Mensch und Maschine

Bionade im Monsterkühlschrank

Von Sascha Lehnartz

13. März 2008 Neulich stand ich in einem der mich umzingelnden Media-Märkte (oder vielleicht war es auch ein Saturn) vor einer Fernsehmauer. Es handelte sich um ein Plasma-Gerät von Panasonic mit einer Bildschirm-Diagonale von 103 Zoll, das sind zwei Meter und 61 Zentimeter. Von der Größe her passt so etwas ganz gut in eine Reithalle. Neben mir stand eine Kleinfamilie, die anscheinend über einen geeigneten Wohn-Hangar verfügte, denn sie signalisierte ernsthafte Kaufabsichten. Der „Mitnahmepreis“ von 79.999 Euro schreckte sie jedenfalls nicht ab, allerdings schien die Familie sich nicht ganz einig zu sein, wie man ein Gerät „mitnimmt“, das 230 Kilo wiegt und mit einer Höhe von 1,74 Meter bei einer Breite von 2,41 Metern fast so groß ist wie ein Handballtor. Offenbar ist die Zahl der Fernsehfreunde, die sich eine Bilderwand in der Preisklasse einer Luxuslimousine anschaffen, gar nicht so gering.

Es gebe „schon einige Leute“, die sich solche Geräte leisten könnten, verrät Panasonic-Pressesprecher Michael Langbehn, ohne genaue Zahlen zu nennen. Man verkaufe zwar von diesem Typ „keine zehntausend“ Geräte, doch der Absatz entwickele sich erfreulich. Vor kurzem habe seine Firma auf der „Consumer Electronics Show“ in Las Vegas sogar einen noch größeren Plasma-Fernseher vorgestellt - mit einer Bildschirm-Diagonale von 150 Zoll. Das sind 3,81 Meter. „Einige müssten da wahrscheinlich erst ein Haus drum herum bauen“, räumt Langbehn ein. Was dieses Monstrum im Laden kosten wird, kann er leider noch nicht sagen. Womöglich gehört Roman Abramowitsch, der sich als Hobby auch den FC Chelsea leistet, wieder zu den ersten Bestellern. Zumindest habe der russische Öl-Milliardär gleich das erste 103-Zoll-Gerät geordert, als es vor zwei Jahren auf den Markt kam - allerdings nicht für zu Hause, sondern „für eine seiner Yachten“, erzählt Langbehn.

Im VW Touared zum Bio-Markt

Im VW Touared zum Bio-Markt

Ein eigenartiger Trend

Dass Abramowitsch sich so ein Spielzeug gönnt, scheint naheliegend, denn aufgrund seiner engen Bindung an die Energiewirtschaft muss er sich keine großen Sorgen wegen der Betriebskosten des Apparates machen, die einen Durchschnittsnutzer vielleicht umtreiben könnten: Die Leistungsaufnahme liegt bei 1500 Watt, das ist etwa dreimal so viel, wie ein - auch schon nicht ganz kleiner - 50-Zoll-Plasma-Fernseher verbraucht. Und zwanzigmal so viel wie bei einem guten alten, mittelgroßen Röhrenfernseher. Wer sich so ein Ding kauft, kann eigentlich auch gleich mit dem Porsche Cayenne im Wohnzimmer herumfahren. In der Umweltbilanz kommt das ungefähr aufs Gleiche raus.

Die stetig steigenden Absatzzahlen der Riesenglotzen sind Anzeichen eines eigenartigen Trends, der dem wachsenden Umweltbewusstsein in Zeiten aufgeregter Klima-Debatten seltsam zuwiderläuft: Immer mehr Leute wollen immer größere und leistungsfähigere Haushaltsgeräte und verbrauchen deshalb zwangsläufig immer mehr Strom. Nun ist die Nachfrage nach 3,81-Meter-Diagonalen noch überschaubar, aber der Trend zu möglichst viel Bild (und damit zu hohem Energieverbrauch) ist eindeutig: Bei LCD-Fernsehern sind 32-Zoll-Geräte derzeit besonders gefragt, bei Plasma-Fernsehern sind es gar schon 42-Zoll-Geräte, und auch bei 50-Zoll-Geräten steigen die Umsätze: nach einer Untersuchung der „Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik“ im Jahr 2007 bei LCD-Geräten um 51,1 Prozent und bei Plasma-Geräten um 17,5 Prozent. Panasonic-Sprecher Langbehn beteuert zwar, die Behauptung, zur Deckung des Energiebedarfs müssten acht neue Atomkraftwerke gebaut werden, wenn alle deutschen Haushalte einen Plasma-Fernseher besäßen, sei eine maßlose Übertreibung, die von einem Konkurrenten in Umlauf gebracht wurde, der ausschließlich die vorgeblich sparsameren LCD-Bildschirme produziert.

„Möglichst grüne Produkte“

Doch dass die neuen Lieblingsspielzeuge eine überzeugende Öko-Bilanz vorzuweisen hätten, wagt auch Langbehn nicht zu behaupten. Die Geräte seien „ein bisschen in Verruf geraten“, räumt er ein. Aber Plasma sei im Vergleich zu LCD eine recht junge Technologie, das „Optimierungspotential“ noch nicht ausgeschöpft. Die Industrie erarbeite derzeit einheitliche Bemessungsgrundlagen für den Verbrauch, und man mühe sich redlich, „möglichst grüne Produkte“ anzubieten.

Letzteres versuchen ja inzwischen fast alle, doch die Hersteller stecken dabei in einem Zwiespalt: Einerseits wünschen sich viele Käufer irgendein Etikett, auf dem „Bio“ oder „Öko“ steht, andererseits verlangen sie nach immer kraftvolleren Produkten mit ebenso energieintensiven wie fragwürdigen Zusatzfunktionen.

Ähnlich deutlich wie bei Fernsehern ist der Trend zur Gigantomanie bei Kühlschränken. In diesem Segment findet man inzwischen in den einschlägigen Fachmärkten immer mehr Geräte in Panzerschrank-Größe, wie man sie seit langem aus Amerika kennt, wo die Durchschnittsgrößen für Haushaltsgeräte schon seit Jahren kontinuierlich steigen. Aber der bis vor kurzem noch gültige Konsens, dass nur die für beschränktes ökologisches Bewusstsein und problematische Essgewohnheiten berüchtigten Amis sich solche Ungetüme in die Küche stellen, gerät nun genauso ins Wanken wie die einst als gesichert geltende Annahme, nur Amerikaner seien so dämlich, mit spritfressenden Allradfahrzeugen durch urbane Gebiete zu pimpen.

Klo-Spülkästen mit eingebautem LCD-Bildschirm

Wir sind jetzt schon genauso dämlich. Auch Mittel- und Nordeuropäer scheinen davon überzeugt zu sein, dass sie unbedingt zweitürige Kühl- und Gefrierkombinationen brauchen, die rund um die Uhr Eiswürfel produzieren. So beschleunigt man den Klimawandel - und ist gleichzeitig auf dessen Folgen vorbereitet, wenn es demnächst öfter heiß genug für Caipirinhas ist.

Sogenannte „Side-by-side“-Geräte sind doppelt bis dreimal so groß wie traditionelle Kühl- und Gefrierkombinationen und verbrauchen doppelt bis dreimal so viel Energie. Und wenn ein solches Gerät in die „Energie-Effizienz-Klasse A“ eingestuft wird, dann bedeutet das auch nur, dass es immerhin auf effiziente Weise unnötig viel verbraucht. Neben dem fast schon obligatorischen Eiswürfelspender gibt es inzwischen auch Kühlschränke mit eingebautem LCD-Fernseher und DVD-Anschluss, wie etwa den „GR-G227 STBA“ von LG. Der Hersteller, für den übrigens die deutsche Fußballnationalmannschaft wirbt, verspricht „Design mit höchstem Coolness-Faktor“ und „das Vergnügen, auch beim Getränkeholen immer am Ball zu bleiben“. Diesem Ansatz gemäß müssten eigentlich auch Sanitär-Hersteller Klo-Spülkästen mit eingebautem LCD-Bildschirm anbieten, damit man auch beim Getränke-Wegbringen immer am Ball bleiben kann. Und was auch noch dringend erfunden werden müsste, ist ein mit Bio-Diesel befeuerter fahrbarer Staubsauger mit Allrad-Antrieb. Der könnte nachhaltig zur Aufweichung von traditionellen Geschlechterrollen bei der Hausarbeit beitragen.

Der Konsument ist ein widersprüchliches Wesen

Bei Media-Markt bestätigt ein Sprecher des Unternehmens den „Trend zu großen Geräten mit besonderen Ausstattungsmerkmalen“. Grund dafür sei zum einen das steigende Interesse an funktionalen Haushaltsgeräten, die auch „unter Design-Gesichtspunkten attraktiv sind“. Zum anderen erweiterten die Hersteller ständig ihr Angebot. Mit anderen Worten: Protz-Produkte sind beliebt, deshalb werden dauernd neue produziert. Gleichzeitig spiele jedoch die Frage nach der Energie-Effizienz für Kunden eine wachsende Rolle. Wie gesagt: Der Konsument ist ein widersprüchliches Wesen, das immer nur partiell ökologisch vernünftig handelt. Und so passiert es eben, dass er im VW Touareg oder in der M-Klasse zum Bio-Markt fährt, dort eine Kiste Bionade, ein Paket organischen Wasserbüffel-Mozzarella sowie ein Pfund Öko-Strauchtomaten ersteht - und das ganze Zeug hinterher in einem strommampfenden Monster-Kühlschrank bunkert, der Bakterien mit „Bioshield“-Beschichtung bekämpft. Wenn einem danach ist, kann man sich hinterher auf seinem 3,81-Meter-Plasmabildschirm noch eine Dokumentation über den vom Aussterben bedrohten, rückenschwimmenden Kongo-Wels anschauen.

Es geht allerdings auch andersrum: Der Verbraucher kauft alles mit dem Fahrrad beim Discounter ein und brutzelt „Gammelfleisch auf dem Designer-Herd“, wie es Rainer Grießhammer vom Freiburger Öko-Institut formuliert. Er spricht vom „Patchwork-Konsumenten“, der verschiedene Lebensstile in sich vereinige. Grießhammer, der auch eine mengenmäßige Aufrüstung im Haushalt beobachtet, sieht dafür demographische Gründe. Es gebe eben mehr Ein- und Zwei-Personen-Haushalte, mehr Geräte pro Haushalt und pro Einwohner sowie größere Wohnflächen als früher. Außerdem hätten sich die Ansprüche an die Produkte erhöht. „Die müssen immer größer und leistungsfähiger werden“, sagt Grießhammer und vergleicht diese Entwicklung mit der bei Autos, deren Leistungskraft von durchschnittlich 34 PS im Jahr 1960 auf heute 101 PS gestiegen sei.

Zugleich existiert aber auch ein Gegentrend, denn einige energiesparende Produkte haben sich am Markt tatsächlich durchgesetzt. So steigt etwa schon seit längerem die Nachfrage nach Energiesparlampen oder nach Niedrigverbrauchsautos. Wenn das bei Fernsehern bisher noch nicht der Fall sei, dann liegt das nach Grießhammers Meinung schlicht daran, dass sie als Strom-Schleudern noch nicht so bekannt seien. Noch vor der Fußball-WM 2006 waren die neuen Flachbild-Geräte kaum im Markt präsent, erst im Herbst desselben Jahres sei durch die Veröffentlichung des „Stern-Reports“ durch die britische Regierung und wegen des Films von Al Gore ein neu erwachtes Klima-Bewusstsein zu beobachten: „Der Trend zu den Großgeräten wird zurückgehen, wenn die Leute merken, dass sie sich damit neue Großverbraucher ins Haus holen.“ Grießhammer scheint ein ziemlicher Optimist zu sein.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.03.2008, Nr. 10 / Seite 59
Bildmaterial: AP, Valentine Edelmann

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