Singapur

Der Regenwald-Bewacher

Von Christoph Hein

Für seine Kunden lässt Dorjee Dun Regenwald bewachen

Für seine Kunden lässt Dorjee Dun Regenwald bewachen

25. Oktober 2009 Dorjee Sun spurtet die Treppe zum Café hinauf. Er hat es eilig. Er will die Welt retten. Und damit Geld verdienen. „Ich komme nicht gerne zu spät“, sagt er artig. Dabei ist Dorjee Sun früh dran: Denn der Zweiunddreißigjährige ist einer der Ersten, der mit dem Handel von Kohlendioxid-Rechten Gewinn macht. Inzwischen zählen Industriekonzerne wie Rio Tinto und Banken wie Macquarie und Merrill Lynch zu seinen Geschäftspartnern. Gleichwohl hat Sun Bedenken: „Wir haben uns sehr weit vorgewagt. Eine Durststrecke von zwei oder drei Jahren aufgrund der Finanzkrise würde unser Unternehmen kaum überstehen.“

Carbon Conservation heißt die Firma, die den Schutz von Tropenwald verkauft. Das Geschäftsmodell klingt einfach: Carbon Conservation tritt als Mittler von Regenwald-Eigentümern auf - darunter sind etwa Dörfer und Bezirke in Indonesien, Papua-Neuguinea oder Australien - und sucht nach Investoren, die für den Schutz der Bäume zahlen. Im Gegenzug können die sich die Carbon-Rechte entweder auf ihren Kohlendioxid-Ausstoß anrechnen lassen oder handeln. Dass das funktionieren kann, hat zunächst der Bergwerkskonzern Rio Tinto erkannt. Er kaufte Wald im australischen Queensland für 3,15 Dollar je Anrecht. „Wenige Monate später waren sie 11 Dollar wert“, sagt Sun. „Wir haben daraus gelernt, dass wir den Gemeinden nun bei jedem Kauf 50 Prozent des Anstiegs des Buchwertes zusichern.“

Seine Idee ist gut, jedoch nicht einfach umzusetzen

Gewinner sollen letztlich alle sein: Baumbesitzer, Investoren, Carbon Conservation und die ganze Welt. Denn durch Suns Geschäftsmodell wird nicht zuletzt auch der Klimawandel gebremst. Seine Idee ist gut, jedoch nicht einfach umzusetzen. Holzdiebe muss er etwa daran hindern, die entlegenen Urwälder zu plündern. „Ich habe in den zwei Jahren im indonesischen Aceh so viel gelernt über die Arbeit mit den Eingeborenen wie andere in ihrem ganzen Leben“, sagt Sun. Dort hat er inzwischen eine enge Freundschaft zum Landeschef aufgebaut. Zugleich konnte er die Banker von Merrill Lynch überzeugen, 770.000 Hektar Regenwald für zunächst sechs Jahre von ihm schützen zu lassen und dafür die Rechte für etwa 2 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Emissionen jährlich zu bekommen.

Dorjee Sun, Sohn chinesischer Tibeter aus Darjeeling in Indien, die als illegale Flüchtlinge nach Australien kamen, hat viel erreicht. Seine ersten 10.000 Dollar verdiente er mit dem Verkauf vegetarischer Hamburger auf Rockfestivals. Während er Recht und Wirtschaft in Sydney studierte, gründete er erst eine Internetplattform, dann ein Ausbildungszentrum für Jugendliche. Als er beides verkaufte, machte er Millionen. Doch: „Davon ist nichts mehr übrig, ich stecke alles in Carbon Conservation.“

Der Deal platzte in der Finanzkrise

Sein Fleiß hat ihn so weit gebracht, aber auch Glück. Als Uni-Mentor wurde ihm ein Anwalt namens Kevin Rudd zugeteilt. Heute ist der australischer Ministerpräsident - während seines Wahlkampfes organisierte Sun für Rudd die Stimmen der jungen Einwanderer. Bis heute treffen sich die beiden, und Rudd öffnet seinem „liebsten illegalen Einwanderer“ weltweit manche Tür. So hat Sun den kalifornischen Gouverneur Arnold Schwarzenegger mit dessen Gegenüber aus Aceh zusammengebracht: Das Duo beschloss, das Wald-Abholzen in beiden Ländern zu verringern.

Noch vor vier Jahren hätte sich Sun so etwas nicht träumen lassen. Aber 2006 dann, als er nach dem Verkauf seiner Firmen mit viel Geld in der Tasche durch Asien reiste, begriff er, dass es im Leben um mehr geht als Millionen. „Besonders das Schicksal der Orang-Utans in Indonesien während der dortigen Saison des Abbrennens der Wälder hat mich betroffen gemacht“, sagt er: „Aber mir war auch klar, dass Bürgerinitiativen allein die Klimaprobleme nicht werden lösen können.“ Deshalb entwickelte er das Geschäftsmodell von Carbon Conservation und fand zwanzig Geldgeber. Eine Konferenz der Vereinten Nationen musste er noch stören, um auf seine Pläne aufmerksam zu machen. Ähnliches plant er auch auf dem Gipfel der Pazifik-Anrainer in Singapur Mitte November.

Unternehmen ist er aber längst bekannt: Macquarie wollte 15 Millionen australische Dollar (9,3 Millionen Euro) für die Hälfte an Carbon Conservation zahlen. Der Deal platzte in der Finanzkrise. „In zwei bis drei Jahren will ich Carbon Conservation an die Börse bringen. Mal schauen, ob all die, die für die Umwelt den Mund voll nehmen, dann auch Aktien kaufen“, sagt er.

Text: F.A.S.

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