Neuer Vergnügungspark

Eldorado in der spanischen Steppe

Von Leo Wieland, Los Monegros

19. Januar 2008 Die Millionenspiele der Weihnachts- und Dreikönigslotterie sind vorbei. Aber an einem Ort in Spanien hoffen die Leute noch immer, dass es bald goldene Taler vom Himmel regnet. Dieser Ort heißt Los Monegros. Er liegt nahe der Stadt Saragossa in dem ehemaligen Königreich Aragonien. Wie sein Name - die Abkürzung von Montes Negros - sagt, gab es hier einmal schwarze Berge. Als die Armada aber die Bäume zum Schiffbau brauchte, holzte man sie mit Stumpf und Stiel ab. Nun sind die Monegros schon eine gute Weile lang Steppe mit karger Landwirtschaft, dünner Besiedlung (sieben Einwohner pro Quadratkilometer) und ärmlichen, oft halbverlassenen Dörfern. Dennoch träumen einige davon, das hier bald das neue Dorado entsteht.

Denn in dieser Gegend, die halb zu der Provinz Saragossa und halb zu Huesca gehört, soll der größte Vergnügungspark Europas entstehen. Den Superlativ rechtfertigen schon die bislang zugesagten siebzehn Millionen Euro private Investitionen, die das in London ansässige Konsortium International Leisure Development (ILD) mit zwölf Unternehmen von Australien bis Großbritannien schon aufgebracht haben will. Auch die aus Sozialisten und gemäßigten Regionalnationalisten bestehende Koalitionsregierung Aragoniens ist mit Begeisterung und großzügigen Infrastrukturzusagen dabei. Sie - und die Madrider Zentralregierung - sieht Milliardensteuereinnahmen und die Schaffung von Zehntausenden Arbeitsplätzen winken.

Zitterpartie für die Anwohner

Das Projekt unter der vorläufigen Bezeichnung „Gran Scala“ wurde im Dezember von Politikern und Investoren vorgestellt. Auf zweitausend Hektar Ödland sieht es in drei Schritten den Bau von 32 Spielkasinos, siebzig Hotels, 232 Restaurants, fünf Themenparks, zwölf Museen, Einkaufszentren, Golfplätzen, einer Pferderennbahn und sogar einer Stierkampfarena vor. Bei diesem Volumen griffen die Impresarios selbst zu kapitalen Vergleichen: „Las Vegas 2“ oder neues „Goldenes Dreieck“ aus Las Vegas, Macao und ebenden Monegros. Auf dem Areal, das mit Viehfutterfeldern und Schweinekoben seine Bewohner mehr schlecht als recht nährt, soll also eine Spiel-, Vergnügungs- und Erholungsstadt mit hunderttausend Einwohnern entstehen. Es wäre nach Saragossa die zweitgrößte Stadt Aragoniens.

Aber wo genau im Herbst die ersten Spatenstiche getan werden können, wurde noch nicht bekanntgemacht. Die Zitterpartie für die Anwohner, die einer „Neubewertung“ ihres Bodens in der Erwartung entgegenfiebern, dass ihr Kartoffeläckerchen über Nacht ein Vermögen wert sein könnte, wird erst in der kommenden Woche enden. Um kaum etwas anderes kreisen die Gespräche in den Bars von Villafranca, Monegrillo, Castejón, La Almolda oder der „Hauptstadt“ Sariñena.

Nur Adolfo Barrena von der grün-kommunistischen Partei Izquierda Unida müht sich redlich, Wasser in den Wein zu gießen und von „nachhaltiger Entwicklung“ im Gegensatz zu umweltschädlichem Unterhaltungsprotz zu reden. Aber er macht wenig Eindruck auf die Monegriner, die in ihren längst unter der Abwanderung der Jungen leidenden Gemeinden gar keine Entwicklung, geschweige denn eine nachhaltige erkennen können. „Hier wohnen bald nur noch drei Katzen“, sagt einer von ihnen über einem Glas Roten. Und ein anderer fügt hinzu, dass „Gran Scala“ vielleicht tatsächlich für Aragonien „das gewaltigste Ding seit der Geburt des katholischen Königs Ferdinand“ werden wird.

Woher soll das Wasser für die Golfplätze kommen?

Die vor keinem Großprojekt zurückschreckenden Sozialisten im spanischen Norden haben im Übrigen schon gezeigt, dass sie den Platz, die Mittel und den politischen Willen haben, um auf geradezu amerikanische Weise „weit und breit zu denken“. Am Stadtrand Saragossas wächst in verkehrsgünstiger Lage (Flughafen, Autobahnen, Schnellzugverbindungen) in Gestalt der „Plataforma Logística“ schon Europas größter Warenumschlagsplatz. Einen Steinwurf entfernt wird gerade für diesen Sommer eine neue Weltausstellung vorbereitet. Diese „Expo“ hat das Wasser zum Thema. Es ist nicht nur für Spanien, das sich durch den Klimawandel auf dem Kontinent am meisten von Dürre, Hitze und Versteppung bedroht fühlt, aktuell. Die „schwarzen Berge“ selbst sind ein Menetekel.

Denn woher soll das Wasser für die Golfplätze von „Eurovegas“ in der Wüste kommen? Der aragonesische Ministerpräsident Marcelino Iglesias deutet auf den nahen Ebro und versichert, die Versorgung mit rund vierzehn Hektokubikmetern im Jahr - ausreichend für eine Stadt mit hunderttausend Einwohnern - sei „sichergestellt“. Doch nicht einmal die Umweltministerin der Madrider Regierungschefs José Luis Rodríguez Zapatero, Cristina Narbona, ist sich da gleichermaßen sicher. Sie, die sich noch lebhaft an die Verrenkungen und den Nachbarschaftsneid erinnert, als die ehemalige Madrider Regierung unter José María Aznar den Ebro „umleiten“ wollte, um mehr Wasser an die Mittelmeerküsten und nach Andalusien zu schaffen, hatte bei ihrem Amtsantritt im Jahr 2004 vor, die Monegros zu einem neuen Nationalpark zu erklären.

Ökologen und Vogelschützer haben einen schweren Stand

Doch ihre Genossen in Saragossa, die stolz verkünden, dass Aragon für das kassenfüllende Roulette- und Achterbahn-Abenteuer „Land, Wasser, Strom und Rechtssicherheit“ habe, wollen davon nichts wissen. Sie glauben fest daran, dass in „Gran Scala“ der Teilbetrieb schon 2010 aufgenommen werden kann. Zehn Jahre später würden schließlich von dem fertigen Projekt jährlich bis zu 25 Millionen Besucher aus Europa und Übersee in die dann blühende Steppe gelockt. Und wenn dem ein Gesetz entgegensteht, das in Aragonien bislang nur ein Spielkasino je Provinz erlaubt? Dann muss, wie der stellvertretende Ministerpräsident José Ángel Biel ankündigte, dieses Gesetz eben geändert werden - und zwar sofort.

Ökologen und Vogelschützer, unter ihnen die Bürgerinitiative „Aragonien steht nicht zum Verkauf“, haben einen schweren Stand. José Luis Martínez, der vor finsteren Spekulationsverschwörungen mit gerissenen Zwischenhändlern warnt, prognostiziert, dass hier bald „Sand zum Preis von Mehl“ verkauft werde. „Gran Scala“ gewinnt derweil aber auf dem Reißbrett Kontur. Architekten und Arbeiter, Bauunternehmer und Bauern, Makler und Funktionäre beugen sich zugleich über die Landkarte und suchen nach dem wahrscheinlichen „Glücksareal“. Es soll, so die Vorgaben, nicht weiter als maximal zehn Kilometer von den nächsten Schnellzug- und Autobahnanschlüssen entfernt sein, aber mindestens fünfzig von Saragossa, mit Zugriffsmöglichkeiten auf Wasser und Elektrizität. Eine Expertenkommission trifft gerade unter strikter Diskretion die Vorauswahl. Am Dienstag will sie dem Konsortium „fünf oder sechs Alternativangebote“ präsentieren. Die drängelnden privaten Geldgeber haben dann das letzte Wort. Es soll „bis Ende Februar“ gesprochen werden.



Text: F.A.Z., 19.01.2008, Nr. 16 / Seite 7
Bildmaterial: AFP, F.A.Z., REUTERS

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