FAZ.NET-Spezial

Wir machen Klima

Von Joachim Müller-Jung, Paris

Dämmerung fürs Weltklima: Das Grönlandeis schmilzt (hier in der Bucht von Kulusuk)

Dämmerung fürs Weltklima: Das Grönlandeis schmilzt (hier in der Bucht von Kulusuk)

02. Februar 2007 Die Prognosen des zwischenstaatlichen Klimabeirates IPCC zum Ausmaß des weltweiten Klimawandels haben sich zahlenmäßig wenig geändert, doch die Wissenschaftler sind sich sicherer denn je, dass der Mensch das Weltklima entscheidend beeinflusst und weitere, gravierende Klimaveränderungen in den kommenden Jahrzehnten zu erwarten sind. Das ist das Fazit, das der IPCC gestern bei der Vorstellung des vierten Weltklimaberichtes in Paris gezogen hat.

Es sei „sehr wahrscheinlich“, was in der Sprachregelung der Klimadiplomaten soviel bedeutet wie: zu mehr als neunzig Prozent sicher, „dass der größte Anteil der beobachteten Erwärmung seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts von der vom Menschen verursachten verstärkten Freisetzung von Treibhausgasen verursacht worden ist“. Erwartet wird, dass die Lufttemperatur, verglichen mit den letzten beiden Dekaden des zwanzigsten Jahrhunderts, global gesehen bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 1,1 bis 6,4 Grad - am wahrscheinlichsten zwischen 1,8 und 4 Grad - und der Meeresspiegel um 18 bis 59 Zentimeter steigen wird, wobei insbesondere bei der Prognose des Meeresspiegels noch größere Unsicherheiten beinhalten. Im dritten Weltklimabericht von 2001 rechneten die Forscher mit 1,4 bis 5,8 Grad Erwärmung und 9 bis 88 Zentimetern Meeresspiegelanstieg.

Deutlich verbesserte Klimamodelle

Bis wenige Stunden vor der Veröffentlichung des Weltklimaberichtes haben an die dreihundert Wissenschaftler und Regierungsdelegierte aus mehr als 130 Ländern im Gebäude der Unesco an der für die Politik bestimmten Zusammenfassung, dem „Summary for Policymakers“, gearbeitet. Fertig gestellt wurde auch der viel umfassendere wissenschaftliche Teil des Weltklimaberichts. Zwei weitere Teilberichte, in denen es um mögliche Gegenmaßnahmen und Anpassungsmechanismen zum Klimawandel geht, sowie eine Synthese sollen in den kommenden Monaten veröffentlicht werden.

„In den vergangenen sechs Jahren seit dem letzten Weltklimabericht wurden die verwendeten Klimamodelle deutlich verbessert“, sagte der Vorsitzendes des IPCC, Rajendra Pachauri. Der klimatische „Fingerabdruck“ des Menschen sei jetzt nicht mehr nur an den wärmeren Lufttemperaturen zu erkennen - lange Zeit ein Kritikpunkt an den Klimadiagnosen -, sondern auch an den Messdaten und Statistiken, die man in den vergangenen Jahren zu Meerestemperaturen, Temperaturextremen und Windströmungen gewonnen habe. Die Klimaentwicklung habe die Forscher in ihren bisherigen Berechnungen und Prognosen bestätigt.

Ein Tag für die Geschichtsbücher?

Achim Steiner, der Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, auf deren Initiative hin gemeinsam mit der Welt-Meteorologie-Organisation das IPCC gegründet worden war, forderte in seiner Stellungnahme eine „entschlossene Reaktion“ der politisch und ökonomisch Verantwortlichen. „Der 2. Februar 2007 könnte eines Tages in die Geschichte als der Tag eingehen, an dem das Fragezeichen hinter dem menschlichen Beitrag zum weltweiten Klimawandel endgültig gelöscht wurde“, sagte Steiner. Er bezeichnete das dreizehnseitige Dokument als ein „eindeutiges Beweisstück“, das von keinem Land der Welt mehr infrage gestellt werden könne.

Der Klimwawandel werde die Menschen in verschiedenen Erdteilen ganz unterschiedlich stark beeinträchtigen, aber besonders hart werde es wohl die ärmeren Erdteile in den Tropen und Subtropen treffen wie Afrika, das zu mehr als dreißig Prozent in dessen Infrastruktur - insbesondere die Wasserversorgung - beeinträchtigt werde. Trockenheit und Dürren werden gemäß dem Klimabericht in diesen Regionen bis nach Südeuropa an den Mittelmeerküsten in den kommenden Jahrzehnten vermehrt auftreten. In den höheren Breiten und der Antarktis rechnet man dagegen mit insgesamt mehr Niederschlägen.

Veränderungen gelten als unausweichlich

Insgesamt gilt der weitere Klimawandel als unausweichlich. Selbst wenn der Ausstoß an Treibhausgasen sofort gestoppt würde, dürfte sich das Klima weiter um mindestens ein zehntel Grad pro Jahrzehnt erwärmen. Gerechnet wird allerdings zumindest in den kommenden Dekaden mit einer doppelt so starken Erwärmung. Wegen einiger Unbekannten im Kohlenstoffkreislauf, etwa die Reaktion der Vegetation, und der künftigen Emissionen an Treibhausgasen könnte diese Erwärmung noch größer ausfallen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Machen Sie sich bereit für die berufliche Herausforderung. Finden Sie jetzt Ihren Traumjob im Ingenieur Channel von FAZjob.NET.

Interaktive Grafik

Szenarien des Klimawandels

Vorhersagen über die Entwicklung des Weltklimas sind zwangsläufig unzuverlässig. Dem vierten Klimabericht der Vereinten Nationen liegen verschiedene Entwicklungsszenarien zugrunde, die Faktoren wie Wirtschaftswachstum, Bevölkerungsentwicklung und technischer Fortschritt berücksichtigen.

Leitartikel

Angst essen Daten auf

Konsequenzen sind nötig: Autoabgase tragen zur Erderwärmung bei

Der neue Weltklimabericht lässt genügend Raum für düstere Prognosen. Doch die Vereinten Nationen schlagen weder plötzlich Alarm noch sagen sie eine Apokalypse voraus. In dieser Sachlichkeit liegt gerade die Überzeugungskraft des Berichts.

Das neue Gesicht der Erde

Wir müssen das Fossilzeitalter beenden

Es scheint klar, dass der Mensch dem Klima nicht nur ausgesetzt ist, sondern es auch aktiv verändert. Das Ausmaß ist enorm. Noch ist nicht alles verloren, doch wir stehen vor dem härtesten Intelligenztest unserer Geschichte.

Treibhausgase

Kohlendioxid-Ausstoß beschleunigt sich

Kohlendioxid-Ausstoß verstärkt nach wie vor den Treibhaus-Effekt

Die auf der Erde entstandene zusätzliche Strahlungsenergie gilt laut dem neuen Weltklimabericht als „beispiellos“. Die Konzentration an Treibhausgasen in der Atmosphäre war seit Hunderttausenden von Jahren nicht so hoch, heißt es.

Erderwärmung

Hitzerekorde häufen sich

Heiße Jahren häufen sich in jüngster Vergangenheit, Dürren nehmen zu

Ein eindeutiger Trend: Von den letzten zwölf gehören elf zu den wärmsten Jahren seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Ursachen für die Beschleunigung der Erderwärmung sind noch nicht entschlüsselt.

Eisschmelze

Meereis wird an beiden Polen zurückgehen

Gletscher und Eisschilde schmelzen dahin

Wie würde ein Abschmelzen der großen kontinentalen Eisschilde den Meeresspiegel beeinflussen? Diese Frage kann der aktuelle Weltklimabericht nicht eindeutig klären. Sollte das Grönlandeis verschwinden, würde dies einen Anstieg um sieben Meter bedeuten.

Wetterextreme

Mehr Hitzewellen und Überflutungen

Treten Wetterextreme wirklich häufiger auf? Elbehochwasser im April 2006

„Das Wetter spielt verrückt“. In den vergangenen Jahren ist ein solcher Satz häufiger zu hören. Dass es tatsächlich zuletzt mehr extreme Wettereignisse geben hat als früher, kann die Forschung bisher nicht eindeutig belegen.

Golfstrom

„Europas Heizung“ bleibt intakt

Eiszeit durch Klimawandel: „The Day After Tomorrow” bleibt Fiktion

Diese Befürchtung ist weit verbreitet: Trotz der globalen Erwärmung könnte in Europa eine Eiszeit ausbrechen, weil sich die Meeresströmungen verändern und der Golfstrom versiegt. Hinweise darauf gibt es bisher nicht.

Weltklimabericht

Eine Superwarmzeit steht bevor

Ausgetrockneter Rhein in Düsseldorf (Juli 2003): Künftig die Regel

Der neue Weltklimabericht der Vereinten Nationen enthält erschreckende Prognosen. Der Klimawandel wird unsere Zivilisation verändern, einige Länder werden sich nicht anpassen können. Ein Resümee der Forschung vom Mitautor des Klimaberichts Peter Lemke.

Klimahistorie

Planet der dauernden Veränderungen

Binnen 25 Jahren könnten Tausende solcher Inselparadiese untergehen

Das Klima wandelt sich. Das hat es aber schon immer getan. In den vergangen 12.000 Jahren ist der Meeresspiegel auch ohne vom Menschen produzierte Treibhausgase um rund 100 Meter gestiegen.

Vor dem Weltklimabericht

Stürmische Zukunft

Schieflage: Amerikas Regierung fürchtet sich vor dem Weltklimabericht

Die Spannung ist greifbar: Der neue Weltklimabericht, der an diesem Freitag veröffentlicht wird, wird unangenehme Wahrheiten enthalten. Auch die amerikanische Regierung wird sich den Fakten kaum noch entgegenstemmen können.

Klimabericht

Mensch verursacht tatsächlich Erderwärmung

Der Mensch ist durch seinen Energieverbrauch tatsächlich schuld an Klimawandel und Erderwärmung, heißt es in dem am Freitag vorgelegten UN-Klimabericht.

Korallenriff

Great Barrier Reef akut gefährdet

Das weltgrößte Korallenriff vor der australischen Küste ist Forschern zufolge wegen der Erderwärmung akut gefährdet. Ein Absterben des Great Barrier Reef hätte gravierende Veränderungen des Ökosystems zufolge. Auch Tourismus und Fischerei würden leiden.