Von Ulf von Rauchhaupt
03. Dezember 2007 Das Klima ändert sich immer wieder, das ist normal. Vielleicht hat der Mensch die globale Erwärmung verursacht. Aber wissenschaftlich eindeutig ist das nicht. Diese Meinung ist typisch. Millionen teilen sie und zwar nicht nur Möchtegern-Schumis, die Angst davor haben, die Klimadebatte könnte ihnen ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen bescheren. Den zitierten Satz etwa äußerte vor zwei Wochen in dieser Zeitung ein kluger und ansonsten sicher bestens informierter Mann: Graham French, der erfolgreichste Fondsmanager der letzten Jahre.
Aber French ist hier nicht auf dem Stand der Dinge. Der jüngste, in diesem Jahr veröffentlichte Bericht der Wissenschaftler des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) beziffert die Wahrscheinlichkeit auf mehr als neunzig Prozent, dass die beobachteten Klimaveränderungen auf menschliche Aktivität zurückgehen vor allem auf die Verbrennung fossiler Energieträger.
Messungen und Simulationsergebnissen
Neunzig Prozent. Im IPCC-Bericht von 2001 betrug diese Wahrscheinlichkeit noch 66 Prozent was tatsächlich noch an der Grenze lag, ab der man im Wissenschaftsbetrieb von einem eindeutigen Zusammenhang sprechen kann. Mit den aktuellen Messungen und Simulationsergebnissen ist diese Grenze nun klar überschritten. Einige besonders interessante Resultate sind auf dieser Seite exemplarisch anhand von Rechnungen einer Forschergruppe am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie vorgestellt eines der 18 Teams, deren Arbeit auch in den mit der Klimaprognose befassten Teil des IPCC-Berichts eingeflossen ist.
Es ist die Vielzahl der Befunde, die das Ergebnis so glaubwürdig macht: Messungen ebenso wie Simulationsrechnungen, die das physikalische Zusammenspiel der Ozeane, Land- und Luftmassen nachstellen. Die Messungen passen zu den Simulationen (siehe Wie können sich die Klimaforscher so sicher sein?) und decken sich mit den Erwartungen, die man schon 1990 aus der damals absehbaren Zunahme der Treibhausgaskonzentrationen ableitete. Alles passt gut genug zusammen, um die Forscher ihrer Sache im genannten Maße sicher sein zu lassen, auch wenn noch nicht alle Effekte vollständig modellierbar sind. So weiß man zum Beispiel noch nicht genau, wie sehr die Erwärmung das natürliche CO2-Speichervermögen von Land und Meer abschwächt.
Erwärmung der Erde ohne Beispiel
Nach der Datenlage muss man davon ausgehen, dass die Erwärmung der Erde in den letzten 50 Jahren zumindest in den vergangenen 1000 Jahren ohne Beispiel ist. Klar, das Klima der Erde hat sich auch früher immer mal wieder geändert und auch sehr schnell, etwa am Ende der letzten Eiszeit. Das ist wahr, aber völlig belanglos. Der springende Punkt ist, dass sich die Erde jetzt zum ersten Mal so schnell erwärmt, seit sie von einer komplexen, mobilen und wirtschaftlich eng verflochtenen Gesellschaft besiedelt ist, die ihren Wohlstand der auch in den meisten Entwicklungsländern höher ist als irgendwann in vorhistorischer Zeit nicht zuletzt der klimatischen Stabilität des Planeten Erde verdankt.
Wer also in Kenntnis dieser Tatsache und der jüngsten Zahlen den Klimawandel für ein von interessierten Kreisen aufgebauschtes Modethema hält, der weiß entweder nicht, wovon er redet, oder er muss eine Verschwörung Aberhunderter von Wissenschaftlern und Fachjournalisten postulieren.
An die Wand gemaltes Waldsterben
Eine andere Möglichkeit, zu zeigen, dass man der Debatte nicht gewachsen ist, besteht in dem leutseligen Hinweis, das Ende der siebziger Jahre von Umweltschützern an die Wand gemalte Waldsterben sei ja auch ausgeblieben. Doch der Saure Regen durch das Schwefeldioxid aus Verbrennung schwefelhaltiger Kohle und Mineralölprodukte war keine Einbildung, sondern ein echtes Problem, das man ab 1985 gerade durch konsequentes politisches Handeln und praktikable Verfahren zur Rauchgasentschwefelung halbwegs in den Griff bekam. Das Abkommen von Kyoto, das nun viele Politiker und Umweltschützer auf Bali weiterentwickelt sehen möchten, hatte sich vor zehn Jahren unter anderem genau diesen Erfolg international konzertierter Umweltpolitik zum Vorbild genommen.
Doch auch viele Klimaaktivisten scheinen nicht zu sehen, wie völlig anders der Fall des Treibhausgases Kohlendioxid als der des Sauren Regens gelagert ist, und zwar sozioökonomisch, technisch und geochemisch. Der Unterschied in der Geochemie ist letztlich der gravierendste. Schwefeldioxid schädigt Wald und Flur, aber dabei reagiert es chemisch mit dem, was es schädigt, und verschwindet damit auch aus der Atmosphäre. Kohlendioxid dagegen ist ein äußerst stabiles Gas, das seine temperaturtreibende Wirkung rein physikalisch entfaltet, ohne sich dabei zu verbrauchen. Daher würde die Erderwärmung auch dann noch lange weitergehen, wenn die Menschheit in der Lage wäre, ihre CO2-Emissionen von heute auf morgen einzufrieren (siehe Graphik Temperatur-Szenarien). Das halbe bis eine Grad, um das sich die Erdatmosphäre im globalen Durchschnitt seit Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute bereits erwärmt hat, bleibt uns auf jeden Fall und damit all die Umweltveränderungen, die sich jetzt schon abzeichnen. Insbesondere die Erwärmung der Arktis wird weiter voranschreiten und Eisbär & Co. weiter die Lebensgrundlage entziehen, ganz egal, was man auf Bali beschließen wird.
Tage des Eisbären sind gezählt
Die Tage des Eisbären waren vermutlich schon gezählt, bevor die ersten Geowissenschafter in den achtziger Jahren ahnten, dass der schon früher bekannte stetige Anstieg der CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre eine signifikante Erwärmung nach sich ziehen würde. Tatsächlich hatte die industrialisierte Menschheit mehr als 150 Jahre lang völlig ahnungslos das Klimasystem der Erde mit Kohlendioxid aufgeladen. Dabei war es aber offenbar nicht nur die große Trägheit dieses Systems, die noch eine Schonfrist gewährte, sondern auch der Dreck der frühen Industriegesellschaft. Der Rauch und auch das Schwefeldioxid, mit der Luftfeuchtigkeit zu Schwefelsäuretröpfchen gebunden, haben die Sonneneinstrahlung offenbar lange reduziert und damit das Treiben der Treibhausgase maskiert. Diese Maske hat die Rauchgasentschwefelung in den späten achtziger Jahren beseitigt, und die Schonfrist lief ab: Von den zwölf vergangenen Jahre waren elf die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnung Mitte des 19. Jahrhunderts. Überall ziehen sich nun die Gletscher zurück, erwärmen sich die Permafrostböden, verlagern sich die Niederschlagsmuster.
Und all das wird gnadenlos weitergehen. Realistischerweise darf man nicht mit einem sofortigen Einfrieren der Kohlendioxidemissionen rechnen. Füttert man aber die gegenwärtigen Klimamodelle mit einem Szenario, das eine sozioökonomisch mögliche, wenn auch immer noch sehr optimistische Entwicklung hin zu einer deutlich emissionsärmeren Weltwirtschaft annimmt dem Szenario B1 (siehe Nichtstun oder Öko-Revolution) , so ergibt sich, dass die globalen Durchschnittstemperaturen bis zum Jahr 2100 um mindestens ein weiteres Grad steigen werden, wahrscheinlich aber eher um zwei Grad. Läuft dagegen alles so weiter wie bisher wie im Szenario A2 , wird die Erwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts gut und gern doppelt so hoch ausfallen, wobei die Simulationen allerdings andeuten, dass sich die beiden Extrem-Szenarien B1 und A2 in ihren Voraussagen für wichtige Größen wie den Meeresspiegelanstieg und der Niederschlagszunahme um deutlich weniger als diesen Faktor zwei unterscheiden.
Unser Planet wird sich verändern
Damit steht bereits fest, dass sich unser Planet in den kommenden hundert Jahren in jedem Fall stark verändern wird. Vielleicht so stark wie nie zuvor seit dem Ende der Eiszeit. Zwar lässt sich die globale Temperaturentwicklung im Holozän also in der erdgeschichtlichen Epoche der letzten 10.000 Jahre, in der die Species Homo sapiens sich von Jägern und Sammlern zu Weltraumfahrern gemausert hat noch nicht so genau nachvollziehen wie die der letzten 1000 Jahre. Man weiß allerdings, dass die Kohlendioxidkonzentrationen in den letzten 650.000 Jahren immer nur halb so hoch waren wie die, die sich selbst im optimistischen Szenario B1 um das Jahr 2100 einstellen werden. Es ist also gut möglich, dass wir gerade erleben, wie ein ganzes Erdzeitalter zu Ende geht. Der Mensch erschien im Holozän und machte ihm unabsichtlich den Garaus.
Ist es also schon zu spät? Für den Eisbär und viele andere Lebewesen wahrscheinlich schon. Nur Zyniker würden da achselzuckend erklären, auch Trilobiten und Dinosaurier seien ja ausgestorben und waren es bei denen Asteroiden oder globale Vulkankatastrophen, so sei es jetzt eben der Mensch. Um die Natur besorgte Menschen allerdings in der Hoffnung zu wiegen, sie könnten, etwa indem sie ihr Auto verkaufen, den Eisbär retten, ist nach Lage der Dinge Augenwischerei.
Anstieg der Meeresspiegel von nur 20 Zentimetern
Gegen Bali spricht das alles nicht. Denn natürlich ist ein Anstieg der Meeresspiegel von nur 20 Zentimetern im globalen Durchschnitt besser als einer von 30 Zentimetern. Zudem gibt es diesseits des Klimaschutzes noch andere Gründe, sparsam mit fossilen Energieträgern umzugehen und dazu etwa auch in Deutschland ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen einzuführen. Andererseits täte der Klimadebatte etwas mehr Realismus gut. Dazu gehörte vor allem, sich von der Fokussierung auf den Attitudal Fix zu lösen, also auf eine Problemlösung durch Verhaltensänderung der Bürger. Nur eine Minderheit der Menschen auf der Welt sind diesem Ansatz auch nur theoretisch zugänglich. Und auch bei ihnen ist ihr individuelles Klimaschutzpotential begrenzter, als gerne zugegeben wird. In Deutschland landen die Klimadebatten meist schnell beim Verkehr, der insgesamt nur für etwas über 13 Prozent der anthropogenen CO2-Emission verantwortlich ist. An der Gretchenfrage des Personen-Individualverkehrs das Schicksal des Weltklimas aufzuhängen ist da fragwürdig und eine entsprechende Politik kaum mehr als symbolisch.
Dennoch ist eben noch nicht alles zu spät. Um den Spielraum zu nutzen, den wir beim Klima trotz allem noch haben, bedarf es allerdings eines entschiedeneren Bekenntnisses zum Technological Fix. Für die Anpassung an die bevorstehenden unvermeidlichen Änderungen des Klimasystems werden technische Lösungen so oder so im Mittelpunkt stehen, ob im Deichbau an vom Meeresanstieg gefährdeten Küsten, bei der Meerwasserentsalzung in von Dürre bedrohten Mittelmeerregionen bis hin zu gezielter Vegetationsplanung zur Abwendung von Bodenerosion infolge vermehrter Starkniederschläge.
Ohne neue Technik keine Hoffnung
Aber ohne neue Technik gibt es auch keine Hoffnung, den schlimmsten Klima-Szenarien aus dem Weg zu gehen. Schon bei der Abwehr des Sauren Regens konnte der politische Wille ja nur wirksam werden, weil es Verfahren zur Rauchgasentschwefelung gab. Sie waren teuer und so mussten die Politiker die Industrie zu ihrem Einsatz zwingen , aber es gab sie, und sie konnten in vorhandene Infrastruktur eingebaut werden. Das ist leider beim Kohlendioxid ganz anders. Daher bedarf es hier letztlich mehr als nur der Technik. Es bedarf der Grundlagenforschung, massiver öffentlich finanzierter Wissenschaft, deren Ergebnisse nicht zu früh gezwungen werden, sich Marktmechanismen auszusetzen.
Nur eine solche Wissenschaft ist in der Lage, neue Wege zum Anzapfen erneuerbarer Energiequellen aufzuzeigen, wo das bisherige nicht ausreicht oder wie etwa im Fall Biosprit sich inzwischen als ökologischer Bumerang entpuppt hat. Nur durch Wissenschaft könnte man vielleicht Wege finden, aus den enormen Kohlevorräten in Russland, Australien und Nordamerika, deren Nutzung kein Klimaabkommen je verhindern wird, die Energie zu holen und den Kohlenstoff dabei im Boden zu lassen. Und nur die Wissenschaft arbeitet langsam zwar, aber beharrlich an Projekten wie der Kernfusion. Im Holozän entwickelte der Mensch seine forschende Neugier auf die Welt. Im Zeitalter das nun anbricht, wird er sie zum Überleben brauchen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: F.A.Z.