Klimapolitik

Die Kosten des Klimawandels

Von Richard Tol

Falsche Klimakanzlerin

Falsche Klimakanzlerin

23. November 2009 Der Klimawandel wird oft als größtes Problem des 21. Jahrhunderts dargestellt. Politiker versprechen, die Treibhausgasemissionen stark zu senken. Schon jetzt werden erhebliche Summen für die Klimapolitik ausgegeben, und es wird noch sehr viel mehr ausgegeben, wenn die Versprechen verwirklicht werden sollen. Die Europäische Union (EU) verspricht einen jährlichen Transfer von 100 Milliarden Euro von den reichen an die armen Länder. Ebenso viel könnten die neuen EU-Klimaverordnungen kosten. Sind solche Summen gerechtfertigt?

Klimapolitik ist dann ein Gewinn, wenn sie negative Folgen zu vermeiden hilft. Allerdings sind diese ungewiss und vielfältig, sie liegen überwiegend in einer fernen Zukunft. Wir wissen nicht, wie viele Menschen dann auf der Erde leben, wie reich diese sein werden, wie viel und welche Energie sie verbrauchen und wie hohe Emissionen sie verursachen. Da wir die Mechanismen des Klimawandels nicht voll verstehen, ist auch nicht sicher, wie sich die Temperatur und die Niederschläge ändern werden - sicher ist nur, dass sie sich ändern werden.

Kalte Berechnungen ruften zum Handeln auf

Der Klimawandel und die Erderwärmung werden die Länder und Regionen der Welt in unterschiedlicher Weise treffen. Tiefliegende Küstenregionen sind verletzlich, wenn der Meeresspiegel ansteigt. Bergregionen sind betroffen, wenn es weniger Schnee und Gletscher gibt. Auch auf die einzelnen Menschen wird der Klimawandel unterschiedlich wirken: Ganz Alte und ganz Junge leiden deutlich mehr an Hitzestress. Reiche Menschen können sich eine Klimaanlage leisten, ärmere Menschen nicht. Ein wärmeres Klima hat auch Vorteile, wenn weniger Menschen an kältebedingten Krankheiten wie Grippe sterben. Und man braucht im Winter weniger zu heizen. In manchen nördlichen Ländern profitiert die Landwirtschaft, in anderen leidet sie.

Die Auswirkungen des Klimawandels zu berechnen und in Geldeinheiten auszudrücken ist schwierig und in vielen Details umstritten. Bei allen Problemen, die diese Berechnungen mit sich bringen, gibt es doch einige robuste Ergebnisse: Von den negativen und positiven Auswirkungen des Klimawandels dominieren auf kurze Sicht die positiven, auf längere Sicht jedoch die negativen. Kurzfristig können wir das Klima ohnehin nicht beeinflussen. Längerfristig hat es jedoch Vorteile, den Klimawandel zu bekämpfen. Eine Erderwärmung um 3 Grad Celsius bringt deutlich höhere Verluste als eine Erwärmung um 2 Grad. Man muss kein sentimentaler Ökologe sein, um Klimapolitik zu befürworten; kalte ökonomische Berechnungen rufen zum Handeln auf.

Seriöse Studien sehen die Welt nicht untergehen

Allerdings unterstützen seriöse Studien zu den Auswirkungen des Klimawandels nicht die Weltuntergangsrhetorik, die in Medien oft zu hören und lesen ist. Nach den mittleren Schätzungen werden die gesamten Auswirkungen über ein Jahrhundert einem Verlust von 2 Prozent Einkommen (BIP) entsprechen. Die Auswirkungen von hundert Jahren Klimawandel sind also etwa so groß wie das Wirtschaftswachstum eines Jahres. In den schlimmsten Szenarien, die Ökonomen durchgerechnet haben, könnten die Schäden bis zu zehnmal so hoch sein. Selbst dann scheint eine tiefe Rezession ebenso große ökonomische Verluste anzurichten wie der Klimawandel über Jahrzehnte.

Gleichzeitig gilt es, die Klimaschäden relativ zu anderen Schäden zu betrachten: Wenn sich die Erde erwärmt, dann breiten sich einige Krankheiten weiter aus, etwa Malaria und Diarrhö. Schon in diesem Jahr hat dies geschätzt 100 000 Kinder umgebracht. Aber auch die grassierende Armut fordert Malaria- und Diarrhö-Opfer, jedes Jahr etwa eine Million Kinder. Das menschliche Elend durch die Armut ist also deutlich größer als durch den Klimawandel. Selbst unter den Umweltproblemen ist der Klimawandel wohl nicht das größte Problem: Nach Schätzungen der Weltgesundheitsbehörde sterben jedes Jahr in Indien und China mehr als eine Million Menschen durch die Luftverschmutzung.

Moralische Verpflichtung, Emissionen zu vermeiden

Sicherlich trifft der Klimawandel vor allem arme Menschen, die meist in heißeren Regionen leben und Wetter und Hitze ungeschützter ausgesetzt sind. Wir haben eine moralische Verpflichtung, eine Schädigung dieser Armen, ihrer Kinder und Kindeskinder zu vermeiden oder ihnen zumindest eine Kompensation zu geben. Dabei sollten wir aber versuchen, die beste und effektivste Politik zu wählen. Aus ökonomischer Sicht ist also zu fragen, ob die Mittel, die im Kampf gegen den Klimawandel eingesetzt werden, nicht anderswo größeren Nutzen stiften können. So könnte zum Beispiel eine große Kampagne zur Malariaimpfung die Krankheit völlig auslöschen. Die Klimapolitik sollte auch nicht auf Kosten der Entwicklungshilfe gehen - doch genau das tut sie. Ein steigender Anteil der Entwicklungsgelder wird für den Klimaschutz umgewidmet.

Die Unsicherheit der Prognosen und Berechnungen zum Klimawandel ist kein Grund fürs Nichtstun, im Gegenteil. Wir wissen, dass der Klimawandel ein reales Problem ist. Es gibt Grund zur Annahme, dass der Klimawandel mit einer unbekannten, hoffentlich geringen Wahrscheinlichkeit die Lebensgrundlagen von vielen Menschen zerstört. In diesem Fall sollte also die Ungewissheit ein Grund dafür sein, sich stärker anzustrengen, Emissionen zu vermeiden.

Die EU-Klimapolitik ist überambitioniert

Ein Maß für die Schäden des Klimawandels sind die „sozialen Kosten“, die jeder einzelnen Tonne Kohlendioxid (CO2) zugeordnet werden. Bislang sind dazu rund 300 wissenschaftliche Studien veröffentlicht worden. Die Ergebnisse liegen zum Teil sehr weit auseinander, wie die Grafik zeigt, doch ergibt sich eine interessante Tendenz: Die Schätzungen, die in wissenschaftlichen Fachzeitschriften mit einer unabhängigen Qualitätskontrolle („peer reviewed journals“) veröffentlicht wurden, sowie die jüngeren Studien kommen zu niedrigeren Ergebnissen als die wissenschaftlich nicht kontrollierten Studien. Der berühmte Stern-Bericht ist nicht von unabhängigen Experten geprüft worden und erscheint in der Spanne der wissenschaftlichen Literatur als ein Ausreißer.

Im Durchschnitt kommen die vorliegenden seriösen Studien zu errechneten sozialen Kosten von etwa 4 Euro je Tonne CO2. Diese Empfehlung liegt deutlich niedriger als die 15 Euro je Tonne, die an der europäischen Energiebörse derzeit gezahlt werden müssen. Man könnte das so interpretieren, dass die Europäer deutlich zu viel zahlen oder dass ihnen deutlich mehr an der Zukunft liegt als anderen auf der Welt. Dann sollten sie aber auch mehr in ihre Bildungssysteme oder in die Altersvorsorge stecken. Vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte: Die EU-Klimapolitik ist überambitioniert, die Klimapolitik der anderen ist zu wenig ehrgeizig.

Aus dem Englischen von Philip Plickert.

Richard Tol forscht am Economic and Social Research Institute in Dublin und ist Professor für die Ökonomie des Klimawandels an der Freien Universität Amsterdam. Er war Mitautor eines Berichts des Weltklimarats IPCC.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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