Atmosphärenphysik

Luftlöcher

Von Joachim Müller-Jung

30. April 2008 Unter dem klingenden Titel „Geo-Engineering“ gelingt den Vertrauten des Klimschutzes so manche Extra-Debattenrunde. Dass unter den Ideen auch Aberwitziges vorkommt, ist dabei nicht mal ungewöhnlich. In den frühen empirielosen Stadien des Nachdenkens und Abwägens sind verrückte Ideen Teil der wissenschaftlichen Kreativität. Insofern war der vor zwei Jahren von Chemienobelpreisträger Paul Crutzen vorgeschlagene stratosphärische „Sonnenschirm“ aus gelben Sulfatpartikeln, die man in die Atmosphäre injiziert, ein nicht völlig abwegiger Beitrag.

Dies umso mehr, als der Mainzer Atmosphärenchemiker immer wieder zu Protokoll gab, damit eigentlich nur die Dringlichkeit klimapolitischer Maßnahmen vor Augen führen zu wollen. Überrascht war man dann allerdings, als Crutzen vor Wochen in den „Geophysical Research Letters“ eine Berechnung der optimalen Partikelgröße für den Schwefelteilchen-Schirm vorlegte. Wollte er es doch darauf ankommen lassen? Drei Atmosphärenforscher, darunter Rolf Müller vom Forschungszentrum Jülich, haben den Nestor der Atmosphärenchemie jedenfalls beim Wort genommen.

Crutzen bietet sich als Wegbereiter neuer Ozonlöcher an

In der aktuellen „Science“ führen sie vor, dass die Schwefelspritzen die Ozonhülle über den Polen zersetzen und damit die Bemühungen des bis heute erfolgreichsten multilateralen Umweltschutz-Regimes mit einem Schlag sabotieren würden. Ausgerechnet: Der Forscher, der für die Aufklärung des Ozonlochs mit dem Nobelpreis gekürt wurde, bietet sich als Wegbereiter neuer Ozonlöcher an.

Crutzen war düpiert – war er? Aus dem „paradiesischen Kalifornien“ schickt er uns die Zusicherung, die Veröffentlichung „erhöht meine Skepsis zu dem Sulfatexperiment. Ich habe von Anfang an vorgeschlagen, sich kritisch Gedanke zu machen über die Nebeneffekte.“ So zeigt man Größe. Vielleicht sollte er diese auch nutzen, das Gedankenexperiment für beendet zu erklären. Sonst besteht die Gefahr, dass die nächste Extra-Debattenrunde nicht lange auf sich warten lässt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

 
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