19. Januar 2009 Oecotrophologen sind breit aufgestellt und überall zu finden, in Lebensmittelwirtschaft und Arzneimittelindustrie. Dort stabilisieren sich die Stellenangebote auf hohem Niveau.
Pralinen, Schokokugeln, Cremewaffeln: An ihrem Arbeitsplatz hat Christine Schimmele immer eine Auswahl an süßen Kalorienbömbchen parat. Damit ich sofort nachschauen kann, wenn Fragen zu unseren Produkten kommen, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin (M.Sc.), die im Verbraucherservice von Ferrero in der Frankfurter Unternehmenszentrale alle Fragen rund um das Thema Ernährung beantwortet - von Allergien bis zu den Inhaltsstoffen der Produkte. Die meisten Anfragen beziehen sich auf verschiedene Typen von Fetten oder Anteile von Nüssen, Lactose und Gluten. Ich sehe mich als Bindeglied zwischen Marketing und Qualitätssicherung, stellt die 26-Jährige fest. Wir leisten nicht nur Beratung, sondern sind in viele Abläufe mit eingebunden und geben die Rückmeldungen vom Kunden direkt an die Kollegen weiter.

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Die Beratung von Kunden und Verbrauchern zählt ebenso wie Öffentlichkeitsarbeit und Ernährungsberatung zu den klassischen Aufgabengebieten für Oecotrophologen. Technisch begabte Absolventen finden bei Ferrero auch in der Produktion interessante Aufgaben. Im Anschluss an ein Traineeprogramm steigen Ernährungswissenschaftler beispielsweise als Technologischer Junior Product Manager für eine bestimmte Artikelgruppe ein, erklärt Jan Westphal, Leiter für Personalentwicklung und Ausbildung. In dieser Funktion wirken sie bei der Industrialisierung neuer Produkte mit, bewerten die Produktqualität und überwachen die Rezepturen der betreuten Produktfelder. Weitere Einstiegsmöglichkeiten bieten sich im Bereich Qualitätsmanagement-Systeme. Ein Geschäftsfeld, das für Ernährungswissenschaftler allgemein immer stärker an Gewicht gewinnt. Das jedenfalls stellt die VDOE-Stellen-Infothek 2007 fest. Jahr für Jahr wertet der Berufsverband der Oecotrophologen e.V. Stellenanzeigen aus, in denen explizit Oecotrophologen, Ernährungs- oder Hauswirtschaftler gesucht werden.
Die Aussichten für Oecotrophologen seien gut, der Arbeitsmarkt stabilisiere sich auf hohem Niveau, so das Ergebnis der Untersuchung. Besonders markant: Vor allem bei Verbänden, Institutionen und Agenturen sowie bei Tätigkeiten in der Qualitätssicherung in der Lebensmittelindustrie verzeichnet der Verband einen überdurchschnittlichen Anstieg der Stellenangebote. Die Lebensmittelindustrie bleibt danach der wichtigste Arbeitgeber für Oecotrophologen, gefolgt von Pharmaindustrie und Ernährungsberatung. In Produktentwicklung und Qualitätsmanagement sind Absolventen sehr gefragt, auch im Marketing, stellt VDOE-Geschäftsführerin Elvira Krebs fest. In der Kundenberatung von Lebensmittelunternehmen sitzen durchweg Oecotrophologen. Im Hinblick auf das zunehmende Interesse aus der Pharmaindustrie verweist die promovierte Verbandschefin auf das Angebot sehr unterschiedlich zugeschnittener Studiengänge. Während die klassische Oecotrophologie sowohl Ernährungs- und Haushaltswissenschaften als auch Ernährungsökonomie umfasst, klammern andere Studiengänge den haushaltswissenschaftlichen Anteil komplett aus und sind stärker naturwissenschaftlich ausgerichtet. Das Interesse an ernährungswissenschaftlich versierten Mitarbeitern in der Pharmaindustrie steigt denn auch kontinuierlich. Ernährungswissenschaftler sind seit über zehn Jahren auch als Pharmaberater zugelassen, so Krebs. Für die Beratung zu bestimmten Produktgruppen, etwa zur Behandlung von Allergien oder Diabetes, bringen sie die besten Voraussetzungen mit.
Viele finden den Einstieg in die Pharmaindustrie über den Außendienst oder betreuen als Clinical Research Associates klinische Studien. Ein auch in der Wissenschaft interessantes Feld. Wir erforschen das Krankheitsbild und die Mechanismen des Diabetes mellitus Typ 1 sowie mögliche Ursachen und Präventionsmöglichkeiten, stellt Claudia Peplow vom DFG-Forschungszentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) fest. Das vor drei Jahren gegründete und Ende 2006 zum Exzellenzcluster erhobene Institut entwickelt Therapien zu Krankheiten wie Diabetes, Parkinson oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Direkt nach dem Studium wechselte die Diplom-Oecotrophologin in die Forschung und betreut seit Anfang 2008 als Clinical Study Associate eine Studie zum Diabetes mellitus Typ 1 . Im Vorfeld analysieren wir, welche Daten erhoben werden sollen, entwickeln ein logistisches Konzept und organisieren Screenings, in denen mögliche Probanden getestet werden, erklärt die 26-jährige Ernährungswissenschaftlerin. Läuft die Untersuchung an, ist Claudia Peplow in ganz Deutschland unterwegs, auf dem Weg zu ihren Patienten. In diesem Fall sind es vor allem Kleinkinder, bei denen bestimmte Risikogene vorliegen. Wir betreuen sie kontinuierlich, besuchen sie, erarbeiten Protokolle und werten die Daten abschließend aus. In ihrer Arbeitsgruppe ist sie die einzige Oecotrophologin unter 14 Mitarbeitern. An anderen Einrichtungen kann das ganz anders aussehen, so Peplow. Am Institut für Diabetesforschung in München zum Beispiel sind überwiegend Ernährungswissenschaftler als CRAs beschäftigt. In anderen Positionen im Bereich der Gesundheitsversorgung, etwa in Kliniken oder Medizinischen Versorgungszentren, sind die Chancen allerdings nicht so gut. Laut VDOE werden in diesem Bereich kaum feste Stellen für Oecotrophologen angeboten. Im klinischen Bereich werden entsprechende Stellen aus Kostengründen bevorzugt mit Diät-Assistentinnen besetzt, so VDOE-Geschäftsführerin Elvira Krebs. Ihre Bilanz fällt insgesamt dennoch positiv aus. Ernährungswissenschaftler sind sehr breit aufgestellt und verfügen beruflich über viele Alternativen, stellt sie fest. Anhand von Verbleibstudien wissen wir, dass sie wirklich gut unterkommen.
Bleibt die Frage, wie erfolgreich sich Oecotrophologen in Bewerbungsverfahren gegenüber Kandidaten aus anderen Fachbereichen wie der Lebensmittelchemie oder -technologie behaupten können. Die Einstiegschancen für Ernährungswissenschaftler werden in der Industrie durchaus unterschiedlich eingeschätzt. Bei Nestlé finden sie sich vor allem in unseren unterschiedlichen Service-Plattformen, wie dem Nestlé-Ernährungsstudio, dem Maggi-Kochstudio, dem Alete Babyservice oder im Bereich Nestlé Professional, der sich an Großküchen und die Gastronomie wendet, stellt Pressesprecher Alexander Antonoff fest. Nicht ausgeschlossen, aber selten sei eine Karriere in Marketing und Vertrieb. Hier konkurrieren Oecotrophologen jedoch vor allem mit Absolventen betriebswirtschaftlicher Studiengänge. Auch in Qualitätssicherung und Produktentwicklung des Lebensmittelkonzerns setzen sich Ernährungswissenschaftler nur sehr vereinzelt durch. Hier sind vor allem Lebensmittelchemiker eine starke Konkurrenz. Eine fundierte chemische Ausbildung ist gerade in diesem Bereich ein wichtiges Asset, betont Antonoff. Viel Mut macht er Ernährungswissenschaftlern nicht. Hochattraktive Jobs, etwa als Manager eines der fünf Maggi-Kochstudios, sind zwar mit Oecotrophologen besetzt. Neueinstellungen seien jedoch nicht geplant.
Gerd Harzer, Senior Director Global Nutrition bei der Kraft Foods Deutschland GmbH, sieht die Karrierechancen von Ernährungswissenschaftlern wesentlich optimistischer. Es macht keinen Sinn, Lebensmittel vermarkten zu wollen, von denen man nichts versteht, betont er. Der in Chemie promovierte Ernährungswissenschaftler und Privatdozent an der TU München ist selbst das beste Beispiel dafür, was Oecotrophologen erreichen können. Vom Standort München aus, dem europäischen Forschungs- und Entwicklungszentrum des Konzerns für Schokoladen- und Food-Produkte, verantwortet er alle gesundheits- und ernährungsrelevanten Initiativen der Unternehmensgruppe in Europa, im Nahen Osten und Afrika. Jahrelang hat er Produktentwicklungsgruppen geführt. Ob im Marketing, in der Produktentwicklung oder Qualitätssicherung: Man muss immer auch Leute da sitzen haben, die ernährungswissenschaftliche Sachverhalte einschätzen können und wissen, ob Omega-3-Fettsäuren in einer Schokolade nun sinnvoll sind oder nicht. In seinem eigenen Umfeld sind etliche Führungspositionen mit Absolventen aus der Ernährungswissenschaft besetzt. Als Abteilungsleiter in der Produktgruppe Kaffee ebenso wie in der Sensorik, einer für die Produktoptimierung extrem wichtigen Abteilung, oder dem im lebensmittelrechtlichen Umfeld angesiedelten Nutrition Profiling. Absolventen rät er, sich mit Public-Health-Themen vertraut zu machen, lebensmittelrechtliche Fragen nicht außer Acht zu lassen und die Auseinandersetzung mit ernährungswissenschaftlichen Inhalten auf einer höheren, politischen Ebene anzusiedeln. Wahrscheinlich kann ich in der Industrie mehr Einfluss auf die Gesundheit einer Gesellschaft nehmen als in der Ernährungsberatung, stellt der Senior Director fest.