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Call me Bill

Richtig benehmen bei US-Firmen in Deutschland

Von Anne Jacoby




16. Mai 2006 
Kumpelhafter Umgangston, Erfolgsdruck, Motivationsfeste mit Würstchen, „hire and fire“ - das verbinden Berufseinsteiger mit US-amerikanischer Firmenpolitik. Bei US-Unternehmen in Deutschland sieht es anders aus: Sie bieten das Beste aus zwei Welten.

„Ich arbeite gerne für eine US-amerikanische Firma und kann mir heute nichts anderes mehr vorstellen“, sagt Anja Kalle. Sie arbeitet bei Enterprise Rent-A-Car, einem internationalen Autovermieter mit über 6.600 Standorten in Deutschland, Großbritannien, Irland, den USA und Kanada. „Ein durch und durch amerikanisches Unternehmen“, betont die Personalmanagerin. Und das gefällt ihr: Bei Enterprise zählt nicht der Lebenslauf eines Kandidaten oder seine Titel, sondern „allein die Leistung, die er heute bringt“. Komplizierte Dienstwege gibt es nicht, verkrustete Hierarchien ohnehin nicht. Wer bei Enterprise als Management-Trainee anfängt, kann schnell zum selbständigen Geschäftsführer einer eigenen Filiale aufsteigen, er kann mehrere Filialen managen oder seine Karriere im Innendienst starten: im Key-Account-Management, Personal, Marketing oder Controlling. Schnelle Karrieren sind eben typisch für ein amerikanisches Unternehmen.

„Deutsche Mitarbeiter wirken in amerikanischen Firmen oft zu steif, zu introvertiert, zu zurückhaltend und zu ängstlich.“

Lutz-Martin Busch, Geschäftsführer der Personalberatung HiTec Consult in Bad Nauheim sucht häufig Kandidaten für US-Unternehmen und weiß: „Deutsche Mitarbeiter wirken in amerikanischen Firmen oft zu steif, zu introvertiert, zu zurückhaltend und zu ängstlich.“ Vielen ist es sehr fremd, „Du“ zu ihren Vorgesetzten zu sagen - und tatsächlich kann das auch irreführend sein. Einen amerikanischen Vorstandschef mit Du und seinem Kosenamen anzusprechen („Hey, Bill!“) ist nicht gleichbedeutend mit dem deutschen Duzen, das tatsächlich vertraulich gemeint ist. Buschs Erfahrung nach kommen viele Deutsche auch nicht mit dem hohen Entscheidungstempo eines US-Managements zurecht: „Wer nicht in der Lage ist, seine Arbeits- und Lebensplanung flexibel anzupassen, hat in der amerikanischen Firmenkultur keine Chance“, warnt er.

Willi Stahlmann hat ungefähr ein Jahr gebraucht, um sich seine Krawatte abzugewöhnen. Seit der Übernahme der jobpilot GmbH durch die amerikanische Unternehmensgruppe Monster im April 2004 ist er Finanzvorstand für Monster Deutschland, Österreich, Schweiz, Tschechien, Polen und Ungarn. Vieles ist für ihn neu: Die englische Unternehmenssprache, die gemeinsamen Barbecues, Soccer-Turniere und „Sales Conferences“. „Da werden die besten Vertriebsleute mit viel Trubel und Applaus gefeiert“, erklärt Stahlmann und freut sich. „Unsere Leute haben das sehr gerne angenommen.“ Motiviert vom neuen Wind in der Firma hat der Mittfünfziger sogar seine Gitarre wieder ausgepackt und spielt seitdem bei „Monster Beat“, der hauseigenen Band. „Als Gruftie“, lacht er. Ein bißchen Amerika ist also eingezogen in der Bad Homburger Siemensstraße. Aber nur ein bißchen. „Wir haben uns sehr viele Dinge erhalten“, unterstreicht Stahlmann. „Hire and fire“ gibt es nicht.

Monster beschäftigt 5.000 Mitarbeiter in 26 Ländern. „Monster Worldwide Deutschland“ stellt in diesem Jahr wieder 60 neue Leute ein. Viele Akademiker, aber nicht nur. Denn - ganz amerikanisch - es geht um „Sales“, und dabei zählt die Leistung, nicht das Diplom.

BUCHTIP

Eugene Rembor: Geschäftlich erfolgreich in den USA. Doing Business with Americans
Beltz, 2004, 140 Seiten, 14,90 Euro

Text: Hochschulanzeiger Nr. 84, 2006
Bildmaterial: Christopher Fellehner, Labor