Frage 6

Wohin mit den Treibhausgasen?

Von Christian Flachsland und Hermann Held

Statt in die Luft, soll Kohlendioxid in den Untergrund verpresst werden

Statt in die Luft, soll Kohlendioxid in den Untergrund verpresst werden

07. März 2007 Nachdem die Industriestaaten in den vergangenen hundertfünfzig Jahren die Atmosphäre mit Kohlendioxid vollgepumpt haben, soll jetzt der Untergrund neuer Speicher für das Treibhausgas werden. Das mag auf den ersten Blick wie ein verrückter Vorschlag von Ingenieuren und Kohlelobbyisten aussehen, doch in fünfzehn bis zwanzig Jahren könnte dies eine wichtige Option sein, um weiteren Klimawandel zu vermeiden.

Kohle ist im globalen Maßstab reichlich vorhanden, relativ gleichmäßig verteilt - und billig. Wenn neben den großen Emittenten Amerika und Europa auch aufstrebende Nationen wie China und Indien ihren Energiebedarf, der noch um ein Vielfaches steigen wird, vor allem mit heimischer Kohle decken, dann drohen die globalen Treibhausgasemissionen zu explodieren.

Bleibt das Kostensenkungspotential erneuerbarer Energiequellen hinter den Erwartungen zurück, erscheint es nach Berechnungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung als sinnvoll, im 21. Jahrhundert insgesamt rund 750 bis 1600 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in den Untergrund zu verpressen, statt sie in die Atmosphäre entweichen zu lassen. Die internationale Energieagentur IEA gibt den gegenwärtigen globalen Ausstoß von Kohlendioxid mit jährlich 28 Milliarden Tonnen an und rechnet ohne ambitionierte Klimaschutzpolitik mit 44 Milliarden Tonnen für das Jahr 2030.

In Pipelines zu den Lagerstätten transportiert

Bereits heute ist es möglich, Kohlendioxid in großen Verbrennungsanlagen technisch abzuscheiden. Auch bei der Herstellung von Treibstoffen und von Wasserstoff aus Kohle, Erdgas oder Biomasse lässt sich das Kohlendioxid dem Prozess entziehen. Nach der Abtrennung wird das Gas komprimiert und in Pipelines zu geeigneten Lagerstätten transportiert. Die wichtigsten Speicherorte sind geologische, salzwasserhaltige Schichten, sogenannte Aquifere. Kohlendioxid wird dort in mehr als achthundert Meter Tiefe verpresst. Durch den hohen Druck verbleibt es dort in einem flüssig-gasförmigen Zustand mit starkem Aufwärtstrieb.

Doch es gibt Risiken: Bei Rissen in der Gesteinsdecke könnte das durch die Einlagerung verdrängte salz- und schwermetallhaltige Wasser der Aquifere Grundwasserreservoirs verseuchen. Außerdem können durch undichte Stellen im schlimmsten Fall lokale Kohlendioxidwolken an der Erdoberfläche entstehen.

Größere Leckagen könnten zudem den Treibhauseffekt verstärken. Wer dennoch diese Art des Klimaschutzes verfolgen will, ist auf ein Handelssystem für Emissionszertifikate angewiesen: ohne einen Preis für Kohlendioxidemissionen lohnt sich der Mehraufwand nicht.

Kohlendioxidspeicherung als Versicherungsschutz

Unsere Modellrechnungen zeigen, dass Kohlendioxidspeicherung die Kosten des Klimaschutzes um ein Viertel reduzieren kann. Das Verfahren könnte von 2020 an eingesetzt werden, würde aber voraussichtlich Ende des Jahrhunderts von den dann preisgünstigeren erneuerbaren Energien verdrängt werden. Kohlendioxidspeicherung ist als eine Art Versicherungsschutz dagegen, zu sehen, dass der technische Fortschritt bei erneuerbaren Energien langsamer verläuft als erwartet.

Die Kohlendioxidspeicherung ist ein wichtiges Forschungsthema, denn es bestehen bei Wirtschaftlichkeit und Sicherheit noch erhebliche Unwägbarkeiten. Daher sollten innerhalb der nächsten zehn Jahre in vielen Demonstrationsprojekten bei großen Kohlekraftwerken und Bioraffinerien technische Optionen und sichere geologische Lagerstätten erforscht werden.

Ein schmales Zeitfenster für den Umbau des Energiesystems bleibt. Die Kohlendioxidspeicherung zählt zu den Optionen, doch sie muss durch Pilotprojekte wie den Kohlendioxidspeicher im brandenburgischen Ketzin genau geprüft werden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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