Polen merken. Für Norddeutschland werde ein Temperaturanstieg um 2,5 Grad prognostiziert, für Bayern um 1,5 Grad – Hessen liege irgendwo dazwischen, so Mosbrugger.
Das Ganze sei keine Katastrophe, aber ein ersthaftes Problem“, meinte der Professor. Es müsse mehr zur Kohlendioxid-Reduzierung getan werden, das sei klar, aber international offenbar nicht so einfach durchzusetzen. Für noch gravierender halte er allerdings die möglichen Folgen einer Überbevölkerung der Welt, unter anderem die drohende Ressourcen-Knappheit. Mosbrugger: Eigentlich bräuchten wir zur Lösung dieser Probleme ein Erdmanagement.“
Die Wirtschaftsgespräche am Main sind eine Veranstaltung der Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main, der Messe Frankfurt GmbH, des Hotels Inter-Continental Frankfurt und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt