Von Christian Schwägerl
20. September 2007 Die Arktis ist in Bewegung geraten. In keinem anderen Teil der Erde sind die Folgen des Klimawandels so deutlich zu beobachten wie nördlich des Polarkreises. Das als ewig gepriesene Eis schmilzt recht schnell dahin, wie neue Satellitenbilder der Europäischen Raumfahrtagentur und Messungen des deutschen Arktis-Flaggschiffs Polarstern“ bestätigen. Hirngespinste früherer Entdecker – eine schnelle Seepassage nach Asien und ein eisfreier Nordozean – werden Wirklichkeit. Die raschen Veränderungen wecken allerdings Sorgen um das fragile Ökosystem des Nordens und Begehrlichkeiten. Schon beanspruchen Anrainerstaaten Territorien, um an den Bodenschätzen zu verdienen.
Aus der Peripherie rückt die Arktis wieder in den Fokus globaler Aufmerksamkeit: Da kommt das vierte Internationale Polarjahr gerade rechtzeitig, das im März angelaufen ist. Bis zum Frühjahr 2009 bringt es Zehntausende Polarforscher aus aller Welt zu Projekten zusammen. So erkunden japanische Wissenschaftler auf dem chinesischen Forschungsschiff Schneedrachen“ die Gewässer vor Kanada, ein deutscher Forscher treibt gemeinsam mit russischen Wissenschaftlern auf einer Driftstation durch das Eis, allein die derzeit fünfzig Forscher auf der Polarstern“ stammen aus zehn Nationen. Das Polarjahr erfüllt die Vision des Arktisforschers Carl Weyprecht aus dem Jahr 1875 mit Leben, dass die Pole von einer Art akademischem Völkerbund erforscht werden sollten.
Ein Feuerwerk der Forschung
Doch das internationale Großereignis macht den Polarforschern zugleich bewusst, wie wenig sie noch über die Arktis wissen, wie lückenhaft ihre Disziplin arbeitet und wie schwierig die internationale Zusammenarbeit angesichts konkurrierender Gebietsansprüche künftig werden könnte. Deshalb hat sich nun eine Initiative gebildet, die verhindern will, dass das Polarjahr wie seine Vorgänger als Feuerwerk der Forschung verglüht. Ihr Ziel ist ein Nachhaltiges Arktisches Beobachtungsnetz“. Unter dem englischen Kürzel Saon“ schließen sich die wichtigsten Interessengruppen der Polarforschung mit dem Ziel zusammen, eine polumspannende Wissensquelle zu schaffen. Über sie sollen alle Daten einheitlich erhoben, eingespeist werden und jedem frei zur Verfügung stehen. Ein permanentes Polarjahr also, ähnlich dem Humangenomprojekt, nur eben für einen ganzen Erdteil.
Trotz der enormen Bedeutung der Arktis kochen bisher am Ende doch jedes Land und jedes Institut ihr Süppchen“, kritisiert Volker Rachold vom International Arctic Science Committee (IASC), einer Dachorganisation der Polarforscher mit Sitz in Stockholm. Wir bekommen aus weiten Teilen der Arktis keine Daten über Klimaänderungen oder Umweltschadstoffe, besonders in Russland klafft eine riesige Lücke“, warnt Lars-Otto Reiersen vom Arctic Monitoring and Assessment Programme“ in Oslo. Von dem Ideal, dass Forscher in friedlicher Absicht sich in der Arktis frei bewegen dürften, sind wir noch weit entfernt“, kritisiert Hartwig Gernandt, der am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven für den Betrieb von Forschungsschiffen und Flugzeugen verantwortlich ist.
Konstruktive Zusammenarbeit
Zwar investieren Regierungen nach Jahren stagnierender oder schrumpfender Forschungsbudgets nun wieder mehr in die Polarforschung. Wissenschaftler können ihre Infrastruktur endlich nachrüsten. Stillgelegte Forschungs- und Wetterstationen werden wiedereröffnet, neue Eisbrecher in Auftrag gegeben (siehe Graphik). Der Himmel füllt sich mit Spezialsatelliten, neuen Forschungsflugzeugen wie der deutschen Polar-5“ und neuerdings auch mit Drohnen. Zusätzlich zum Polarjahr gibt es viele andere Formen vorbildlicher internationaler Zusammenarbeit. So betreiben deutsche und französische Wissenschaftler auf Spitzbergen, dem Mekka der Polarforschung, ihre Station Koldewey bis ins Detail gemeinsam.
Doch besonders nach den jüngsten Wortgefechten zwischen Russland, Kanada, Amerika und Dänemark um die Frage, wem im Norden was gehört, geht die Sorge um, dass effektive Polarforschung in Zukunft schwieriger werden könnte und nicht leichter. Es gibt schon jetzt oft große Schwierigkeiten für Forschungsflugzeuge, in Russland, Grönland und auf amerikanischen Militärbasen zu landen“, sagt Hartwig Gernandt vom AWI. Der freie Zugang in arktische Gebiete und der Austausch von Rohdaten etwa über die Beschaffenheit des Meeresgrundes würden bestimmt nicht leichter, wenn wissenschaftliche, wirtschaftliche und territoriale Interessen sich überlappen“.
Werden Nationalegoismen überwunden?
Die Initiatoren des Saon-Projekts benennen in einem Strategiepapier noch weitere neuralgische Punkte, die nichts mit Machtallüren zu tun haben, aber viel mit schlechter internationaler Wissenschaftspolitik: Mangels Absprachen würden die gleichen Forschungsfragen mehrfach bearbeitet, ohne dass die Wissenschaftler voneinander wüssten; zu viele Daten seien geheim oder nicht verfügbar; Regierungen gäben Fördermittel oftmals nur für kurze Phasen, was ein effektives Langzeit-Monitoring stark behindere; kostbare Daten würden oftmals so erhoben, dass andere Forscher sie aus methodischen Gründen nicht benutzen könnten. Hinzu kommt, dass sich für die Arktisforschung Dutzende Organisationen zuständig erklären, so dass selbst Eingeweihte den Überblick verloren haben. Volker Rachold vom Dachverband IASC spricht von einem Wirrwarr“, der klaren Verantwortlichkeiten im Weg stehe.
Bevor das offizielle Polarjahr endet, will die Saon-Initiative den Arktisanrainern und großen Forschungsnationen ein Modell für ihr Human-Arktis-Projekt vorlegen. Dann wird sich entscheiden, ob die Umbrüche in der Arktis die Menschheit zur Zusammenarbeit bewegen oder ob Nationalegoismen siegen. Noch lässt sich die russische Fahne, die angeblich tief unter dem Nordpol auf den Meeresgrund gepflanzt wurde, vielseitig deuten. Sie sei gar nicht als Inbesitznahme zu verstehen, heißt es in der russischen Akademie der Wissenschaften, sondern ähnele den Fahnen, die Hillary auf den Mount Everest gepflanzt habe. Dazu gehörte allerdings auch eine Fahne der Vereinten Nationen.
Text: csl / F.A.Z. vom 19.09.2007
Bildmaterial: AP, FAZ.NET