13. Juni 2008
Zumindest können einen die offiziellen Zahlen optimistisch stimmen. Laut Bundesagentur für Arbeit hat sich nämlich der Arbeitsmarkt für Psychologen in den letzten Jahren deutlich verbessert; der Stellenrückgang ist gestoppt. Einen Berufseinstieg zu finden ist für Hochschulabsolventen dennoch kein Pappenstiel.
Ohne praktische Erfahrung zählt der Abschluss des Diplom-Psychologen erst einmal wenig. Das ist einfach ein Pferdefuß, sagt Fredi Lang vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP). Wie lange der Übergang von der Hochschule ins Berufsleben dauere, hänge jedoch auch von Faktoren ab wie Praktika, dem persönlichen Netzwerk, Bewerbungsstrategien oder der praktischen Relevanz der Abschlussarbeit. Immerhin 60 Prozent der jährlich 2.000 Psychologie-Absolventen finden innerhalb des ersten halben Jahres eine adäquate Beschäftigung; ein Viertel von ihnen im Laufe der ersten vier Monate oder sogar noch während des Studiums. Nach zwei Jahren pendelt sich die Arbeitslosigkeit unter den Absolventen eines Jahrgangs bei 5 Prozent ein, so Lang. Eine der niedrigsten Quoten unter Akademikern, betont der Fachreferent, die trotz stetem Zuwachs auf heute rund 54.000 Psychologen über die Jahre konstant geblieben sei. Diese Erhebungen zeigen, dass jeder eine Stelle finden kann, der sich aktiv bemüht und dabei auch eine gewisse Kompromissbereitschaft mitbringt.
Als mit Abstand größter Arbeitgeber für Psychologen gelten nach wie vor die Krankenhäuser, gefolgt von Bildungseinrichtungen, Sozial- und Gesundheitswesen, Öffentlicher Verwaltung, Verbänden und Unternehmensberatungen. Zukunftstrends sieht der BDP im Bildungs- und Gesundheitswesen ebenso wie in der Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie (ABO). Die Frage der Passgenauigkeit spielt in Auswahlverfahren eine immer größere Rolle, um kostenintensive Fluktuationen möglichst zu vermeiden, stellt BDP-Referent Fredi Lang fest. Während sich Personaler auf die fachlichen Fähigkeiten der Kandidaten konzentrieren, loten die Unternehmenspsychologen die menschliche Seite aus. Uns beschäftigt die Frage, ob ein Bewerber dem Anforderungsprofil auch von seiner Persönlichkeit her gerecht wird, beschreibt Sina Stübig ihren Part in den Matching-Verfahren. Auch die menschliche Seite zu berücksichtigen, das ist der Mehrwert, den wir als Psychologen einbringen. Persönlichkeitsprofile, Stärken-/Schwächenanalysen und Management-Diagnostik gehören zu den Aufgaben der Diplompsychologin, die seit 2006 in dem wirtschaftspsychologischen Beratungsunternehmen Dr. Sourisseaux, Lüdemann & Partner tätig ist. Zu den größten Konkurrenten der Wirtschaftspsychologen gehören die Wirtschaftswissenschaftler. Bei vielen Unternehmen registriert Sina Stübig noch Zurückhaltung. Da wird im Zweifel dann doch lieber ein BWLer mit Schwerpunkt Psychologie für die Personalabteilung genommen. Als Projektleiterin für die CareerVenture Recruitingveranstaltungen hat die Arbeits- und Organisationspsychologin zwei Jahre lang auch die andere Seite kennengelernt. Dort ging es vor allem darum, die Masse an Lebensläufen von Hochschulabsolventen zu scannen und Kriterien für die Vorauswahl zu entwickeln, so die 28-Jährige. Irgendwann hat mir dann aber der persönliche Kontakt zu den Menschen gefehlt. Beide Stellen hat sie über Initiativbewerbungen gefunden.
Für die kommenden Jahre erwarten Experten einen massiven Umbruch in der Psychologenlandschaft. Dann, wenn die Generation der heute 55- bis 60-Jährigen aus Altersgründen abtritt. Das ist ein großer Berg, prophezeit Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundestherapeutenkammer. Die klinische Psychologie ist nach wie vor das größte Einsatzfeld. Rund 30.000 psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten arbeiten heute in Deutschland. Etwa 55 Prozent von ihnen in eigener Praxis, 17 Prozent in Beratungsstellen, 19 Prozent in Krankenhäusern und 5 Prozent in Reha-Einrichtungen. Nach den Ergebnissen des Bundes-Gesundheitssurveys (2004) erkrankt etwa jeder dritte Erwachsene im Laufe eines Jahres an einer psychischen Störung. Demgegenüber steht ein großer Mangel an Fachleuten. Wer ein diagnostisches Erstgespräch mit einem Therapeuten sucht, wartet nach Berechnungen der Bundestherapeutenkammer im Schnitt knapp zwei Monate auf einen Termin. Der Behandlungsbeginn kann sich bis zu einem halben Jahr hinziehen. Jährlich schließen tausend Absolventen in Deutschland eine therapeutische Zusatzausbildung ab, so Tophoven. Das reicht, um den Status zu halten. Aber unter diesen Voraussetzungen müssten wir weiterhin mit einer gravierenden Unterversorgung leben. Die Geschäftsführerin sieht jedoch Anzeichen für eine Kursänderung. In der Politik gibt es zunehmend Überlegungen, das gegenwärtige System der Bedarfsplanung abzuschaffen, so Tophoven. Krankenhäuser, die zusätzlich auch die ambulante Versorgung übernehmen - wie zum Beispiel in vielen Regionen Ostdeutschlands - sind schon heute nicht mehr daran gebunden.
So gut die Berufsaussichten für Psychologische Psychotherapeuten (PPT) auch aussehen: Die Hürden auf dem Weg dorthin sind hoch. Man sollte eine große Leidensfähigkeit mitbringen, eine hohe Motivation - und ein bisschen blind sollte man auch sein, beschreibt Birgit Wiegand die Anforderungen an die angehenden Therapeuten. Die Sprecherin der Psychologischen Psychotherapeuten in Ausbildung (PPiA) im BDP steht kurz vor ihrer Abschlussprüfung. Wer den Beruf ausüben möchte, braucht eine Approbation. Die Ausbildung an einem psychotherapeutischen Lehrinstitut dauert mindestens drei Jahre, wenn sie vollzeitschulisch durchgeführt wird.
erufsbegleitende Bildungsgänge ziehen sich über mindestens fünf Jahre hinweg. Immerhin werden insgesamt rund 4.200 Stunden abgeleistet, davon 1.800 Stunden praktische Tätigkeit, 600 Stunden Theorie, mindestens 600 Behandlungsstunden sowie 150 Supervisionssitzungen und 120 Stunden Selbsterfahrung. Auf 20.000 bis 25.000 Euro schätzt Birgit Wiegand die Kosten ihrer Ausbildung. Und auch mit der Approbation in der Tasche ist noch nicht viel gewonnen: Ich will mich im Rhein-Main-Gebiet niederlassen, dazu brauche ich eine Kassenzulassung. Deshalb ist die Psychologin auf der Suche nach einer bezahlbaren Praxis, die sie übernehmen kann. Die Situation werde schamlos ausgenutzt, ärgert sie sich. In Extremfällen werden bis zu 100.000 Euro verlangt - für nichts, nur für die Zulassung. Nicht mal auf einen Patientenstamm können die Nachfolger bauen. Therapien werden fast immer bis zum Ende geführt.
Trotz allem ist Birgit Wiegand von ihren Berufsplänen überzeugt. Langfristig rentiere sich eine eigene Praxis, auch wenn die Vergütung von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich geregelt ist. Und außerdem mache der Job einen Riesenspaß, weil man erleben könne, wie sich Menschen positiv verändern, wenn man sie unterstützt.
Was den Psychotherapeuten, die während der Ausbildung im Schnitt zwischen 30 und 35 Jahre alt sind, jedoch besonders im Magen liegt, ist die geringe Anerkennung der eigenen Leistung. Berühmt-berüchtigt ist das sogenannte Psychiatrische Jahr. Die meisten erhalten nicht einmal ein Taschengeld, so Wiegand. Es sind vor allem Frauen, die sich für die Psychotherapie entscheiden. Neben Durchhaltevermögen und Selbstbehauptungswillen braucht es finanzkräftige Eltern oder einen Partner im Hintergrund, um den finanziellen Aufwand zu stemmen. Die Bundestherapeutenkammer (BPTK) ist zuversichtlich, dass es hier im nächsten Jahr Nachbesserungen geben werde. Ein Forschungsgutachten im Bundesgesundheitsministerium beschäftige sich aktuell mit den Auswirkungen des 1999 eingeführten Psychotherapeutengesetzes. Wir vertrauen darauf, dass speziell das Psychiatrische Jahr noch einmal genau unter die Lupe genommen wird, betont Christina Tophoven. Die Geschäftsführerin der BTPK sieht jedoch zurzeit schon erfreuliche Entwicklungen. Interessant für Psychologen ist die Reha-Branche, stellt sie fest. Dort entwickelt sich eine neue Beratungslandschaft. Suchtkrankheiten oder auch psychosomatische Erscheinungen nähmen erheblich zu. Es entstehen viele Leistungen, wie Tests oder Motivationsgespräche, die auch ohne therapeutische Zusatzausbildung zu erbringen sind. Darüber hinaus beobachtet die Geschäftsführerin einen Trend zu Kombi-Lösungen in der Ausbildung: Parallel zu ihrer Tätigkeit in der Rehabilitation absolvieren Psychologen die therapeutische Zusatzausbildung, die vom Arbeitgeber gezahlt wird. Im Gegenzug verpflichten sich die Angestellten, nach Abschluss der Prüfungen mindestens zwei weitere Jahre zu bleiben.
Die Entscheidung für die Psychologie bedeutet auch: lebenslanges Lernen. Beliebte Alternativen zur aufwendigen Therapieausbildung sind Weiterbildungen in der systemischen Therapie, Körpertherapie, Gesprächsführung oder Verhaltenstherapie ebenso wie Zusatzqualifikationen in Supervision, Mediation, Gewaltprävention oder Coaching. Claudia Eilles-Matthiessen hat sich 2001, nach der Geburt des Sohnes, selbständig gemacht. Nach einigen Jahren in Forschung und Wissenschaft hat sich die promovierte Psychologin auf die Themen Coaching und Schlüsselkompetenzen konzentriert. Sich auf diesem Gebiet eine Marktposition aufzubauen ist nicht einfach, so Eilles-Matthiessen, die auch als Lehrbeauftragte für Organisationspsychologie an der Frankfurter Uni unterrichtet. Die Branche ist sehr konkurrenzlastig. Eine geschützte Berufsbezeichnung gibt es nicht, praktisch kann sich jeder Coach nennen. Ein Fachbuch zum Thema Schlüsselqualifikationen erleichterte der Trainerin und Beraterin den Einstieg in die Selbständigkeit. Eine Publikation ist eine gute Möglichkeit, um sich fachlich zu positionieren. Heute zählt sie unter anderem Banken, Medien und hochschulnahe Einrichtungen zu ihren Kunden; ein weiteres Fachbuch zum Thema Coaching ist inzwischen erschienen. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen schätzt den Anteil der freiberuflich tätigen Psychologen auf 50 Prozent, Tendenz steigend. Der Sprung in die Selbständigkeit war für mich ein schwieriger, aber spannender Lernprozess, betont Claudia Eilles-Mathiessen. Es reicht eben nicht, nur fachlich top zu sein. Auch kaufmännisches Geschick, Selbstmarketing und Akquise gehören auf einmal zum täglichen Brot. Ich habe es mir nach und nach aneignen müssen. Neben Lehraufträgen, Workshops und Coaching hat sie eine spezielle Beraterausbildung für Young Professionals entwickelt. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Psychologen Akademie (DPA) bietet Eilles-Mathiessen sechsmonatige, berufsbegleitende Workshops an, die Psychologie-Absolventen den Berufseinstieg erleichtern sollen. Meine Aufgabe ist es, ihnen Klarheit darüber zu vermitteln,
wie viel sie eigentlich an methodischer Kompetenz und vernetztem Denken mitbringen, so die Psychologin. Das ist den meisten gar nicht bewusst - weil sie es für selbstverständlich halten.
Links
Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)
http://www.bdp-verband.org
Psychotherapeuten in Ausbildung (PPiA) im BDP
http://www.bdp-pia.de
Bundesweites PPiA-Netz/Psychotherapeuten-Nachwuchs-Netzwerk
http://geocities.com/ppianetz
Deutsche Psychologen Akademie
http://www.dpa-bdp.de
Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPS)
http://www.dgps.de
Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie
http://www.dgvt.de
Bundestherapeutenkammer
http://www.bptk.de
Deutsche Psychotherapeutenvereinigung
http://www.deutschepsychotherapeutenvereinigung.de
Jobbörsen
Zeitschrift für Marktforschung und Marketing
http://www.planung-analyse.de
http://www.hogrefe.de/PsychJob
Psychologen müssen ein Leben lang lernen
Jeder berufstätige Diplom-Psychologe ist qua Berufsordnung zur Fortbildung verpflichtet. Die Deutsche Psychologen Akademie GmbH (DPA) ist einer der größten Anbieter psychologischer Aus-, Fort- und Weiterbildung in Deutschland. Sie ist eine Bildungseinrichtung des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP). Zur DPA gehören ihre Niederlassungen in Bonn und Berlin sowie die Berliner Akademie für Psychotherapie als staatlich anerkanntes Ausbildungsinstitut für die Ausbildung Psychologischer Psychotherapeuten. Die Akademie arbeitet mit Universitäten, Fachgesellschaften, qualifizierten Dozenten und spezialisierten Praktikern zusammen. Die jährlich über 250 Angebote richten sich teilweise auch an Studenten, die kurz vor dem Examen stehen, oder an Angehörige anderer Berufsgruppen. Neben fachlichen Fortbildungen bietet die DPA Veranstaltungen zu Existenzgründung und -sicherung, Weiterbildungen in Rechtspsychologie oder Wirtschaftsseminare an. Dazu gehören zum Beispiel Trainerausbildungen, Manager-Workshops oder Lehrveranstaltungen zur Moderation von Großgruppenveranstaltungen. Die Vernetzung in Fachteams fördert den kollegialen Erfahrungsaustausch und die Reflexion der eigenen Berufstätigkeit.
http://www.dpa-bdp.de
Die Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP)
ist eine Ausbildungseinrichtung, an der Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie vermittelt wird. Die Akademie arbeitet mit der Berliner Humboldt-Universität zusammen. Das Angebot richtet sich an approbierte Psychologische Psychotherapeuten (PPT) ebenso wie an Psychotherapeuten in Ausbildung (PPiA).
http://www.bap-berlin.de