Antarktisstation Neumayer III

Von der Höhle in den Plattenbau

Von Horst Rademacher

07. September 2007 Seit mehr als einem Vierteljahrhundert leben deutsche Antarktisforscher im Dunkeln. Gemeint ist nicht das fehlende Tageslicht während der Polarnächte.

Vielmehr hausen die Überwinterer auf der Neumayer-Station während ihres jeweils fünfzehn Monate langen Aufenthaltes auf dem Polarkontinent dauernd „unter Tage“. Die beiden bisherigen deutschen Antarktisstationen auf dem Ekström-Schelfeis in der Atkabucht des Weddellmeeres waren nämlich so konstruiert, dass sie schon wenige Monate nach dem Aufbau von dem vom Wind über das Eis gefegten Schnee zugedriftet waren und begannen, im Eis zu versinken.

Schutz durch Versinken im Eis

Im Laufe der Zeit lugten nur noch die Stahlgerüste für die Treppentürme der Stationen und die Masten für Antennen und Messinstrumente über die Eisoberfläche hinaus. Die neue Polarstation „Neumayer III“, die am morgigen Samstag zum Tag der offenen Tür am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven zu besichtigen ist, steht dagegen auf Stelzen und soll während ihrer Betriebszeit in den kommenden 25 Jahren dafür sorgen, dass die Forscher bei ihrem Dienst in der südpolaren Kälte stets „über Tage“ bleiben.

Das Versinken der bisherigen Stationen - sie wurden 1981 beziehungsweise 1992 gebaut - war durchaus geplant. Die Stationen bestanden nämlich jeweils aus in der Form des Buchstabens H auf das Eis gebauten Röhren aus gewelltem Stahlblech. Darin waren dann jeweils Wohn- und Laborcontainer sowie die Einrichtungen zur Energie- und Wasserversorgung untergebracht.

Außerdem parkten die Polarforscher in einer der Röhren die Kettenfahrzeuge und Schneemobile, die sie für den Transport auf dem Schelfeis brauchten. Mit dem Zudriften und späteren Versinken im Eis waren die Stationen gegen die Unbilden des Polarwinters gerüstet.

Die Wunder der Polarnacht - vom Fenster aus

Trotz behaglich eingerichteter Wohncontainer hatten die jeweils bis zu neun auf den Stationen lebenden Überwinterer aber stets das Gefühl, mehr als ein Jahr lang in einer fensterlosen Höhle zu leben. Die Wunder der Polarnacht ließen sich nur dann beobachten, wenn die Forscher in schwerer Polarausrüstung aufs Eis gingen. In den Stationen anderer Länder, darunter auch in der inzwischen abgebauten Forster-Station der ehemaligen DDR, brauchten die Überwinterer dagegen nur einen Blick aus dem Fenster zu werfen.

Die windgepeitschte Schneedrift ist gerade in der Antarktis ein Naturgesetz. Sie führt dazu, dass sich hinter jedem Hindernis Schneewehen bilden. Selbst wenn der Schnee pausenlos weggeschaufelt würde, lässt sich ein Zudriften einer direkt auf dem Eis gebauten Station nicht vermeiden.

Steht die Station zusätzlich auf einem Schelfeis oder einem Eisfeld, kommt hinzu, dass sie unter ihrem eigenen Gewicht allmählich im Eis versinkt. Die Stahlröhren bieten dann einige Jahre lang Schutz vor der vom Druck des Eises verursachten Verformung der Einrichtungen.

Stelzen mühsam von Hand hochkurbeln

Eine Möglichkeit, die Folgen der unweigerlich auftretenden Schneedrift zu vermeiden, ist es, die Station auf Stelzen zu bauen. Die nun vorgestellte Station, mit deren Aufbau noch in diesem Südsommer auf dem Ekström-Schelfeis begonnen werden soll, ist nach diesem Prinzip konstruiert. Vollständig vermeiden lässt sich die Ansammlung von Schnee allerdings nicht. Deshalb müssen die Stelzen in regelmäßigen Abständen verlängert werden.

Schon einmal haben deutsche Polarforscher das Stelzenprinzip erfolgreich beim Bau einer Station angewandt. Die nur im Polarsommer bewohnte, inzwischen aufgegebene Station „Filchner“ stand auf „langen Beinen“. Allerdings war sie wesentlich kleiner als die neue Neumayer-Station.

Außerdem mussten Techniker die Stelzen in jedem Südfrühling mühsam von Hand hochkurbeln, um wieder einen genügend großen Abstand zur Eisoberfläche herzustellen. Bei „Neumayer III“ geschieht diese Korrektur per Knopfdruck hydraulisch.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Animation AWI, Jens Fickert, Ude Cieluch/AWI

 
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