Von Michael Roth
27. September 2006 An der Börse geben die Unternehmen aus der Biospritbranche momentan mächtig Gas. Gleich drei Börsengänge in zwei Wochen sind zu verzeichnen. Alle wollen Geld von Anlegern, um ihre Kapazitäten kräftig auszubauen. Denn sie versprechen nichts Geringeres als einen Boom des Biosprits. Es werden sogar ähnliche Zuwächse vorhergesagt, wie sie zuletzt in der Solarbranche zu beobachten waren.
Die Wachstumshoffnungen beim Biosprit ruhen auf mehreren Säulen. Energie ist ein Wachstumsmarkt, erneuerbare Energie erst recht. Doch erst seit die Europäische Kommission vorgeschrieben hat, daß die Mitgliedstaaten den Anteil von Biokraftstoffen am Kraftstoffverbrauch bis zum Jahr 2010 auf 5,75 Prozent steigern sollen, ist auch ein halbwegs kalkulierbarer Markt entstanden. Eine eher seltene Allianz aus Umwelt- und Landwirtschaftspolitikern - die einen wegen der günstigen CO2-Bilanz, die anderen wegen neuer Geschäftschancen für Landwirte - sorgte für eine Pflicht zur Beimischung von Biosprit bei der Benzinherstellung.
Nachfrage an Bioethanol soll den Markt anheizen
Der Markt ist derzeit eher überschaubar, wächst aber durch die Brüsseler Vorgaben nach Ansicht von Branchenkennern in den nächsten Jahren mit 50 Prozent und mehr jährlich. Im Mittelpunkt der Wachstumsprognosen steht vor allem Bioethanol, das durch die Fermentierung (eine Art Gärung) zucker- und stärkehaltiger Pflanzen, zum Beispiel Getreide, entsteht. Getreide gibt es genug in Europa. Rückwärts gerechnet sind für die 5,75 Prozent etwa 21 Millionen Tonnen Getreide nötig, der EU-Überschuß beträgt 30 Millionen Tonnen, die Jahresproduktion 260 Millionen Tonnen. Wertmäßig ergibt sich ein Bioethanolmarkt von rund vier Milliarden Euro. Daß der Börsenstart der Biodiesel AG, die Anlagen zur Biodieselherstellung anbietet, dieser Tage eher holprig ausfiel, hat wenig zu bedeuten.
Denn die Börsengänge der größten Unternehmen der Biospritbranche, die ostdeutsche Verbio und vor allem die Südzucker-Beteiligungsgesellschaft Crop Energies aus Mannheim, stehen noch bevor. Beide Unternehmen rechnen mit Emissionserlösen im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich. Von Crop Energies liegt bereits der Wertpapierprospekt vor, der Chancen und Risiken des Geschäfts aufzählt. Die gelten für die gesamte Branche.
Die Landwirtschaftslobby ist gefragt
Der neue Markt ist kein freier Markt im klassischen Sinn. Ohne staatliche Förderung ist in der EU produziertes Bioethanol nicht wettbewerbsfähig, steht gleich an erster Stelle der Risikofaktoren im Prospekt von Crop Energies. Und auch Punkt zwei ist existentiell für alle Unternehmen der Branche. Der Import von Ethanol ist mit einem Importzoll belegt, der könnte gesenkt oder vollständig abgebaut werden. Denn anderswo, etwa in Brasilien, kann Bioethanol billiger hergestellt werden.
Doch auf Brüssels Politiker und vor allem die Landwirtschaftslobby dürfte bis auf weiteres in gewohnter Manier Verlaß sein. Die Zwangsquote zur Beimischung dürfte eher steigen, und bis der Einfuhrzoll sinkt, können viele Jahre ins Land gehen. Die anderen Risiken wie die Gefahr von Überkapazitäten oder Preisschwankungen aufgrund veränderter Nachfrageverhältnisse sind dann eher wieder klassischer Natur. Die Markteintrittsschwelle ist allerdings recht hoch, denn die Herstellung von Bioethanol ist, wie Crop Energies bei ihrer ersten Anlage im ostdeutschen Zeitz erfahren mußte, nicht einfach. Unvorhergesehene Aufwendungen bescherten der Muttergesellschaft Südzucker höhere Anlaufverluste als erwartet.
Einem kräftigen Wachstum steht wenig im Weg
Nun sollen die Kinderkrankheiten beseitigt sein. Einem kräftigen Wachstum steht folglich wenig im Weg. Bei Crop Energies, die sich aufmacht, zum führenden Anbieter in Europa zu werden, rechnen Analysten denn auch mit deutlichen Zuwächsen. Die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg schätzen den Umsatz im Geschäftsjahr 2007/2008 bereits auf 248 Millionen Euro und den Nettogewinn auf 23,1 Millionen Euro. Im Geschäftsjahr 2009/2010 sollen 568 Millionen Euro erlöst und 72,7 Millionen Euro netto verdient werden. Die Zahlen decken sich mit anderen Analystenstudien.
Energischer Widerspruch gegen derart ambitionierte Zahlen ist auch unter guten Branchenkennern kaum zu hören. Die Kapazitäten von Crop Energies werden mit Investitionen von um die 300 Millionen Euro auf 760.000 Kubikmeter bis zum Geschäftsjahr 2008/2009 verdreifacht. Das bringt zusätzliche Margen durch eine Kostendegression, heißt es. Das Unternehmen hält sich mit Hinweis auf Verschwiegenheitspflichten beim Börsengang mit Prognosen zurück.
Schlechte Vorzeichen aus den Vereinigten Staaten
Die Euphorie wird derzeit allenfalls durch schlechte Nachrichten aus den Vereinigten Staaten gebremst. Die Aktien der dortigen Biospritanbieter Aventine und Verasun sind alles andere als Kursraketen. Die Firma Hawkeye, ein großer Hersteller von Bioethanol, sagte ihren Börsengang kürzlich sogar mangels Nachfrage ab. Dem halten Crop Energies und Co. entgegen, daß in den Vereinigten Staten Kapazitäten und Markt schon seit Jahren bestünden. In Deutschland stehe man erst am Anfang und manche Politiker dächten schließlich schon über höhere Beimischungsquoten nach. Ein Teil der Einwände zu drohenden Überkapazitäten, die meist von Investmentbanken und Fondsgesellschaften zu hören sind, dürfte auch unter der Rubrik Geplänkel im Vorfeld der Preisfindung bei einem Börsengang zu verbuchen sein. Schließlich wollen die Banker auch beim Gang an die Börse verdienen.
Daß sich der Markt nach seiner Wachstumsphase vermutlich schon in wenigen Jahren konsolidieren wird, ist schon heute klar. Denn die Kundschaft der Biosprithersteller ist niemand Geringeres als die mächtigen Mineralölkonzerne. Es gilt schon heute als nahezu sicher, daß sich angesichts deren Nachfragemacht auch auf der Angebotsseite ein Oligopol bilden wird. Dazu dürfte aus heutiger Sicht auf jeden Fall Crop Energies gehören, mit der starken Südzucker-Muttergesellschaft im Rücken.
Größe ist entscheidend
Gute Chancen hat auch die ostdeutsche Verbio AG, die ähnlich große Anlagen und Expansionspläne wie Crop Energies hat. Verbio, mit Sitz im ostdeutschen Zörbig, entstand aus fünf Unternehmen der Sauter-Gruppe. Mit jeweils zwei Produktionsstätten für Biodiesel und Bioethanol sieht sich Verbio an der Spitze der deutschen Biokraftstoffhersteller, vor Crop Energies. Letztgenannte hat zwar die größte Einzelanlage zur Herstellung von Bioethanol, die beiden Verbio-Anlagen sind aber zusammen größer. Verbio plant mit dem Erlös aus dem bevorstehenden Börsengang Bioethanolanlagen in Westeuropa und Biodieselanlagen in Osteuropa. Für die Eile bei der Expansion aller Anbieter hat Verbio-Chef Claus Sauter eine plausible Erklärung: Größe wird zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Text: F.A.Z., 27.09.2006, Nr. 225 / Seite 24
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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