Spanien

Wasserschau im Dürreland

Von Leo Wieland

29. März 2008 Die alte spanische Königsstadt hat dem Ebro lange Zeit den Rücken zugewandt. Der Fluss war für Saragossa abwechselnd Bedrohung, Transportweg und Kloake. Über die Jahrhunderte rollte nebenbei noch so mancher abgeschlagene heidnische, muslimische oder christliche Kopf in seine Fluten. Nun soll alles anders werden. Die Hauptstadt Aragoniens, Gastgeberin der „Expo 2008“ zum Thema „Wasser und nachhaltige Entwicklung“, umarmt den Ebro plötzlich gerade so, wie er sie nass umschlingt.

Dabei ist die Frühlingsumarmung gerade stärker als erwartet und erwünscht ausgefallen. Ähnelte Spaniens mächtigster Fluss nach einer spektakulären „Winterdürre“ ohne Niederschläge auf weite Strecken eher einem Rinnsal, so haben ihn die Osterschneefälle abrupt wieder zu einem reißenden Strom anschwellen lassen. Drei Monate vor der Eröffnung überschwemmt er nun wie in einem angewandten Lehrstück der Natur in Sachen Klimawandel auch Teile des Expo-Geländes. Ausstellungspräsident Roque Gistau versichert allerdings, dass „weder die Fristen noch die Arbeiten“ ernsthaft gefährdet seien.

„Einzige bewohnte Brücke Spaniens“

Bürgermeister Juan Alberto Belloch, ein eigenwilliger Sozialist, der sein Licht nicht unter den Scheffel stellt, hat den Ebro mittlerweile schon zur künftigen „Hauptstraße“ Saragossas erklärt. Er fügte noch hinzu, dass die Stadt zum Eröffnungstag der Expo am 14. Juni den im Lauf von drei Monaten erwarteten sechs Millionen Besuchern auch noch „fünf Guggenheims“ vorzuzeigen hätten. Das gleichnamige Museum im baskischen Bilbao hatte damals ein kleines lokales Wunder bewirkt und ein verarmtes und verödetes Industrieviertel wiederbelebt. Jenen „Guggenheim-Effekt“ verspricht sich Saragossa nun in der Ebro-Schleife, die, weil dort vor allem Frösche zu Hause waren, „Ranillas-Mäander“ genannt wurde.

Über den Ebro: Der “Brücken-Pavillon“ führt zur “Expo“ Ausgetrocknetes Flussbett in Katalonien Spanien leidet unter zunehmender Hitze Das Wasser geht aus Die “Expo 2008“ beschäftigt sich mit dem “Urstoff allen Seins“ Wasser in Fülle: Die Osterschneefälle haben den Ebro wieder zu einem reißende...

Das augenfälligste architektonische Emblem dürfte der „Brücken-Pavillon“ werden, dessen zwei Rohbauteile sich in dieser Woche über dem Fluss vereinen. Die Irakerin Zaha Hadid hat der fast 300 Meter langen Struktur die Form einer Gladiole gegeben, die sich öffnet und schließt. Wegen des schwachen Untergrunds musste der zentrale Stützpfeiler mehr als 70 Meter tief in die Erde getrieben werden. Das Fußgängerviadukt, das von den Expo-Organisatoren schon als „einzige bewohnte Brücke Spaniens“ gerühmt wird - es führt von der berühmten Kathedrale im Stadtkern zur Ausstellung -, soll das Sinnbild der Hinwendung der Stadt zum Ebro und seinen Ufern sein.

Über sie haben Belloch im Rathaus und die Stadtregierung unter Ministerpräsident Marcelino Iglesias während ihren Amtszeiten demnächst mehr Brücken gebaut als alle ihre Vorfahren seit der Römerzeit zusammengenommen. Das stärkt den Lokalstolz, der angeblich nur leicht verletzt wurde, als die Architektin Hadid bei der jüngsten Inspektion ihres werdenden Meisterwerks nicht aus dem Auto stieg, um sich die Schuhe nicht schmutzig zu machen.

Wie ein Obstkorb mit stilisierten Früchten

Die übrigen vier „Guggenheims“ sind die anderen Hauptpavillons. Da ist der 80 Meter hohe „Wasserturm“ des Architekten Enrique de Teresa, der als aufragender Wassertropfen konzipiert ist. Er verheißt den besten Ausblick und mit seiner Ausstellung „Wasser fürs Leben“ den Besuchern zusätzlich ein „Erlebnis für alle fünf Sinne“. Zu ihm gesellt sich das „größte Süßwasseraquarium der Welt“ des Architekten Álvaro Planchuelo.

Es will einen internationalen Querschnitt der Flussfauna mit ihren Amphibien, Säugetieren und Reptilien präsentieren und dazu animierte Begegnungen mit fünf der großen Flüsse der Erde: Amazonas, Darling, Mekong, Nil und natürlich dem Ebro. Der „Wasserpavillon“ der lokalen Architekten Olano und Mendo ist der Beitrag Aragoniens. Dieses Gebäude sieht aus wie ein Obstkorb mit stilisierten Früchten auf dem Dach. Im Inneren geht es darum, zu illustrieren, wie das Wasser binnen 2000 Jahren die fünf Zivilisationen der jetzt Autonomen Region geprägt hat.

Der „Pavillon Spaniens“ des Architekten Patxi Mangado aus Navarra soll das Land, das wegen zunehmender Hitze, Dürre und Waldbränden den globalen Klimawandel in Europa mit besonderer Besorgnis beobachtet, von seiner besten „konservierenden“ Seite zeigen. Drinnen geht es um Energieeinsparung und erneuerbare Energien. Den Rahmen dafür bildet ein Gebäude, das mit einem Säulenwald aus gebranntem Ton ein „eigenes Mikroklima“ erzeugen soll, welches auf natürliche Weise mit fünf Grad niedrigeren Temperaturen als im dampfenden Rest des sommerlichen Saragossa die Gäste „wissenschaftlich kreativ“ erfrischt. In weiteren Kollektiv- und Einzelpavillons werden mehr als 100 Länder, darunter Deutschland, mit eigenen Beiträgen zum Thema Wasser, Klima, Versorgung, Mangel, Durst, Reinigung, Wiederaufbereitung und Entsalzung teilnehmen.

Solaranlagen und Windmühlen

Die Expo selbst soll auf ihrem 25 Hektar umfassenden Kernareal nicht mehr Umweltprobleme schaffen als lösen. So sind nicht nur die Souvenirs und Tüten biologisch abbaubar und die Kugelschreiber aus Algenpapier. Auch der Strom aus der Dose soll wesentlich von Solaranlagen und Windmühlen kommen. Die Verkehrsarrangements für spanische und internationale Touristen - zwei Millionen Eintrittskarten wurden schon verkauft - sollen mit ihrer durchdachten Mischung aus kurzen Zugangswegen von Flughafen, Bahnhof und Parkplätzen die Treibhausgase nicht ungebührlich in die Höhe treiben.

Wenn die Veranstaltung schließlich am 14. September ihre Pforten schließt, möchte man in Saragossa sagen können, dass man die Fehler der letzten spanischen Weltausstellung von Sevilla im Jahr 1992 nicht wiederholen und keine nutzlosen „Expo-Ruinen“ hinterlassen werde. Dann nämlich sollen die Pavillons im Schnellverfahren zu Einkaufs-, Erholungs-, Kongress- und Verwaltungszentren umgewandelt werden. Interessierte Mieter aus der Privatwirtschaft stehen bereit.



Text: F.A.Z., 29.03.2008, Nr. 74 / Seite 9
Bildmaterial: dpa, Expo, picture-alliance/ dpa

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