Das neue Gesicht der Erde

Wir müssen das Fossilzeitalter beenden

Von Christian Schwägerl

03. Februar 2007 Für den Umbruch unserer planetarischen Lebensgrundlagen, die uns die Weltgemeinde der Klima-, Meeres- und Erdforscher gestern in Paris enthüllt hat, konnte die Menschheit schon ein neues Sinnesorgan und einen neuen Gehirnteil ausbilden. Die technische Prothetik hat Fühler in aller Welt wachsen lassen, neue Nervenzellen auf der dünnen Biosphärenhaut, Messstationen, unterseeische Drohnen, Satelliten. Wir überspielen Temperaturen, Feuchtigkeiten, Niederschläge, Gletscherschmelzen und Eisdicken direkt in unser bildschirmförmiges Weltbewusstsein - und in die siliziumgestützten Rechnergehirne, die uns Bilder von der Zukunft entwerfen.

Mehr als zwanzig Klimamodelle haben die sechshundert Wissenschaftler, die für das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) tätig waren, parallel laufen lassen, was es erstmals ermöglicht, Fehlerbreiten und Wahrscheinlichkeiten präzise zu benennen. Das macht den 2. Februar 2007, an dem das IPCC die physikalischen Grundlagen der neuen Welt beschrieb, so bedeutsam: Neunzig Prozent beträgt die Gewissheit der Supercomputerprogrammierer, dass der Mensch dem Erdklima nicht nur ausgesetzt ist, sondern es aktiv verändert.

So viele Treibhausgase wie in 650.000 Jahren nicht

Das Ausmaß des Wandels erreicht erdgeschichtliche Dimensionen. Wir pumpen binnen eines planetaren Augenzwinkerns die Atmosphäre so mit Treibhausgasen voll, wie die Natur selbst es mindestens in den vergangenen 650.000 Jahren nicht geschafft hat. Der Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Achim Steiner, sieht diesen Freitag in die Geschichtsbücher eingehen, weil das Fragezeichen sich aufgelöst hat, ob es eine vom Menschen verursachte Erwärmung gibt.

In der französischen Hauptstadt lagert demnach seit gestern nicht mehr nur der Urmeter, sondern auch die neue Messlatte des technischen Fortschritts: die Skala der Kohlendioxydintensität. Je nach Kohlendioxydausstoß erwärmen wir die Erdatmosphäre deutlich - um mindestens ein Grad im Szenario „B1“ der bioindustriellen Technikrevolution, oder aber extrem um bis zu sechs Grad im Szenario „A2“ des schlichten Weitermachens.

Zwei Grad Erwärmung bringen Planeten zum Stöhnen

Ein Grad oder sechs Grad Unterschied im Verlauf eines Tages, das macht unserem Körper nicht groß zu schaffen. Aber dies sind globale Durchschnittstemperaturen, die gewaltige Energiemengen kodieren, Dürren ebenso schaffen wie schmelzende Eisschilde und enorme Stürme. In einer Welt, in der Küstenstädte Megalopolen wie Schanghai, New York, Lagos, London sind, soll der Meeresspiegel um mindestens achtzehn und bis zu neunundfünfzig Zentimeter steigen. Schon zwei Grad Erwärmung werden den Planeten zum Stöhnen bringen.

Man muss unter die Klimagraphik die Demographiegraphik legen und wird feststellen, dass die Menschheit in Afrika, Asien und Mittelamerika stark wächst, also wo die dramatischsten Dürren und Überschwemmungen drohen. Von dieser Welt trennen uns Europäer nur Mittelmeer und Kaukasus, aber keine Mauern aus Rechtfertigungen. Wenn Klimaflüchtlinge sich einmal auf den Weg zu den Wohlstandsburgen machen, gehen sie zugleich zur Quelle jener Treibhausgase, die ihre eigene Heimat unbewohnbar gemacht haben.

Dürren, Stürme, Regenfluten, Meereswogen

Da erscheint es sehr verführerisch, „Klimaskeptiker“ zu sein und die Prognosen als Hybris zu deuten; die gewohnte Untertanenrolle gegenüber der Natur steckt noch tief im Genom. Wer das so sieht, verlässt sich seit Freitag nur noch auf zehn Prozent Restentwarnung. Wer sich aber auf das IPCC-Wissen einlässt, wird den modernen Menschen als einen Schöpfer im technischen Zeitalter in den Blick nehmen, der sich vom Bittsteller gegenüber überirdischen Kräften selbst zum Windbeherrscher Äolus verwandelt, vom ameisenhaften Welterkunder zum planetaren Giganten.

Als stünden wir am Beginn einer technischen Schöpfungsgeschichte, beschreibt das IPCC die zukünftige Erde, in der die Menschheit sich in das Klima einmischt und damit Dürren, Stürme, Regenfluten, Meereswogen minderer oder riesiger Intensität bewirkt, in Form von „storylines“, also von Erzählungen. Wie wird es zu schaffen sein, unseren Kindern eine Geschichte mit glimpflichem Ausgang zu erzählen?

Die eigentliche Gefahr lauert unter dem Eis

Alfred Döblin ist 1924 an seiner eigenen, von einem dunklen Futurismus getriebenen Zukunftsgeschichte fast verzweifelt. Mit der Kraft unserer Supercomputer buchstabieren wir heute in den düsteren A-Szenarien der IPCC Döblins Roman „Die Giganten“ aus - das Werk, das Jules Verne in den Schatten stellte, weil es von den wilden Kräften handelte, die auf die Reise im kerosingetriebenen Jet in achtzehn Stunden um die Erde folgen.

Nach der Niederlage im „Uralischen Krieg“ suchen bei Döblin die Völker des Westens im 27. Jahrhundert neue Energiequellen. Sie überziehen die Erde mit einem elektrischen Netz und sprengen die Vulkane Islands, um Grönland zu enteisen. Doch die eigentliche Gefahr lauert unter dem Eis: Bestien, gegen die menschliche Züchtungen, die Giganten, ankämpfen müssen. Noch sind im realen Grönland von heute nur ein paar kleine Inseln aus dem Eis hervorgetreten; „Warming Island“ hat der kalifornische Entdecker Dennis Schmitt eine von ihnen getauft. Nur Stein und Geröll hat der Gletscher auf Warming Island freigegeben, und Döblins Bestien werden nicht auftauchen.

Klimafrage beschäftigt nicht mehr nur die Grünen

Der Mensch hat zum Glück die Möglichkeit, das Schlimmste noch abzuwenden. Dazu braucht er ein weiteres Sinnesorgan: das Kohlendioxydauge. Es muss die technisch freigesetzte Treibhauswärme in seine Wahrnehmung einbauen. Es sieht Rot bei einer deutschen Luxuspanzerlimousine, die wenige Kilogramm Mensch mit einer Tonne Metall umhüllt und von einem Motor getrieben wird, dessen Bauplan steinalt ist. Das Kohlendioxydauge löst Fluchtinstinkte aus bei lächelnden Werbegesichtern, die Interkontinentalreisen fast kostenlos anbieten. Es erkennt beim Gang durch die Supermarktregale in jedem Produkt, wie viel Kohlendioxyd bei der Herstellung angefallen ist.

Die erste gute Nachricht aus Paris ist, dass Achim Steiner uns als freie Wesen beschrieben hat: „Jeder Mensch kann, wenn er morgen vor die Tür tritt, Entscheidungen treffen, die weit über alle Klimaschutzverträge der Regierungen hinausgehen, er kann sich für Verhaltensweisen und Produkte entscheiden, die den Ausstoß an Treibhausgasen verringern.“ Das Wirtschaftsleben ist längst differenziert genug, um mit einem umweltbewussten Leben nicht in das Jutetaschenzeitalter zurückkatapultiert zu werden. Das Schweigen der Grünen in der aktuellen Diskussion zeigt, dass die Klimafrage längst über ihren Kulturkreis hinausgewachsen ist.

Der größte und härteste Intelligenztest der Menschheit

Die zweite gute Nachricht besteht darin, dass nach den Klimaforschern nun die Energieforscher das Wort ergreifen und darlegen werden, welche Ressourcen sie brauchen, um ihre Kenntnisse maximal zu entfalten: für den Übergang in eine kohlendioxydarme Energieversorgung, die nicht zugleich Unmengen von radioaktivem Müll produziert. Die Biologen werden erklären, was sie brauchen, um Pflanzen zu Bioenergiespendern zu transformieren.

Und die Ökonomen werden Wege aufzeigen, die bislang ungedeckten Kosten des Klimawandels so in die Weltwirtschaft einzubauen, dass Kapital und Kundeninteresse automatisch in Richtung der milderen IPCC-Storyline namens „B1“ gehen, in der die Menschheit den Weg aus dem Fossilzeitalter schafft. Eins aber ist klar: Die Klimafrage ist der größte und härteste Intelligenztest in der Geschichte der Menschheit.

Den kollektiven Stoffwechsel neu erfinden

Die ersten Lebewesen, die den Planeten radikal verändert haben, hatten diese Intelligenz nicht. Es waren die Cyanobakterien, die als metabolische Innovation Sauerstoff ausgeatmet und damit die dominierenden Spezies ihrer Zeit verdrängt haben. Wir Tiere atmen Sauerstoff ein und Kohlendioxyd aus und geben so den Pflanzen das Grundmolekül für die Zuckersynthese, die Basis alles Lebens.

Seit dem Beginn der Industrialisierung gibt es ein Menschenphänomen: Wir holen die Reste früherer Organismen - fossilierte Pflanzen und Tiere, kohlenwasserstoffgesättigten Lebensmatsch - aus dem Untergrund und oxydieren sie, verbrennen sie in einer gigantischen industriellen Ausatmung zu Kohlendioxyd. Jetzt müssen wir diesen kollektiven Stoffwechsel neu erfinden.

Text: F.A.Z., 03.02.2007, Nr. 29 / Seite 33
Bildmaterial: F.A.Z.

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