27. Februar 2006 Phalanger matanim war ein katzengroßes Tier aus der Familie der Kletterbeutler. Es lebte in den 1500 bis 2000 Meter hoch gelegenen Eichenwäldern am Nong-Fluß im Herzen Papua-Neuguineas. Das Volk der Telefol kannte es seit Jahrtausenden, die Biologie erst seit 1985. Damals kam der australische Zoologe und Säugetier-Paläontologe Tim Flannery zum ersten Mal ins Nong-Tal. Das Matanim ist eine von über dreißig Säugetierarten, die Flannery als erster beschrieben hat. Doch als er die schwer zugängliche Gegend 2001 ein zweites Mal besuchte, bekam er den Schreck seines Lebens: Der Bergeichenwald existierte nicht mehr.
Von den Telefol erfuhr Flannery, was passiert war. Vier Jahre zuvor war der Himmel ein halbes Jahr lang fast wolkenlos geblieben. Dürre und Nachtfrost töteten die Bäume, dann kam das Feuer. Was die Heimat des Matanims verwüstete und das gerade erst entdeckte Beuteltier vermutlich aussterben ließ, waren keine marodierenden Tropenholzräuber. Es war das Wetter.
Ungewöhnliche lange El Ninos
Doch die Zeiten, in denen niemand für das Wetter verantwortlich war, sind vorbei. Was die Eichen am Nong vernichtete, war eine ungewöhnlich heftige El-Nino-Periode. Seit 1976 ist dieses alle paar Jahre auftretende südpazifische Klimaphänomen immer überdurchschnittlich lang ausgefallen. Und obwohl die genauen Zusammenhänge noch unklar sind, würde kein Klimaforscher seinen Lehrstuhl darauf verwetten, das dies nichts mit dem Klimawandel zu tun hat.
Treibhauseffekt, globale Erwärmung - keine Woche vergeht, in der nicht neue Indizien für schleichende, naturgeschichtlich gesehen aber irrwitzig rasche Veränderungen auf unserem Planeten auftauchen. Man kommt kaum noch mit: Hier stirbt eine Kröte aus, dort schrumpft eine Pinguinpopulation, Gletscher ziehen sich zurück, Permafrostböden tauen - und jener Hurrikan und diese Versteppung, die haben vielleicht auch etwas damit zu tun. Fügt sich das wirklich zu einem Trend, an dem der Mensch und die Kohlendioxydemissionen seiner Autos und Kraftwerke mitschuldig sind?
Bericht eines Betroffenen
Wer da den Überblick bekommen oder behalten will, aber auch, wem angesichts der politischen Debatte über Klimaprognosen und Emissionszertifikate der Kopf schwirrt, der sollte das Buch lesen, das Tim Flannery zu schreiben begann, als er 2001 vom Nong ins heimische Adelaide zurückkehrte. "Wir Wettermacher", das kommenden Mittwoch auf deutsch erscheint, faßt alles zusammen, was eigentlich jeder Zeitgenosse über den Klimawandel wissen sollte.
Es ist eine äußerst lesbare Pflichtlektüre. Mit klimahistorischer Tiefenschärfe breitet Flannery seinen Überblick über die Forschungsliteratur der vergangenen Jahre aus, und das mit solchem darstellerischen Geschick, daß Fakten und Zahlen die Sache eher spannender machen. Davon enthält das Buch so viele, daß auch Angela Merkel ihre helle Freude daran haben dürfte (es könnte ihr ganze Stapel von Referentenvorlagen ersetzen). Und dennoch bleibt es der Bericht eines Betroffenen, dem hinter den Zahlen die Kröten, Eisbären und Bergblumen stets präsent bleiben.
Bisherige Vorhersagen sogar zu zurückhaltend?
Denn gerade in Polarmeeren und Bergregionen hat der Klimawandel sein Zerstörungswerk schon begonnen - oder es ist kurz davor. So zeigt eine kürzlich erschienene Studie, daß - wenn nichts gegen die CO2-Emissionen unternommen wird - der Überschuß des im Meer gelösten CO2 bereits um das Jahr 2050 beginnen wird, den kalkbewehrten Meerestieren im Südpolarmeer die Gehäuse aufzulösen. "Das hat mich schockiert", sagt Flannery heute. "Als ich das Buch schrieb, ließen die Klimamodelle vermuten, daß das noch hundert oder zweihundert Jahre dauern wird." Heute fürchtet Flannery daher, daß die zuweilen als übertrieben pessimistisch dargestellten Prognosen der Klimamodelle das Ausmaß der globalen Erwärmung eher unterschätzen.
Um so dringender muß etwas getan werden. Diesem Thema gilt das letzte Drittel des Buches, und gerade das ist besonders erfrischend. Denn bei aller Betroffenheit ergeht sich Flannery dort gerade nicht in Endzeitpredigten und flüchtet sich auch nicht in ein grünes Wolkenkuckucksheim. Vielmehr fragt er nach Lösungen, die technisch, ökonomisch und vor allem soziologisch realisierbar sind.
Skepsis gegenüber Hybrid-Technik
Denn für Flannery ist die Erde auch ein Planet des Menschen, gerade des zivilisierten, technisierten Menschen. Bei allem Respekt vor den Naturvölkern erliegt er nicht der Versuchung vieler Umweltschützer, ein Jäger-und-Sammler-Leben "im Einklang mit der Natur" zum ökologischen Ideal zu erheben. Natürlich finden sich in seinem Maßnahmenkatalog auch altbekannte Forderungen wie die nach schlichter Vermeidung von Energieverschwendung und des systematischen Einsatzes erneuerbarer Energiequellen, gerade in den Privathaushalten. Gleichwohl hält Flannery wenig von Forderungen nach einer Hobbit-Volkswirtschaft aus lauter energieautarken Solardörfern.
Realistischer sei ein Mix aus dezentralen, nachhaltigen Energiequellen und einem maßvollen Anteil an solchen mit hoher Energiedichte. Und zu diesen werden seiner Ansicht nach auch in Zukunft Erdölprodukte zählen, sosehr alles dafür getan werden muß, um deren Verbrauch zu senken, etwa durch den Einsatz von Hybridfahrzeugen oder die gesellschaftliche Ächtung spritfressender Geländewagen. Die Wasserstoffträume so mancher Autofabrikanten dagegen stimmen ihn skeptisch. Das Gas sei einfach zu schwierig zu handhaben.
Atomreaktoren als Option für die Zukunft
"Im Transportwesen sehe ich bis auf weiteres keine Möglichkeit, wie wir auf Kohlenwasserstoffe aus Erdöl verzichten können", sagt Flannery. "Ich möchte nicht zurück zu den Zeiten, als man sechs Monate brauchte, um von Sydney nach London zu kommen." Als Einwohner eines abgelegenen, dünnbesiedelten Kontinents sieht Flannery klarer als viele Europäer, daß die Idee einer Einschränkung der individuellen Mobilität politisch und gesellschaftlich keine Zukunft hat.
Schon mit diesem Befund dürfte Flannery bei so manchem europäischen Grünen eher für Verstimmung sorgen. Eine andere Komponente in Flannerys Vision von einer kohlenstoffarmen Energiewirtschaft ist für Umweltbewegte klassischer Prägung blanke Häresie: die Kernenergie. In seinem Buch wird sie noch mit Vorbehalt zu der Riege der Lösungsmöglichkeiten gezählt. "Inzwischen denke ich sehr viel öfter über die Kernenergie nach", sagt er. "Ich glaube, wenn die nötigen Kontrollmechanismen vorhanden sind, dann sind moderne Reaktortypen durchaus eine Option." Kohle wäre letztlich gefährlicher.
Kohle gewährleistet Klimastabilität
Womit wir bei Flannerys Klimafeind Nummer eins wären. Kohlekraftwerke sind seiner Meinung nach das Kernübel unserer Energiewirtschaft, sie gelte es eher heute als morgen abzuschalten. Das hat auch australienspezifische Gründe: Flannerys Landsleute sind Weltmeister im Freisetzen von Treibhausgasen. Pro Kopf blasen sie 25 Prozent mehr in die Atmosphäre als die Amerikaner. Ihre Regierung hält vom Kyoto-Protokoll kaum mehr als George Bush, und ein Grund dafür sind Australiens riesige Kohlevorkommen. Da aber Kohle, anders als Erdöl, keinen Wasserstoff enthält, entsteht bei ihrer Verbrennung pro Einheit freiwerdender Energie mehr CO2. Kohleverstromung ist für Flannery daher nicht nur eine veraltete, ineffiziente Technologie, sondern auch eine, mit deren Ende dem Klima am schnellsten zu helfen wäre.
Doch Flannery nennt noch einen weiteren Grund dafür, warum der Mensch die Finger von der Kohle lassen sollte. "In ein paar tausend Jahren könnte sie uns vor der nächsten Eiszeit bewahren." Dahinter steht eine Hypothese, mit der William Ruddiman von der University of Virginia das ungewöhnlich stabile Klima im Holozän erklärt; das war jene Epoche, die nach der letzten Eiszeit einsetzte und bis heute anhält. Ohne diese Klimastabilität dürfte es zu keiner neolithischen Revolution gekommen sein, zu keinen urbanen Hochkulturen und erst recht nicht zu unserer globalen technischen Zivilisation. Ruddiman glaubt nun Hinweise dafür zu haben, daß diese Wirkung des Klimas auf die Menschheit eine Wechselwirkung war: Der Mensch, genauer gesagt seine Agrikultur, trug demnach entscheidend zu dieser klimahistorisch ungewöhnlichen Stabilität bei. Ohne die Treibhausgase, die Äckern und Viehherden entströmten, ohne Waldrodungen größeren Stils hätten Änderungen in Lauf und Stellung der Erde zur Sonne uns möglicherweise schon längst wieder eine neue Eiszeit beschert.
Flannery: Wir haben nicht mehr viel Zeit
In seinen Buch referiert Flannery Ruddimans These noch mit Skepsis. "Heute sprechen die Daten eher dafür, daß Ruddiman recht hat", sagt er. Das aber hieße, daß der Mensch schon viel länger in das globale Klima eingreift als gedacht. Eine vom Menschen unberührte Natur gibt es demnach seit Jahrtausenden nicht mehr, nirgends. Das Holozän ist in Wahrheit ein Anthropozän, eine Klimaperiode des Menschen, durch den Menschen und für den Menschen - und für all jene Geschöpfe, die sich in diesem Globalklima so wohl fühlen wie wir.
Nun aber beginnt das Gleichgewicht von Klima und Kultur aus dem Ruder zu laufen. Gnädigerweise genau zu einer Zeit, da Wissenschaft und Technik uns die Mittel in die Hand geben, dem Problem zu begegnen. "Aber wir haben nicht mehr viel Zeit", sagt Tim Flannery, "wenn wir nicht handeln, dann wird in dreißig oder vierzig Jahren eine Katastrophe die nächste jagen, und das just zu der Zeit, da das Öl knapp wird." Dann wird es nur noch darum gehen, den Augenblick zu überleben, für alle langfristigen Maßnahmen wird es zu spät sein. Wenn wir uns aber zusammenraufen, unter anderem indem wir Kyoto ernst nehmen, dann kann das Anthropozän weitergehen, bis die Erdbahnparameter so ungünstig sind, daß die globalen Temperaturen trotz unserer Ausdünstungen sinken. Etwas Kohle zur dosierten Produktion von CO2 ist dann sicher nützlich. Denn wir sind nicht nur die Wettermacher - wir müssen es sogar sein.
Tim Flannery: Wir Wettermacher erscheint am 1. März 2006 im S. Fischer Verlag
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.02.2006, Nr. 8 / Seite 63
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