10. November 2009

Schwierige Prognose für Berufseinsteiger

Licht und Schatten in der ITK-Branche

Von Peter Trechow



14. April 2009 Qimonda insolvent. Kurzarbeit beim Chiphersteller AMD. Selbst Jobgaranten wie SAP und Microsoft streichen Stellen. Informatiker, deren Studium sich dieser Tage dem Ende zuneigt, haben allen Grund, nervös zu werden. Jahrelang beklagte die Branche Fachkräftemangel, forderte Abiturienten zum Informatikstudium auf, plädierte für Zuwan-derung von IT-Experten - und jetzt das. Gibt es überhaupt noch Stellen in der ITK-Branche?

Die gute Nachricht zuerst: Ein Blick in die Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigt, dass vorerst kein Grund zu Panikattacken besteht. Bundesweit waren im Januar knapp 27.800 IT-Fachleute arbeitslos gemeldet, 2.000 mehr als im Dezember. Zugleich sank die Zahl offener Stellen um 200 auf 6.700. In einer Zeitreihe sehen diese Zahlen immer noch blendend aus. Anfang 2006 waren über 50.000 IT-Fachleute arbeitslos, Mitte 2007 waren es noch 35.000. Möglicherweise weist der jetzige Anstieg auf den Beginn einer Entlassungswelle hin. Doch einiges spricht gegen massiven Stellenabbau in der ITK-Branche.

So geht der Branchenverband Bitkom davon aus, dass die Rezession nur Teilbereiche der Branche erfasst. Die Märkte für Software und IT-Services sollen trotz Krise wachsen. Viele Unternehmen und die öffentliche Hand würden gerade in der Krise in Informationstechnik investieren, um effizienter und leistungsfähiger zu werden. Beim IT-Outsourcing rechnet der Verband sogar mit einem Umsatzsprung um 7,2 Prozent. „In der aktuellen Wirtschaftslage denken auch Unternehmen über die Auslagerung von Prozessen und Dienstleistungen nach, die dem bisher skeptisch gegenüberstanden“, so Bitkom-Präsidiumsmitglied Martin Jetter.

Deutliche Eintrübung erwartet der Verband dagegen bei IT-Hardware (minus 2,4 Prozent), den Telekommunikations(TK)-Diensten, der Kommunikationstechnik (minus 1,2 Prozent) sowie bei der Unterhaltungselektronik, der nach dem kräftigen Umsatzschub der letzten Jahre ein Minus von 2,4 Prozent bevorstehe.

Diese Prognosen decken sich mit den Personalplänen der Unternehmen, die das Bitkom-Branchenbarometer regelmäßig abfragt. Ende 2008 planten 16 Prozent der Software- und IT-Service-Unternehmen einen Stellenabbau - über die Hälfte wollten neue Stellen schaffen. Im Hardware-Bereich rechneten dagegen 34 Prozent mit sinkender Beschäftigung, und im TK-Bereich ist eine Entlassungswelle vorprogrammiert. Zwei Drittel der TK-Dienstleister und 58 Prozent der Kommunikationstechnik-Hersteller gingen davon aus, 2009 Jobs streichen zu müssen.

Unterm Strich rechnet Bitkom 2009 mit einer Nullrunde. Das ITK-Marktvolumen werde bei 144,6 Milliarden Euro stagnieren und die Zahl der Stellen trotz des Abbaus in Teilmärkten voraussichtlich stabil bleiben. „Die IT-Branche wird weiterhin einstellen, auch wenn die Jobaussichten sicher nicht mehr so gut sind wie vor einem Jahr“, erklärt Stephan Pfisterer, Personal- und Arbeitsmarktexperte bei Bitkom. Er rät Berufseinsteigern, sich nicht verrückt machen zu lassen. Für Hochqualifizierte gebe es genügend angemessene Jobs. Allerdings empfiehlt er Bewerbern, auch abseits großer Namen zu suchen. Gerade mittlere und kleine Unternehmen hätten in den letzten Jahren am stärksten unter dem Engpass an qualifizierten Fachkräften gelitten und deshalb oft sogar Aufträge ablehnen müssen. „Sie wissen, dass das Rekrutieren und Einarbeiten von Nachwuchskräften eine lohnende Investition in die Zukunft ist“, sagt er. Nach dem Platzen der Internetblase und der folgenden Entlassungswelle hätten viele Unternehmen den Substanzverlust zu spüren bekommen, als es wieder berauf ging.

Ein vertiefter Blick zeigt, dass Zweifel am optimistischen Lagebericht des Verbands geboten sind. Denn Fakt ist, dass zwei von drei Schlüsselbranchen für die ITK-Wirtschaft in der Krise stecken. Noch 2007 hatte Bitkom in einer Studie Health-Care-Branche, Finanzwesen und Autoindustrie als zentrale Wachstumstreiber ausgemacht. Finanz- und Autobranche fallen vorerst aus. Und es ist offen, wie es im staatlich finanzierten Gesundheitswesen weitergeht, nachdem milliardenschwere Konjunkturpakete die Staatskasse zusätzlich belasten.

„Noch ist die Krise im IT-Sektor nicht richtig angekommen“, sagt Oliver Viel, der als Director Customer Relations beim Berliner Trendence Institut mehr als ein Ohr am Markt hat. Derzeit würden sich die Unternehmen auf einen möglichen Abschwung vorbereiten und ihre Budget- und Personalplanungen mit spitzer Feder überprüfen. Je mehr Stellen dabei wegfallen und je mehr berufserfahrene Fachkräfte dann in den Arbeitsmarkt drängen, desto mehr Trümpfe bekommen die Arbeitgeber in die Hand.

Zuletzt stiegen die Ansprüche von Einsteigern kontinuierlich. Laut IT-Edition des Trendence-Absolventenbarometers 2008 schwebten jungen ITlern 2006 für ihre erste Stelle 41.800 Euro Gehalt bei 43,4 Wochenstunden vor. Zwei Jahre später rechneten sie bei gleicher Arbeitszeit mit 1.500 Euro mehr. Wohlgemerkt ein Mittelwert. Viele Absolventen gingen zuletzt deutlich fordernder in Bewerbungsgespräche. Oft lagen ihre Gehaltsvorstellungen höher, als kleine und mittlere Unternehmen zu zahlen bereit sind: Laut Gehaltsanalyse von Personalmarkt.de zahlen IT-Betriebe mit weniger als 100 Mitarbeitern knapp 40.000 Euro an Berufseinsteiger. Betriebe mit bis zu 1.000 Beschäftigten kommen den Gehaltserwartungen von Absolventen zwar näher, bleiben im Mittel aber auch um 500 Euro darunter.

Zieht die Krise an, werden Bewerber ihre Ansprüche wohl herunterschrauben müssen. Auch was die Traumstelle angeht. Denn gerade von jenen Unternehmen, die examensnahe IT-Studierende im Trendence- Barometer als Top-Arbeitgeber angeben, machen derzeit auffällig viele mit Stellenabbau und Kurzarbeit Schlagzeilen. Das liegt unter anderem daran, dass IT-Studenten hierzulande auf Autohersteller fliegen - und sich auch sonst an großen Namen wie Google, SAP, IBM, Siemens oder Microsoft orientieren.

Unangefochtener Spitzenreiter im Trendence-Ranking ist Google. Jeder fünfte Befragte nennt die Amerikaner als Top-Adresse. Oliver Viel führt das auf ein Image zurück, das den Personalern des Unternehmens gar nicht recht ist. „Viele Absolventen verbinden mit Google lockeren Lifestyle, Spielraum und eine Unmenge Geld“, sagt er. Dahinter trete die harte Arbeit und fachliche Expertise, auf der das Suchmaschinenimperium aufgebaut ist, in den Hintergrund. Google werde mit unbrauchbaren Bewerbungen überhäuft. „Dort sind nur absolute Top-Leute gesucht, vor allem Vertriebsmitarbeiter mit technischem Hintergrund“, stellt er klar.

Auch bei anderen Unternehmen ziehen weithin bekannte Produkte und Image scharenweise Bewerber an. Daneben gebe es viele Top-Arbeitgeber, die Einsteiger wegen der vermeintlichen Sicherheit schätzen. So gelte eine Einstiegsstelle bei SAP unter ITlern quasi als Lebensversicherung - wer sein Handwerk hier erlerne, verschaffe sich beste Karriereaussichten. Auch Konzerne wie IBM und Siemens verbinden Absol-venten vor allem mit Sicherheit und Vielfalt. Ähnliche Gründe lassen junge ITler wohl von einer Stelle beim Bundesnachrichtendienst oder beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik träumen.

Oliver Viel schätzt, dass der „war for talents“ in einigen Bereichen trotz Krise anhalten wird. „Es gibt Nischen, wo die Unternehmen mehr Arbeit als Leute haben. Deren Recruiter gingen zuletzt oft aufgeregter in Bewerbungsgespräche als die Bewerber“, lacht er. Um Absolventen auf sich aufmerksam zu machen, würden sie hohen Aufwand betreiben. „ITler sind am ehesten fachlich zu begeistern, weniger über Imagewerbung oder Luxusevents“, erklärt Viel. Darum gehören Vorträge an Unis, Studentenwettbewerbe à la Roboterfußball und konkrete Projekte für Studenten und Diplomanten zur Strategie der Recruiter. Gerade bei Letzteren können die Informatiker tun, was sie am liebsten tun: vor sich hin entwickeln. Und obendrein bekommen sie in den Unternehmen genau jene Portion Realitätssinn und Geschäftstüchtigkeit, die sie später im Berufsleben brauchen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 101, 2009, Seite 32
Bildmaterial: Christopher Fellehner, Labor
 
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