23. Mai 2007 Als alle längst gepackt hatten, die Säle sich leerten und der Unmut halbwegs verdaut war, da gab der Leiter des Klimasekretariats der Vereinten Nationen zum Abschluss der Bonner Konferenz vor wenigen Tagen eine, wie er sagte, erdrutschartige Veränderung“ bekannt.
Die Delegierten der anwesenden Vertragsparteien, immerhin an die hundertsiebzig Nationen, hätten beschlossen, sich künftig bei ihren politischen Verhandlungen nicht mehr nur auf die Berichte und Ergebnisse des zwischenstaatlichen Weltklimarates IPCC zu stützen. In der Tat: Nach dem politischen Erdbeben, das die Veröffentlichungen des IPCC jüngst ausgelöst hatten, eine überraschende Entscheidung.
Autorität nicht in Frage gestellt
Ein Misstrauensvotum war es trotzdem nicht. Die Klimadiplomaten, die in den beiden Bonner Wochen die Verhandlungen für einen verschärften Klimaschutzvertrag nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls vorbereiten sollten, konnten auch gar kein Interesse daran haben, die Autorität des IPCC in Frage zu stellen.
Denn wie selten zuvor hatte man sich so prominent im Rampenlicht und zugleich auf allen politischen Agendas wiedergefunden wie in diesen Monaten, in denen der Tross der Berichterstatter den Klimaräten des IPCC über den Globus folgte. Ihre Sorge war wohl auch vielmehr, dass diese Aufmerksamkeit bald abrupt enden könnte.
Klimaweisen des IPCC
Was das bedeutet, konnte man in den zurückliegenden fünf Jahren erleben, als sich die Klimaweisen des IPCC nach der Publikation ihres dritten Berichtes in ihre Kämmerlein und Rechenhallen zurückzogen und an dem nun stückchenweise veröffentlichten vierten Weltklimabericht feilten. Für die Klimapolitik eine quälend lange Durststrecke ohne autoritativen Beistand. So lange will die Klimapolitik nun nicht mehr auf ihre wissenschaftlichen Weisheiten warten.
Entscheidend aber ist eigentlich, dass mit dieser Geduldsprobe ein diplomatischer Nachteil verbunden ist, der auch nicht durch die Einmaligkeit dieses halb wissenschaftlichen, halb politischen Expertengerichts und damit dessen politischem Schwergewicht aufgewogen wird: Der Nachteil nämlich, dass die zugrundeliegenden Szenarien, Daten und vereinzelt auch Schlussfolgerungen schon durch wissenschaftliche Fakten überholt sind, bevor sie das erste Licht der Öffentlichkeit erblicken.
Ein seltsames Konstrukt“
Der klimapolitische Chefberater der Bundeskanzlerin, John Schellnhuber, fasste diesen Anachronismus unlängst auf dem Klimaforschungsgipfel mit dem Begriff ein seltsames Konstrukt“ zusammen – versehen mit dem nun seltsam prophetisch wirkenden Hinweis, dass man nicht sicher sein könne, ob es überhaupt einen fünften IPCC-Bericht geben werde.
Das zu entscheiden wird nach Auskunft des IPCC-Sekretariats im nächsten Frühjahr oder frühestens auf der nächsten Plenarsitzung im November in Valencia möglich sein, wo gleichzeitig die Synthese“ aller drei bisherigen Teile des Weltklimaberichtes veröffentlicht werden soll. Eine Publikation, deren vornehmlicher Zweck darin liegt, den nun auch in Bonn wieder festgefahrenen und am Jahresende auf Bali fortgesetzten Klimaschutzverhandlungen neuen Schub zu verleihen.
Klimatologisches Schiedsgericht
Wie sehr sich das IPCC mittlerweile vom klimatologischen Schiedsgericht zur politischen Animierveranstaltung entwickelt hat, war schon in Paris und erst recht in Brüssel bei der Vorstellung des dritten Teilberichts zu erkennen. Einige Forscher verließen nach durchgearbeiteter Nacht, in der sie von Regierungsdelegierten immer wieder ins Verhör genommen und zu weichgespülten“ Formulierungen gedrängt worden waren, kopfschüttelnd den Saal. Die politisch entscheidenden Dokumente, die Zusammenfassung für Entscheider“, wurden offen zum Spielball der Politik.
Das allein sollte den Wissenschaftlern genügen, am Produkt ihrer intellektuellen Arbeit zu verzweifeln. Von Merida in Mexiko nach Capetown in Südafrika waren sie im letzten Jahr gereist, von Peking nach Paris, von Christchurch in Neuseeland nach Genf und Bergen in Norwegen, von Brüssel nach Bangkok, um dann die Früchte ihrer Arbeit auf dem Schlachtfeld eines politischen Kleinkrieges zu opfern.
Politischer Opferkult
Viel mehr aber noch als dieser politische Opferkult muss die Wissenschaftler beunruhigen, was auch Yves de Boer in Bonn umtrieb. Die Gewissheit nämlich, dass die Forschung rund um das Klima enorm an Dynamik gewonnen hat. De Boer führte Publikationen der Internationalen Energieagentur und der OECD an. Beispiele lieferten aber auch schon die Klimaforscher selbst mehrfach.
Der Potsdamer Ozeanograph Stefan Rahmstorf etwa publizierte noch am Tag der Veröffentlichung des ersten IPCC-Teilberichts eine Berechnung, die den Meeresspiegelanstieg, wie er im Weltklimabericht vorgerechnet wird, weit in den Schatten stellt. Und in den Proceedings“ der amerikanischen Akademie der Wissenschaften hat diese Woche eine internationale Gruppe unter Beteiligung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft eine Analyse publiziert, die zeigt, dass sich der Anstieg des Kohlendioxidgehaltes in der Luft seit Anfang 2000 verdreifacht hat. Je schneller sich die Welt wandelt und das Räderwerk der Forschung dreht, desto abgestandener wirken die aufwendigen Expertisen der Klimaweisen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP