Von Andrea Jeska
12. März 2008 Wenn in der kanadischen Arktis die Jagdsaison auf Karibus eröffnet wird, muss Roger Kapulla sich für viele Tage von seiner Ehefrau Jackie verabschieden. Die Zeiten, in denen die Herden in unmittelbarer Nähe seines Hauses vorbeizogen und er am Morgen hinausfahren und am Abend mit Beute wieder heimkommen konnte, sind vorbei. Schon im vergangenen Jahr hat Kapulla seine drei ausladenden Tiefkühltruhen nur mit dem Fleisch von Moschusochsen und Schneegänsen gefüllt. Jackie, die aus England kommt, ihren Mann während eines Praktikums kennenlernte, Familie und Heimat verließ und für ihn ins ewige Eis zog, hat nicht geklagt. Aber die Kinder haben gemeckert über das eintönige Essen. Karibus gehören zu unserer Nahrung. Früher durften wir so viele schießen, wie wir wollten. Seit zwei Jahren aber darf jeder Bewohner nur noch ein Tier erlegen. Doch selbst dieses eine finden wir nicht mehr. Plötzlich waren sie einfach fort, sagt Kapulla.
Das Verschwinden einer ganzen Spezies ist kein Novum auf Banks Island, einer siebzigtausend Quadratkilometer großen Insel in den Northwest Territories. Die einzige Siedlung dort ist der 125 Bewohner zählende Ort Sachs Harbour. Und selbst diesen als Siedlung zu erkennen gelingt nur von Bevölkerungsdichte nicht verwöhnten Menschen. Sachs, wie die Bewohner das Dorf nennen, besteht aus einem guten Dutzend verstreuter Häuser und einer Landebahn, auf der dreimal wöchentlich, so es das Wetter erlaubt, die Versorgungsmaschinen vom Festland landen. Gerne treiben sich dann die Mädchen der Insel am Flughafen herum, um einen Blick auf die Piloten zu werfen, die - ihres Rufs als Cowboys der Lüfte bewusst - ölverschmiert und mit wiegenden Hüften über das Rollfeld schlendern.
Im Winter in Iglus, im Sommer in Zelten
Wer Banks Island verlassen will, muss das Flugzeug nehmen. Das war nicht immer so. Noch vor einigen Jahren, sagt Kapulla, sei das Eis dick genug gewesen, um über die Prince of Wales Street wenigstens zur benachbarten Victoria-Insel zu gelangen - auf jenem Weg, den einst die Vorfahren der heutigen Bewohner nahmen, um Banks Island zu besiedeln. Erst 1929 ließen sich die ersten Menschen dauerhaft auf Ikanuuk nieder, wie die Insel in der Sprache der Einheimischen heißt, unter ihnen die Familie von Roger Kapulla. Nicht ohne Wehmut erinnert sich der Jäger an das Nomadenleben. Noch bis ich ein junger Mann war, wohnten wir auf die traditionelle Eskimo-Art. Im Winter in Iglus, im Sommer in Zelten, die aus Karibuhaut gefertigt wurden. Das war hart, aber wenigstens brauchten wir keine Sozialhilfe.
Bis auf Jackie sind bis heute keine Weißen auf die Insel gezogen. Manchmal kommen Wissenschaftler oder Touristen, die nach einer Nacht in Sachs gleich weiterfliegen in den Aulavik-Nationalpark, um auf dem Thompsen River, dessen Wasser Banks Island ihr Grün verdankt, zu paddeln. Man muss hart im Nehmen und bescheiden in den Ansprüchen sein, um es hier auszuhalten. Wer Hunger hat, hat die Wahl zwischen überteuerten Fertiggerichten aus dem winzigen Laden, oder er muss jagen. Zur Einkommenssicherung der Sachser trägt seit einigen Jahren maßgeblich der Verkauf von Fleisch und Wolle des Moschusochsen bei.
Ein Wunder, das die Bewohner sorglos blieben ließ
Wenn der Winter kommt, werden die Tiere nach Wildwestmanier in Umzäunungen getrieben und dann geschlachtet. Bis zu tausend Dollar zahlt man in kanadischen Souvenirläden für einen Pullover aus Moschusochsenwolle. Noch 1950 galten die Moschusochsen auf Banks Island als ausgerottet. Als ein dänischer Biologe dann einen einzelnen Bullen sichtete, glaubte man noch an einen Zufall. Doch schon einige Jahre später war die Population in einem Maße gewachsen, dass Biologen von einem Wunder sprachen. Heute leben 160.000 Moschusochsen auf der Insel, das ist die weltgrößte Population dieser Tiere.
Es ist dieses Wunder, das die Bewohner sorglos bleiben ließ, als sie Jahr für Jahr weitere Wege auf sich nehmen mussten, um die Karibuherden zu finden. In harschen Wintern, wenn sich eine Eisdecke über die Tundravegetation legt, sind schon immer Hunderte von Karibus und auch Moschusochsen verhungert oder waren so geschwächt, dass sie leicht Opfer der Polarwölfe wurden. Und schon immer hat es warme Sommer gegeben, in denen die Moskitos, auf Banks Island ohnehin eine Plage, sich drastisch vermehrten und den Tieren den letzten Blutstropfen aussogen.
Früher reichte eine Woche, um den Bären zu finden
Jetzt aber hat man in Sachs Harbour eine Abordnung zusammengestellt, die sich an die Regierung wenden und ihre Furcht vortragen will. Was hier geschieht, das hat mit der Veränderung des Klimas zu tun und wird nicht wieder auf natürlichem Wege gut. Die Tiere gehen ein, weil die Sommer zu warm sind, weil im Winter zu viel Schnee fällt und sie immer tiefer graben müssen, bis sie Nahrung finden. Uns ist der Wandel unheimlich. Erst kamen die Wale nicht mehr. Schon lange haben wir keine Eisberge mehr vorbeischwimmen sehen. Und nun sind noch die Karibus weg, klagt Kapulla. Für ihn hat das veränderte Klima und das daraus resultierende Verschwinden der Inseltiere größere Konsequenzen als nur die, seine Tiefkühltruhe mit anderem Fleisch füllen zu müssen. Kapulla verdient sich ein Zubrot mit der Führung von Sportjägern aus Europa und den Vereinigten Staaten. Bis zu 25.000 Euro legen diese auf den Tisch, um einen Polarbären abschießen zu dürfen.
Früher reichte eine Woche, um den Bären zu finden und ihm nahe genug zu kommen. Heute ist Kapulla mit seinen Kunden manchmal zwei Wochen lang unterwegs. Die Tiere ziehen sich in Nischen zurück, in denen wir sie schwerer aufspüren können. Wer nicht so viel Geld zahlen will, begnügt sich für zehntausend Euro mit der Tötung eines Karibu, für den Jäger bislang ein leichtes Abenteuer, nur inzwischen eben nicht mehr. Da auch Kapulla nur die Berechtigung für einen Schuss hat, kauft er den anderen Bewohnern der Insel ihre Berechtigungsscheine ab. Außer ihm gibt es auf der Insel nur noch einen zweiten Mann, der mit den Ausländern jagen geht, und das, obwohl dies eine lukrative Einnahmequelle ist.
Jagd auf Moschusochsen verboten, nicht aber auf Karibus
Für Kapulla ist der Mangel an Konkurrenz ebenfalls eine Folge der sozialen und klimatischen Wandlungen. Die Leute hier werden bequem. Und sie vergessen, was unsere Vorfahren uns beibrachten. Sie wissen nicht mehr, wie man die Dicke des Eises einschätzt. Sie wissen nichts mehr über die Migrationsrouten der Tiere. Wenn sie mit den Hundeschlitten auf die Insel rausfahren, verlieren sie die Orientierung. Und wie man die Spur eines Bären findet und verfolgt, auch das haben sie längst vergessen.
Der Rückgang der Karibu-Population ist der kanadischen Regierung nicht entgangen. Die Commission for Endangered Wildlife hat die Tiere schon in den neunziger Jahren auf ihre Liste der gefährdeten Arten gesetzt. Und auch das Umweltministerium hat Untersuchungen über den Rückgang angestellt. Doch als eine Folge der Erderwärmung mag man das Schwinden dort noch nicht sehen. Die Kommission nennt als Gründe ebenfalls Verhungern wegen geschlossener Eis- und dichter Schneedecken. Auch die Zunahme der Zahl von Moschusochsen, die sich mit den Karibus die Nahrung auf den Tundraweiden teilen, vor allem Flechten und Moos, wird als eine Ursache für den Rückgang der Bestände gesehen. Und lange war die Jagd auf Moschusochsen verboten, nicht aber die auf Karibus. Während sich also die einen in aller Ruhe fortpflanzen konnten, mussten sich die anderen nicht nur gegen die Nahrungskonkurrenz wehren, sondern auch noch den Jägern entgehen.
Das Wissen unserer Vorfahren hilft uns nicht mehr
Roger Kapulla kann daraus wenig Hoffnung schöpfen. Das Wissen unserer Vorfahren hilft uns nicht mehr. Die Natur hat sich zu sehr verändert, und das allein ist doch ein Warnsignal. Er will nun umsatteln, vom Jäger zum Sammler. Künftig hofft er auf mehr Touristen, die nach Banks Island kommen. Kapulla und seine Frau haben vor einigen Jahren schon ein Gästehaus eröffnet und bieten jetzt Schlitten- oder Quadtouren zu den Moschusochsen an. Davon, immerhin, gebe es noch genug, und die Wahrscheinlichkeit, keine zu sehen, sei gleich null, sagt Kapulla - noch, jedenfalls. Ob die klimatischen Veränderungen auf lange Sicht die Moschusochsen unbeeindruckt lassen? Kapulla glaubt es nicht. Wenn das so weitergeht, dann kriegen die Tiere hier im Sommer einen Hitzschlag.
Insel im Eis
Anreise: Mit Air Canada von Frankfurt über Montreal oder Toronto bis nach Yellowknife, weiter mit First Air bis Inuvik und dann mit Air Aklak nach Banks Island. Buchungen und Informationen über Air Canada, Telefon: 069/27115111, Internet: www.aircanada.com.
Informationen: Northwest Territories Tourism Europe, c/o Pandora Enterprises, P.O. Box 109, CH-5623 Boswil, Telefon: 0041/56/6105572, E-Mail: rweinmann@gmx.ch.
Text: F.A.Z., 06.03.2008, Nr. 56 / Seite R3
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS
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