Von Peter Badenhop
18. Februar 2008 Winter? Welcher Winter? In den vergangenen Tagen ist es tatsächlich wieder etwas frischer geworden, nachts friert es sogar in Frankfurt und nicht nur auf dem Feldberg. Auf einen richtigen Winter warten die Frankfurter wie alle Hessen aber auch in diesem Jahr wieder vergeblich. Wer Eis und Schnee erleben will, muss sich in den Taunus begeben. Oder in der Nähe des Industrieparks Höchst wohnen. Dort hat es zu Weihnachten nämlich kräftig geschneit – nicht wegen des Winters, sondern weil eine sogenannte Inversionswetterlage die Bildung von Industrieschnee“ aus freigesetztem Wasserdampf begünstigte. Natürlichen Schnee gab es nur in den Höhenlagen und auch dort nur für einige wenige Tage.
Aber der Winter macht sich nicht nur im Rhein-Main-Gebiet rar. Auch in Nordhessen zeigt sich die eigentlich kalte Jahreszeit immer öfter immer milder, selbst im Skisprung-Ort Willingen im Hochsauerland geht ohne Schneekanonen inzwischen nichts mehr. Und die Daten der Meteorologen machen wenig Hoffnung, dass sich die Lage in absehbarer Zeit wieder normalisieren könnte. Nehmen wir die Durchschnittstemperaturen für Hessen: Nach dem Rekord-Januar 2007, der mit einer Durchschnittstemperatur von 4,6 Grad statt normalerweise minus 0,6 Grad der mildeste seit Menschengedenken in diesem Bundesland war, blieb auch der Januar 2008 mit 3,8 Grad sehr mild und setzte eine Entwicklung fort, die den Hessen in den vergangenen zwei Jahren eine erstaunliche Wärmeperiode beschert hat: Es begann mit dem Herbst 2006, der mit 12,0 Grad (Normalwert 8,6 Grad) der wärmste seit Aufzeichnungsbeginn 1901 war. Es folgte der Winter 2006/2007, mit 4,3 Grad (0,3 Grad) ebenfalls der wärmste seit 1901, und schließlich das Frühjahr 2007, das mit 10,7 Grad (7,8 Grad) auch sämtliche Wärmerekorde seit 1901 einstellte. Dass auch der Sommer 2007 und der folgende Herbst überdurchschnittlich warm waren, wird angesichts dessen fast zur Randnotiz.
Zwei Grad wärmer als vor 100 Jahren
Für die Experten vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach ist das alles keine Überraschung. Schon seit Jahren beobachten sie einen massiven Anstieg der Temperaturen in Hessen. Ungeachtet der üblichen Ausschläge nach oben und unten wird es Zug um Zug wärmer. So wurde im Jahr 2000 mit 9,76 Grad nicht nur die höchste Jahresdurchschnittstemperatur seit dem wissenschaftlich auswertbaren Messbeginn 1901 registriert, die Aneinanderreihung der Jahresmittelwerte (siehe Grafik) zeigt außerdem, dass sich der Anstieg der Temperaturen seit Mitte der achtziger Jahre deutlich beschleunigt hat. Jahresmittelwerte von 9 Grad und mehr hat es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Hessen nur sehr selten gegeben.
Bildet man für jedes Jahr eine Zehn-Jahres-Mitteltemperatur“ – dabei werden für jedes Jahr die Durchschnittstemperaturen der jeweils vorangegangenen fünf und der folgenden fünf Jahre gemittelt –, ergibt sich eine Kurve, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglässt: Bei aller möglichen Ungenauigkeit der Messungen wird doch klar, dass es in Hessen heute im Schnitt etwa zwei Grad wärmer ist als vor 100 Jahren.
Wärmeschub seit Mitte der Achtziger
Ein weiteres deutliches Indiz, dass es immer wärmer wird und vor allem die vergangenen 20 Jahre einen enormen Wärmeschub“ gebracht haben, liefern die Top Ten“ der Jahrestemperaturen in Hessen (siehe Tabelle): Unter den zehn wärmsten Jahren in Hessen seit 1901 findet sich nur eines – nämlich 1934 –, das länger als 18 Jahre zurückliegt. Dagegen wurden sechs der zehn Top-Werte in den vergangenen zehn Jahren verzeichnet, sieben in den vergangenen 16 Jahren. Und bei der Hit-Liste der zehn kältesten Jahre in Hessen seit 1901 ist der Befund spiegelbildlich: Unter diesen Top Ten“ findet sich nur ein Jahr aus den vergangenen 15 Jahren, nämlich 1996. Dagegen sind sechs der Top-Werte mindestens 50 Jahre, acht mindestens 40 Jahre alt.
Wie rasant der Temperaturanstieg vor allem in der jüngsten Vergangenheit war, zeigt ein weiterer Vergleich: Der Referenzwert der Meteorologen bei der Beurteilung von Temperaturen ist stets eine langjährige Mitteltemperatur, die aus den Werten von 30 Jahren gebildet wird. Die offizielle Jahresdurchschnittstemperatur für Hessen stammt (wie derzeit noch alle offiziellen Referenzwerte) aus dem Zeitraum 1961 bis 1990 und beträgt 8,22 Grad. Verschiebt man die Referenzperiode aber nur um zehn Jahre und bildet einen Mittelwert für die Jahre 1971 bis 2000, so lautet dieser schon 8,52 Grad. Und nimmt man schließlich den Zeitraum von 1978 bis 2007, dann landet man schon bei einer langjährigen Jahresmitteltemperatur von 8,72 Grad.
Während die Tatsache dieser Erwärmung, die nicht nur in Hessen, sondern in ganz Deutschland, Europa und weltweit beobachtet wird, inzwischen unbestritten ist, gibt es bei der Beurteilung der Gründe unter den Experten nach wie vor unterschiedliche Schwerpunkte: Während die meisten den sogenannten Treibhauseffekt – also die vermutete Erhöhung der Temperaturen durch den verstärkten Ausstoß von Kohlendioxyd in die Erdatmosphäre – ins Feld führen, warnen manche vor vorschnellen Schlüssen und nennen die Sonnenaktivität und natürliche, langfristige Klimaschwankungen als mögliche Ursachen.
Sommer werden heißer und trockener
Größere Einigkeit herrscht unter den Fachleuten, wenn es um die Folgen der Erwärmung geht. Zusammengefasst lauten die Vorhersagen: Die Sommer werden heißer und trockener, die Winter wärmer und feuchter. Und weil steigende Temperaturen die Fähigkeit der Erdatmosphäre erhöhen, Feuchtigkeit zu speichern, wird es häufiger zu extremen Wetterereignissen wie Gewitter, Sturm, Hagelschlag und Tornados kommen. Folgerichtig prognostiziert etwa das Institut für Atmosphäre und Umwelt an der Frankfurter Goethe-Universität bis 2050 für Hessen nicht nur einen weiteren Temperaturanstieg von 1,6 Grad, sondern auch eine Zunahme der Niederschlagsmengen von gut sechs Prozent – und eine damit verbundene höhere Gefahr von Hochwasser und Überschwemmungen.
Hitze und Trockenheit in den Sommermonaten werden schon mittelfristig große Auswirkungen auf Flora und Fauna haben: Manche Forscher rechnen damit, das fünf bis 30 Prozent der heimischen Tier- und Pflanzenarten auf Grund der veränderten Lebensbedingungen gefährdet sein könnten. Hitzewellen und Wassermangel dürften aber auch für viele Menschen ernste Gefahren bergen: Hautprobleme, Allergien, Kreislaufschwierigkeiten. Dagegen ist der Verzicht auf natürlichen Schnee in der einst als Winter bezeichneten Jahreszeit wohl eher eine Kleinigkeit.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
