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| Michael Hartmann, Professor für Soziologie an der TU Darmstadt |
14. Mai 2009
Interview mit Michael Hartmann, Professor für Soziologie an der TU Darmstadt
? Das deutsche Top-Management ist noch immer eine reine Männerwelt. Was ist mit den Frauen los?
: Seit 30 Jahren ist es so, dass es immer irgendwo die eine Frau in der Vorstandsetage eines Dax-30-Unternehmens gab. Bis Norbert Hansen kam, war Margret Suckale Personalvorstand der Deutschen Bahn. Bettina von Oesterreich war bis vor kurzem im Vorstand der Hypo Real Estate. Und Ende vergangenen Jahres rief man die Schweizerin Barbara Klux in den Siemens-Vorstand. Doch sonst sitzen da lauter Männer. Und die Beurteilungsmaßstäbe, wer in solche Top-Positionen kommt, orientieren sich seit Jahrzehnten an Männern. Hinzu kommen informelle Gepflogenheiten, die in den obersten Etagen der Wirtschaft üblich sind. Wenn man einen Jagdausflug macht oder in den Strip-Club geht, passen Frauen nicht so gut ins Bild.
? in den Strip-Club?
: Ja, manchmal fliegen solche Sachen auf. Vor ein paar Jahren hat eine weibliche Führungskraft in den USA eine Dresdner-Bank-Tochter verklagt, weil sie von informellen Besprechungen ausgeschlossen blieb, die dort stattfanden.
? Sie haben Tausende von Promotionsabschlüssen untersucht und geschaut, welche Karrierewege sich daran anschlossen. Dabei hat sich gezeigt, dass in der Wirtschaftselite vor allem großbürgerliche Männer einen Platz finden. Etwa jeder zweite Vorstandsvorsitzende kommt aus dem Großbürgertum. Zu dieser Schicht zählen aber nur 0,5 Prozent der Bevölkerung. Wie erklären Sie das?
: Letztlich ist das eine Frage der Chemie. Man kennt sich, man versteht sich, man ist sich ähnlich. Der Nachwuchs des gehobenen und noch stärker des Großbürgertums profitiert davon, das er mit bestimmten Verhaltensweisen aufgewachsen ist, die in diesen Kreisen eine große Rolle spielen. Der Druck, unter dem Top-Manager bei ihren Entscheidungen stehen, sowie die oft äußerst unsichere Informationsbasis dafür lassen sie nach Männern suchen, deren Persönlichkeit sie zumindest gut einschätzen können. Daher bevorzugt man solche mit gleicher Herkunft.
? Humanistische Bildung ist im Top-Management hoch angesehen und gehört zum Kanon dazu. Man ist aufgeschlossen und gebildet, aber auch elitär und abgeschottet. Wie passt das zusammen?
: Gut. Das ist die Tradition des deutschen Bürgertums. Man hielt sich für etwas Besonderes, weil man über klassische Bildung verfügte. So glaubte sich die Elite von der Masse zu unterscheiden. Diese Tradition lebt fort. Die Selektion beginnt mit der Aufnahme in Führungskräftenachwuchsprogramme. In die Führungsebene unterhalb des Vorstands - oft auch Führungskreis eins genannt - ist es schon fast unmöglich, als Quereinsteiger oder Aufsteiger hineinzukommen.
? Können Sie das genauer erklären?
: Schauen Sie sich ein Extrembeispiel an. Zwei der drei größten deutschen Banken werden von Schwägern geführt. Der Chef der Commerzbank, Martin Blessing, hat die Schwester von Axel Wieandt, dem Vorstandsvorsitzenden der Hypo Real Estate, geheiratet. Der Bruder der beiden, Carl Wieandt, ist Partner bei McKinsey. Noch vor ein paar Jahren hätte ich gesagt, dass so was in Deutschland nicht möglich sein kann. Ist es aber. Im Übrigen war schon Blessings Großvater Präsident der Bundesbank, und sein Vater saß im Vorstand der Deutschen Bank. Blessings Frau, Dorothee Wieandt, studierte mit ihm in St. Gallen - sie ist heute Partnerin bei Goldman Sachs. Ihr Vater war ebenfalls Vorstandschef einer Großbank.
? Bei den Männern gibt es sie aber, die sozialen Aufsteiger. Telekom-Chef René Obermann stammt aus kleinen Verhältnissen und ist sogar Studienabbrecher. Auch Ex-Siemens-Chef Klaus Kleinfeld wurde nichts in die Wiege gelegt.
: Ja, solche sozialen Aufsteiger gibt es immer wieder. Sie kommen in der Regel an die Spitze, wenn ein Unternehmen sowieso schon mitten im Umbruch steckt. Dann sind Sanierertypen traditionell gefragt. Denn die haben eine andere Härte - sind groß geworden mit dem Motto: Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man es auch. Solche Menschen müssen auch weniger Rücksicht auf etablierte Strukturen nehmen. Zudem hatte Obermann mit Klaus Zumwinkel einen sehr starken Aufsichtsratschef und Förderer über sich. Auf gleiche Weise wurde der Siemensianer Kleinfeld vom früheren Siemens-Chef und späteren Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer über lange Jahre hinweg aufgebaut.
? Welche Bedeutung hat der MBA als Qualifikation für das Top-Management?
: Nur 5 Prozent der Vorstandsvorsitzenden haben einen MBA, fast immer in Kombination mit anderen Abschlüssen. Wenn überhaupt, gibt es die MBA-Absolventen im Finanzbereich und in der Beratung. Blessing und Wieandt haben einen MBA. Bei der Deutschen Post gibt es auch welche, alles ehemalige McKinsey-Leute. Die hatte Ex-Post-Chef Zumwinkel nachgeholt, der bei McKinsey zuvor Partner und Direktor war. Ansonsten spielen sie keine Rolle.
? Welches Rezept empfehlen Sie denjenigen, die sozusagen auf eigene Faust eine Top-Karriere machen wollen?
: Man sollte sich darüber im Klaren sein, wie schwierig der Weg ist, und die Wirklichkeit richtig einschätzen. Außerdem würde ich dann zumindest schon mal das richtige Fach studieren. Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften oder BWL - das sind die klassischen Karrierefächer. Jura kann ich nur mit Abstrichen empfehlen - die Zahl der Juristen in Spitzenfunktionen ist stark rückläufig. Von exotischen Kombinationen sollte man die Finger lassen. Geisteswissenschaftler sind nur Randerscheinungen in der Wirtschaft.
? Welche Trends sehen Sie? Bleibt die soziale Herkunft ein entscheidendes Kriterium für die Besetzung von Top-Positionen in der Wirtschaft?
: Sicherlich. Denn je weniger Führungspositionen zu besetzen sind, desto sozial selektiver wird das Ganze. Und seit den 90er Jahren sind ja viele Posten zusammengestrichen worden. Dennoch gibt es immer eine bestimmte Anzahl von Aufsteigern, die auf besondere Bedingungen und glückliche Umstände treffen. In Deutschland liegt ihr Anteil bei etwa 15 Prozent.