Von Annette von Lossau und Beate Wörner
26. Februar 2008 Bohnen, Weizen, Gerste, Reis, Mais, Kartoffeln, Weidegras - Hunderttausende Samen von vielen tausend Sorten dieser und anderer landwirtschaftlicher Nutzpflanzen reisen derzeit in die Arktis. Wasserdicht in Alubeuteln verpackt, immer vierhundert Beutel in einer ebenfalls wasserdichten Box. Sie kommen von überall auf der Welt. Auch die deutsche Genbank in Gatersleben schickt Samen von knapp 2600 verschiedenen Bohnen-, Erbsen-, Wicken-, Gerste-, Hafer-, Weizen- und Ziegengrassorten. Ihr Ziel ist der Svalbard Global Seed Vault (SGSV), die neue internationale Genbank auf Spitzbergen, die an diesem Dienstag offiziell in Betrieb genommen wird.
Die Anlage in der Nähe der Stadt Longyearbyen wurde in rund anderthalb Jahren Bauzeit in den Berg getrieben. Ein 120 Meter langer Tunnel führt in den Sandstein, in dem ewiger Frost herrscht. Am Ende des Ganges liegen drei Tresorräume, die jeweils 24 mal 15 Meter messen. Sie sind das Herz der Genbank, dort werden die Saatgutmuster bei minus 18 Grad Celsius gelagert. Hier liegt in Zukunft das Zentrum der weltweiten Vielfalt unserer landwirtschaftlichen Nutzpflanzen, deren Samen derzeit in 1400 Genbanken rund um die Welt gelagert sind. Seit den Anfängen der Landwirtschaft vor über 10.000 Jahren haben Bauern und Bäuerinnen diese Vielfalt durch sorgfältigen Anbau und Selektion geschaffen. Sie steht uns heute zur Verfügung und ist Grundlage für unsere Ernährungssicherheit.
Zwei Millionen Sorten in Genbanken eingelagert
Die Kühlkammern auf Spitzbergen sind geräumig. In ihnen können mehr Samenmuster untergebracht werden als in allen bestehenden Genbanken zusammen, erläutert Cary Fowler, der Geschäftsführer des Global Crop Diversity Trust, der maßgeblich am Zustandekommen der Genbank beteiligt war. Der Global Crop Diversity Trust, eine Stiftung mit Sitz in Rom bei der Welternährungsorganisation, wird von Staaten, Unternehmen sowie von anderen Stiftungen finanziert. Weltweit sind Fowler zufolge schätzungsweise anderthalb bis zwei Millionen Sorten in Genbanken eingelagert, und der SGSV bietet Platz für etwa viereinhalb Millionen.
Die Idee der Genbank im ewigen Frost ist schon zwanzig Jahre alt. Entstanden war sie, nachdem sich gezeigt hatte, dass die existierenden Einrichtungen keine sicheren Aufbewahrungsorte sind. Eine Genbank auf den Philippinen beispielsweise galt über Jahre hinweg wegen nicht mehr zuverlässig arbeitender Gefriertruhen als Sorgenkind. Und in Ruanda fiel eine Genbank dem Bürgerkrieg zum Opfer. Allerdings fehlten die für den Betrieb einer internationalen Genbank notwendigen rechtlichen Bedingungen. Diese wurden erst mit dem Internationalen Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft geschaffen, der 2004 in Kraft trat.
Absolut sicher erscheinender Aufbewahrungsort
Entstanden ist ein absolut sicher erscheinender Aufbewahrungsort für den vielleicht größten Schatz der Menschheit - für die Nahrungs- und Futterpflanzen. Selbst beim Ausfall der Kühlsysteme reichte der Permafrost für die kommenden 200 Jahre zur Kühlung des Saatguts aus, wie wissenschaftliche Studien ergeben haben. Die Umgebungstemperatur in den drei Kammern beträgt minus 3,5 Grad. "Svalbard wird wahrscheinlich auch in Zukunft recht kalt sein. Die unterirdischen Gewölbe sind im kältesten Teil des Berges angelegt und zusätzlich noch stark isoliert. Daher können wir die Saatgutmuster selbst bei einer zunehmenden globalen Erwärmung noch bei optimalen Bedingungen lagern", sagt Fowler. Auch die prognostizierten Überschwemmungen infolge des Klimawandels lassen ihn kalt: "Selbst wenn das ganze Eis geschmolzen ist, das derzeit Grönland, die Arktis und Antarktis bedeckt, liegt die Anlage noch immer 60 Meter über dem Meeresspiegel."
Die Einlagerung der Samenmuster in Svalbard kostet nichts. Einzige Bedingung ist, dass von jeder Sorte nur ein Muster geschickt wird. Nicht nach Svalbard gebracht werden darf gentechnisch verändertes Saatgut. Der SGSV untersteht der norwegischen Gesetzgebung, und die sieht strenge Sicherheitsmaßnahmen für die Einfuhr gentechnisch veränderter Organismen vor. Ebenfalls genau geregelt sind die Eigentumsverhältnisse. Jede Einrichtung, die in Svalbard Saatgutmuster deponiert, unterzeichnet ein Abkommen mit der norwegischen Regierung. In diesem ist festgehalten, dass die Institution, die das Saatgut im SGSV einlagert, alle Eigentumsrechte daran behält.
Am Tag X noch ihre Keimfähigkeit
Als eiserne Reserve funktioniert die internationale Genbank jedoch nur, wenn die in ihr eingelagerten Samen am Tag X noch ihre Keimfähigkeit haben. Daher müssen sie regelmäßig ausgetauscht werden. Wann und wie oft, liegt allerdings im Ermessen der jeweiligen Genbank, aus deren Bestand sie stammen. Denn auch dort werden die eingelagerten Muster regelmäßig erneuert, damit sie voll keimfähig bleiben.
Genbanken allein können allerdings nicht verhindern, dass die Vielfalt an Nutzpflanzen schwindet. Zur langfristigen Sicherung gehört auch der Erhalt auf den Feldern. Nur so können sich die Pflanzen beispielsweise an die sich ändernden Klimabedingungen anpassen. Im Klimawandel sieht Fowler eine Bedrohung nicht nur für die Wildformen unserer Nahrungspflanzen, sondern auch für die Landsorten, die heute noch für viele Millionen Kleinbauern in den Entwicklungsländern die Lebensgrundlage sind. "Wir steuern möglicherweise auf eine Zeit zu, in der der Druck auf die Agrobiodiversität zunimmt und der Sortenverlust sich beschleunigt. Daher gibt es keine Konkurrenz zwischen den verschiedenen Erhaltungsmethoden. Beide sind wertvoll, beide haben das gleiche Ziel und ergänzen sich gegenseitig."
Der Bau der Genbank in Svalbard hat rund sechs Millionen Euro gekostet, bezahlt wurde er von Norwegen. Die jährlichen Betriebskosten werden auf rund 100.000 Euro geschätzt. Für sie kommt der Global Crop Diversity Trust auf.
Text: F.A.Z., 26.02.2008, Nr. 48 / Seite 38
Bildmaterial: dpa, reuters, ZB
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