Klimawandel

Versteppung des Rieds

Von Peter Zitzmann

Absterbende Kiefern im Darmstädter Westen

Absterbende Kiefern im Darmstädter Westen

14. März 2007 Die Waldgebiete im Hessischen Ried sind in höchster Gefahr. Ihnen drohen wachsende Brandgefahr und letztlich die Versteppung, wie der Darmstädter Forstamtsleiter Arnulf Rosenstock befürchtet. Im Schutzwaldgürtel des Rieds seien die Vorboten des Klimawandels zu beobachten, der zu einer „Kettenreaktion der Selbstzerstörung“ führe, die nur noch durch gezielte Maßnahmen des Menschen unterbrochen werden könne. Eine Fülle von Faktoren sind Rosenstock zufolge für die Abwärtsspirale verantwortlich, zusammen verstärkten sie ihre Wirkung zunehmend. Der Mensch trage seit Jahrzehnten durch Überdüngung zu dieser Entwicklung bei.

Das Hessische Ried zählt mit 600 bis 700 Millimeter Niederschlag im Jahr zu den regenärmsten Regionen in Deutschland. Die „Klimazahl“ bezeichnet die Verknüpfung von Temperatur und Niederschlag, im Ried liegt sie zwischen 20 und 30, dies ist der niedrigste Wert in Hessen – je niedriger, desto niederschlagsärmer. Die Wirkung der ohnehin spärlichen Sommerregen auf die Vegetation ist dort gering: aufgrund der Boden- und Pflanzengegebenheiten verdunstet der Regen zum größeren Teil sofort. Die Winterniederschläge wären deshalb für die Neubildung von Grundwasser besonders wichtig – aber auch sie können ihre Wirkung nicht mehr voll entfalten.

„Die Mortalität der Kiefern steigt“

Die für das Hessische Ried typischen Kiefernbestände haben mit dem Sandrohr einen Konkurrenten im Kampf um das Wasser bekommen. Dessen dichtes Wurzelwerk behindert stark das Einsickern des Wassers, so dass es kaum noch an die Baumwurzeln gelangt. Zudem hat der sandige Boden ein nur geringes Speichervermögen. Sind die Sommer sehr trocken, kann er Wasser nicht in jener Tiefe halten, in der die Baumwurzeln es benötigen. Sinkt die Fähigkeit des Bodens, Wasser zu halten, stark ab, wie es im Sommer öfter der Fall ist, bricht der „Saftdruck“ der Bäume zusammen; setzen dann noch Schädlinge den Bäumen zu, beginnen sie abzusterben.

Diese ungünstigen Gegebenheiten hat der Mensch durch Überdüngung noch verschlechtert. Ammonium, Nitrat oder Stickoxid haben zu einer Stickstoffübersättigung geführt, die das Wachstum der Bäume stark beeinträchtigt. Rosenstock: „Die Mortalität der Kiefern steigt, und Kiefernbestände lösen sich überall im Rhein-Main-Gebiet auf.“ Die für das Ried typischen Kiefernwälder wird es unter diesen Umständen womöglich nicht mehr lange geben.

Die Stickstoffeinträge in den Boden haben nach Angaben des Forstmanns bereits zu sichtbaren Veränderungen der Bodenvegetation geführt. Diese seien in den Kieferbeständen stark wahrzunehmen. Stickstoff lässt Brennnessel, Himbeeren, Brombeeren und Ginster wuchern, anspruchslosere Graspflanzen, Moose, Pilze und Flechten werden verdrängt. Vergrasung und Verdunstung zusammen lösen nach Einschätzung von Rosenstock eine Kettenreaktion aus – das Ried versteppt.

„Auch die Brandgefahr steigt dramatisch“

Aber nicht nur im Sommer dringt kein Niederschlag mehr bis ins Grundwasser vor, auch die ergiebigeren Winterregen führen nur noch zum geringeren Teil zur Grundwasserneubildung. Dieses speist sich aber zu 80 Prozent aus Niederschlag. Die Versickerungsrate des Wassers im stickstoffgesättigten Waldökosystem sei mittlerweile so gering, dass nur noch starke Regenfälle dem Grundwasser zugutekommen, sagt Rosenstock. Die Folge: „Selbst im Winter gibt es für die Bäume zu wenig Wasser.“

Der Forstexperte entwirft angesichts der aktuellen Klimadebatte ein düsteres Szenario für die Schutz- und Bannwälder im Ried. Steige im Rhein-Main-Gebiet die Durchschnittstemperatur um zwei Grad, werde Grundwasser auch künftig in zu hohem Maß gefördert, die Überdüngung fortgesetzt und steige weiterhin die Belastung mit Ozon und Staub, dann besteht für das Waldökosystem existentielle Gefahr. Standortgerechte Waldbäume wie die Kiefer würden durch Neuzugänge wie die Amerikanische Traubenkirsche und die Robinie verdrängt. Verloren gingen die „Wohlfahrtswirkungen“ des Waldes – sein angenehmes Innenklima, Sauerstoffproduktion, Kohlenstoffverbrauch und Wasserneubildung; stattdessen werde der Forst instabil und könne wegen Bruchgefahr kaum noch gefahrlos betreten werden. „Auch die Brandgefahr steigt dramatisch.“

Noch sieht Rosenstock aber die Möglichkeit, den Zerstörungsprozess zu unterbrechen: „Den Wald kann der Mensch nur von unten erneuern.“ Er müsse eingreifen und das „Waldmilieu wiederherstellen“. Für die Sanierung bedürfe es schlagkräftiger und nachhaltiger Konzepte. Rosenstock plädiert dafür, den Wald nicht auszulichten, sondern die Bäume wachsen und sich selbst verdrängen zu lassen, dichten Baumstand zuzulassen und somit Schatten zu erzeugen, zugleich die Zahl der Wildtiere wie Reh, Hase und Kaninchen klein zu halten. „Der Kampf ist momentan noch nicht verloren, aber er ist unfair entschieden“, findet Rosenstock. Der Wald und die Forstwirtschaft müssten nämlich die ganze Last zivilisatorischer Einflüsse tragen; dabei diene der Forst in einer „klimatischen Stressregion“ wie dem Rhein-Main-Gebiet längst nicht mehr der Erzeugung von Forstprodukten, sondern ausschließlich den Bedürfnissen der Gesellschaft.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Michael Kretzer

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Machen Sie sich bereit für die berufliche Herausforderung. Finden Sie jetzt Ihren Traumjob im Ingenieur Channel von FAZjob.NET.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche