Klimagipfel

Was kostet die Welt?

Von Joachim Müller-Jung

18. November 2009 Sind das noch Rollenspiele oder doch schon die letzten Zuckungen der Klimadiplomatie? Was sich in den vergangenen Tagen auf offener Weltbühne an Psychospielchen rund um den bevorstehenden Klimagipfel von Kopenhagen abgespielt hat, bietet scheinbar Stoff für große Dramen. Dabei zeigt doch der Blick zurück vor allem eines: Krampf und Kampf gehören zum Kalkül der Verhandler. Motto: Tief stapeln und dann hoch steigen. Je tiefer die Erwartung, desto größer später der Applaus. Inszeniert wird der krachende Misserfolg, gefeiert wird dann der - nicht selten lauwarme - Erfolg.

"Ich bin mir nicht sicher, was mir lieber ist", sagt Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut, der Klimaberater der Bundeskanzlerin, der ein "Alibi-Ergebnis" am meisten fürchtet. Und zwar nicht etwa, weil damit keine rechtsverbindlichen Zusagen mehr für den Klimaschutz zu erwarten wären - die hält Schellnhuber in "zwei Nachbearbeitungskonferenzen" für realisierbar. Nein, die wirkliche Gefahr sei, dass die Erwartungen und der Ehrgeiz zu Großtaten generell leiden könnten.

Die geldwerten Vorteile

Tatsächlich sind die Erwartungen zuletzt enorm gestiegen. Und keineswegs nur bei Klimaschützern. Für Natur- und Artenschützer gilt das genauso. Ihr Ziel für Kopenhagen trägt den Titel: "Initiative zur Vermeidung und Reduzierung der Entwaldung", kurz Redd-Plus. Ein Fünftel der globalen Emissionen an Kohlendioxid gehen auf das Konto der Tropenwaldrodungen. Im Klimavertrag von Kopenhagen soll nun zwischen Tropenländern und den Industrieländern zum ersten Mal vereinbart werden, dass die unsichtbaren Dienstleistungen von Ökosystemen einen Marktwert haben sollen.

Wer den Regenwald schützt und damit Kohlenstoffspeicher schont sowie die Artenvielfalt schützt, soll dafür bezahlt werden - sei es durch direkte Zahlungen oder, was auch noch auf dem Verhandlstisch liegt, durch Zuteilung von handelbaren Klimazertifikaten. Was das im Idealfall bedeuten könnte, ist in dem ersten Bericht zur "Ökonomie der Ökosysteme und der Biodiversität" (TEBB) nachzulesen. Der indische Ökonom Pavan Sukhdev hatte vor anderthalb Jahren vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen und dem deutschen Umweltministerium den Auftrag erhalten, die geldwerten Vorteile des Naturnutzens zu beziffern.

Ein Beispiel

Ähnlich wie Lord Nicholas Stern für den Klimaschutz soll Sukhdev für den Naturschutz vorrechnen, dass sich Umweltinvestitionen lohnen. Und wie jener, weckt auch er große Erwartungen. Da werden naturschädliche Subventionen für Bergbau, Landwirtschaft und Fischereiwirtschaft gegeißelt; verklärt hingegen das Verursacherprinzip und die Wertsteigerung der Schutzgebiete mit ihren Ökosystemleistungen.

Ein Beispiel aus Thailand: Schrimp-Kulturen an abgeholzten Mangrovenstreifen bringen jährlich knapp 1200 Dollar je Hektar ein, die Verluste für die Küstendörfer durch Fischereieinbußen, Holzmangel und Küstenerosion belaufen sich aber auf rund 12.000 Dollar je Hektar - nicht gerechnet die Wiederherstellungskosten in Höhe von 9000 Dollar pro Hektar und den angenommenen Mehrwert des Mangrovenwaldes als Kohlenstoffspeicher.

Kritik an Ökosystemvermarktung

Ähnliche Ökoprofite verspricht man für den Regenwaldschutz. Doch Renditen wie diese sind hypothetisch. So hypothetisch wie die Erfolge der Ökosystemvermarktung generell. Das schreiben jedenfalls ein gutes Dutzend prominenter Ökologen in der Zeitschrift "Current Biology". Zu der Gruppe gehören Stuart Pimm von der Duke University, Alan Grainger von der University of Leeds und der Frankfurter Zoodirektor Manfred Niekisch. Sie warnen vor allzu naiven Vorstellungen im Hinblick auf REDD-Plus.

Pauschal Gelder oder Zertifikate für den Tropenwaldschutz zu vergeben, sei sehr gewagt. Viele Länder würden vermutlich zuerst jene Gebiete vermarkten, deren Schutz sie besonders wenig kostet - die aber selten auch die größte Artenvielfalt enthalten. Würden nicht noch spezielle Regeln für die artenreichten "Hotspots" festgelegt, so heißt es in der Analyse, "würden die Wälder nicht nach ihrem Ökosystemwert, sondern rein nach ihrem Gehalt an Kohlenstoff bewertet."

Viele der artenreichsten Wälder liegen in Gebieten mit extrem schnell wachsender Bevölkerung. Wie das Amazonasbecken sind sie einem besonders großen Sedlungs- und Nutzungsdruck ausgesetzt und ihr Schutz entsprechend teuer. Ebenso fatal: Werden morgen Schutzgebiete ausgewiesen und mit Zahlungen belohnt, könnten übermorgen die Abholzungen auf Nachbarregionen verlegt werden - beispielhaft zu beobachten bereits in peruanischen Amazonasgebieten, wo die Abholzungen auf ungeschützten Flächen in kurzer Zeit auf das mehr als Dreifache gestiegen sein soll. "Redd für bestimmte Regionen einzuführen könnte bedeuten, die Zerstörung des Artenreichtums auf anderen Arealen zu beschleunigen", schreiben die Biologen. Es bleibt dabei: Kopenhagen bietet viel Frustpotential nicht nur für Klimaschützer.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!