Von Horst Rademacher, San Francisco
01. Februar 2007 Die Nachrichten, die dieser Tage in Zusammenhang mit der Klimakonferenz in Paris verbreitet werden, sind beunruhigend. Bis zum Ende des Jahrhunderts dürfte der Meeresspiegel zwischen 12 und 58 Zentimeter höher liegen als heute, sagen die in der französischen Hauptstadt versammelten Klimaforscher voraus. Deshalb könnten schon in den kommenden 25 Jahren mehr als 2000 Inseln des indonesischen Riesenarchipels untergehen, warnt Rachmat Witoelar, der Umweltminister des Landes.
Angesichts des drohenden Klimawandels fordert UN-Generalsekretär Ban Ki-moon dringend einen neuen Klimagipfel. Präsident Bush hat während seiner Rede zur Lage der Nation kürzlich zum erstenmal in seiner Regierungszeit eingestanden, dass es einen globalen Klimawandel gibt. Und Vorstandsvorsitzende großer amerikanischer Industrieunternehmen, etwa des Aluminiumherstellers Alcoa, des Energieversorgers Duke Energy oder des Chemiekonzerns DuPont, fordern gemeinsam schnelles Handeln. Man dürfe mit der Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen nicht warten, bis es zu spät ist.
Globale Veränderungen sind unvermeidbar
Unbestritten ist, dass der Gehalt an Kohlendioxid in der Atmosphäre in den vergangenen 150 Jahren um etwa 30 Prozent zugenommen hat. Das wird – auch daran zweifelt niemand ernsthaft – auf das Verbrennen fossiler Energieträger seit Beginn der industriellen Revolution zurückgeführt. Gleichzeitig ist es im vergangenen Jahrhundert auf der Erde im Durchschnitt um etwa ein Grad wärmer geworden. Da Kohlendioxid ein Treibhausgas ist, das Wärmestrahlung einfängt“, liegt der Schluss nahe, dass der zunehmende Kohlendioxidgehalt für den Anstieg der Temperatur verantwortlich ist. Auch in dem jüngsten Bericht, der an diesem Freitag vom zwischenstaatlichen Ausschuss für den Klimawandel (IPCC) in Paris veröffentlicht werden soll, führen die Forscher zumindest einen Teil der Temperaturerhöhung auf das aus Schornsteinen und Auspuffrohren ausgestoßene Kohlendioxid zurück.
Angesichts der immer lauter werdenden Alarmrufe, dass ein Klimawandel unmittelbar bevorstehe oder bereits stattfinde, scheinen viele Menschen aber zu vergessen, dass die Erde ein Planet der dauernden Veränderungen ist. Das Klima, die Meeresströmungen, die Verteilung von Land und Meer, die Lage und Form von Inseln, ja selbst die Gebirge und Täler – nichts blieb im Laufe der 4,5 Milliarden Jahre dauernden Erdgeschichte so, wie es einmal war. Globale Veränderungen, selbst in extrem kurzen Zeiträumen, sind unvermeidbar und haben in der Vorzeit zu zahlreichen Katastrophen geführt.
Meeresspiegel um 100 Meter gestiegen
Die jüngste dramatische Veränderung fand zum Ende der letzten Eiszeit auf der Nordhalbkugel vor 12.000 Jahren statt, gerade einmal ein Augenblick auf der geologischen Zeitskala. Wo sich heute Großstädte wie Stockholm, Moskau, Berlin, München oder Toronto befinden, bedeckte eine zum Teil mehrere Kilometer dicke Eisschicht das Land. In dem Eis war so viel Wasser gebunden, dass weltweit der Meeresspiegel knapp 100 Meter unter dem heutigen Niveau lag. Es existierten Landbrücken beispielsweise über die heutige Beringstraße zwischen Asien und Nordamerika oder über die Nordsee zwischen den Niederlanden und England.
Viele große Meeresbuchten, beispielsweise der Golf von Bengalen, waren wesentlich kleiner und die entsprechende Küstenabschnitte erheblich größer. Auch im kleinen Rahmen sah die Landschaft völlig anders als heute aus. Beispielsweise waren zwei der derzeit spektakulärsten natürlichen Häfen – die Bucht von San Francisco und der Hafen von Sydney – trockenes Land. Wo heute die Golden-Gate-Brücke die Meerenge bei San Francisco überspannt, gab es einen beeindruckenden Wasserfall, durch den sich Kaliforniens größter Fluss, der Sacramento, in eine Marschlandschaft ergoss. Erst dreißig Kilometer weiter westlich mündete der Fluss in den Pazifik.
Unerklärtes Klimaflattern
In der äußerst kurzen Zeitspanne von wenigen tausend Jahren änderte sich diese pleistozäne Landschaft aber gründlich und wurde zur Erdoberfläche, wie wir sie heute kennen. Inseln und niedrige Küstenabschnitte gingen im steigenden Meer unter. Gleichzeitig gab das Eis auf den Kontinenten Land frei, das es für Tausende von Jahren wie ein Schild bedeckt hatte. Diese vom Eis befreite Landschaft bot aber alles andere als einen anmutigen Anblick: Über Tausende Quadratkilometer erstreckten sich leblose Steppen aus Geröll, Kies und Sand. Wenn es gerade nicht regnete, verdunkelten mächtige Staubstürme die Sonne. Gleichzeitig änderte sich auch in anderen Teile der Welt das Klima: Wüsten wurden zu Feuchtgebieten und Landschaften, in denen bisher reichlich Niederschläge fielen, verdursteten im Trockenklima.
Dieser Übergang von der Eiszeit zur gegenwärtigen sogenannten Zwischenwarmzeit, vollzog sich nicht gleichmäßig und kontinuierlich. Immer wieder zeigte der Winter sein böses Gesicht. Es kam zu Klimaeinbrüchen, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauerten. Kein Wissenschaftler hat bisher eine allgemein akzeptierte Erklärung für dieses Klimaflattern“ gefunden, das sich völlig ohne das Zutun des Menschen ereignete.
Abschreckendes Beispiel Venus
Selbst nachdem sich das Klima nach der Eiszeit endlich stabilisiert hatte, kam es zu deutlichen Klimaschwankungen. So durchlebten die Menschen nur wenige Generation vor uns vor etwa 300 Jahren die Kleine Eiszeit“, in der die Temperatur auf der Nordhalbkugel durchschnittlich ein Grad niedriger als heute war. Zwischen 800 und 1300 war es dagegen im Durchschnitt um knapp 1,5 Grad wärmer; am Niederrhein und in England florierte der Weinanbau. Weite Küstenabschnitte Grönlands waren damals eisfrei und die Wikinger fanden dort grüne Pflanzen – weshalb sie der Insel ihren Namen gaben. Es ist ironisch, dass heute die schmelzenden Gletscher Grönlands als Vorboten einer Klimaapokalypse gelten, während die damalige Warmperiode von Forschern als mittelalterliches Klimaoptimum“ bezeichnet wird. Klimamodelle, mit denen Forscher die künftige Entwicklung von Lufttemperatur und Meeresspiegel berechnen, sind meist nicht in der Lage, die natürlichen Klimaschwankungen der jüngsten Vergangenheit nachzuvollziehen.
Selbst wenn die zur Zeit beobachteten Veränderungen des Klimas allein auf natürlichen Ursachen beruhten, gibt es freilich keinen Grund, dass die Menschen die Atmosphäre immer mehr mit Kohlendioxid anreichern. Spätestens das Beispiel unseres Nachbarplaneten Venus zeigt, wohin ein sehr hoher Kohlendioxidgehalt führen kann: zu einem lebensfeindlichen Treibhaus. Die nötigen Verringerungen des Ausstoßes an Kohlendioxid lassen sich unter Einsicht aller Beteiligten, vor allem der Verbraucher erzielen. Energiesparen und effiziente Maschinen könnten vor allem in Amerika den Ausstoß senken. Der Einsatz erneuerbarer Energien, besonders der Photovoltaik und der Erdwärme, können ebenfalls zur Verringerung des Kohlendioxidausstoßes beitragen.
Das Klima und der moderne Mensch
Aber es ist nicht der steigende Kohlendioxidgehalt allein, der Sorgen bereitet. Unsere Vorfahren erlebten vor 12.000 Jahren einen grundlegenden Klimawandel – das Ende der Eiszeit – und passten sich an. Zwar werden nicht wenige der Steinzeitmenschen unter den Klimaänderungen gelitten haben. Das Ergebnis war aber die – im Vergleich zum Klimaflattern – relativ stabile Periode der vergangenen 10.000 Jahre, das Holozän. Nicht wenige Anthropologen behaupten, dass erst das stabile Klima dieser Zeit die Entwicklung des modernen Homo sapiens erlaubte.
Es ist klar, dass die inzwischen 6,5 Milliarden Menschen insgesamt gegenüber Veränderungen des Klimas weniger anpassungsfähig sind, als es die Steinzeitmenschen, ja selbst die Erdenbürger des Mittelalters waren. Dazu ist die Besiedlungsdichte vor allem in Küstennähe zu dicht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Nasa
