05. Januar 2009 Während in der medizinischen Biotechnologie Firmen ihre Mitarbeiter selbst aussuchen und einstellen, leihen sich die etablierten Unternehmen der Pharmabranche ihr Personal zunehmend von Dienstleistern aus. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil.
Nur einer von hundert Wirkstoffen kommt durch. Der Rest bleibt irgendwo zwischen Labors und den klinischen Studien auf der Strecke. Ob der eine Treffer auch kommerziell einschlägt, steht auf einem anderen Blatt. Blockbuster, die eine Milliarde US-Dollar jährlich in die Kassen spülen, sind rar.
Das Ringen um Diagnostika, Therapeutika und Impfstoffe kostet Unsummen. Flossen 1991 im Schnitt 230 Millionen Dollar in die Entwicklung einer neuen Arznei, waren es 2001 schon über 800 Millionen Dollar. In den ersten fünf Jahren des Jahrzehnts stiegen die F&E-Ausgaben der Branche um mehr als 50 Prozent. Finanzvorständen mögen dabei graue Haare wachsen. Für junge Naturwissenschaftler ist diese Entwicklung rundum positiv. Denn mit den Forschungsetats steigen ihre Chancen auf einen Job.
Seit 1995 stieg die Zahl der Beschäftigten in den Mitgliedsunternehmen des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) von 73.000 auf 95.000. Allein hierzulande arbeiten 16.500 Forscher und Entwickler in der Branche. Als besonders dynamisch erweist sich dabei ausgerechnet die medizinische Biotechnologie. Der Jobmotor kommt auf Touren!, frohlockt Dr. Frank Mathias, Vorsitzender der Biotechnologie im VFA. Im Jahr 2007 schuf die oft als Sorgenkind gehandelte Teilbranche 4.000 neue Stellen. Umfangreiche Entwicklungskooperationen mit Pharmakonzernen und die zunehmende Reife eigener Diagnostika und Therapeutika lassen die einstigen Start-ups neuerdings kräftig wachsen.

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Ihre Eigenentwicklungen finanzieren viele Biotechs mit Dienstleistungen oder Lizenzverkäufen. Teils setzen sie ihr Know-how auch zur Beratung ein. Etwa die Tübinger Hölle & Hüttner AG. Anfang der neunziger Jahre startete Vorstand Dr. Steffen Hüttner mit drei Mitarbeitern. Unser erstes Projekt war die Entwicklung eines Laborgeräts samt Steuerungs- und Simulationssoftware für molekularbiologische Zwecke, berichtet er. Daraus entwickelten sich die drei tragenden Säulen des Geschäfts: Life Science, Engineering Solutions und Instruments.
Um gute Software, Laborroboter mit Automationssoftware oder Analysegeräte zu entwickeln, müssen sich die Tübinger tief ins Geschäft ihrer Kunden hineindenken. Das schult den Blick für ungenutztes Potential. Irgendwann lag es nahe, solche Erkenntnisse als Beratung zu vermarkten. Heute analysieren Experten des Unternehmens Prozesse der Kunden, machen Verbesserungsvorschläge und setzen diese auf Hard- und Softwareebene um. Dieser Service kommt an - setzt allerdings auch höchst qualifizierte Mitarbeiter voraus. Deshalb beschäftigt Hüttner viele Mitarbeiter mit Doppelqualifikation. Biologen, Chemiker, Physiker oder Ingenieure, die etwas von Informatik verstehen, oder auch Bioinformatiker, fasst er zusammen. Bei alledem ist er offen für junge Berufseinsteiger. Ihr frischer Geist kann gerade Forschungsprojekten sehr dienlich sein, sagt er.
Hölle & Hüttner wird und will nicht auf Hunderte Mitarbeiter wachsen. Die hohe Spezialisierung und eng vernetzte interdisziplinäre Kompetenz wäre dann nicht zu halten. Doch es sind gerade solche fest verwurzelten Unternehmen, die Akademikern in der Biotech-Branche anspruchsvolle, spannende und sichere Jobs bieten.
Szenenwechsel. Silke Schirrmacher ist bei dem Bruchsaler Personaldienstleister Sellxpert GmbH & Co. KG unter Vertrag, arbeitet aber im Außendienst eines mittelgroßen Pharmaunternehmens im Raum Aachen. Sie bringt Gynäkologen Verhütungsmittel dieses Unternehmens nahe. Ein spannender Job, zumal die fundierte fachliche Beratung der promovierten Biologin bei den Fachärzten willkommen ist. Sie ist anerkannt. Das ist nicht immer so im Pharma-Außendienst. Bei Allgemeinärzten geben sich die Referenten oft die Klinke in die Hand, was für beide Seiten ermüdend und anstrengend ist.
Schirrmacher hat es also gut getroffen. Auch dem Dreiecksverhältnis mit ihren Arbeitgebern kann sie nichts Negatives abgewinnen. Einerseits sei das heute normal: Kaum ein Kommilitone hat eine Stelle auf direktem Weg gefunden. Fast alle sind über Personaldienstleister gegangen, sagt sie. Andererseits sieht sie vor allem Chancen in dieser Konstellation - für alle Beteiligten. Sie selbst lerne verschiedene Unternehmen kennen, sammle Berufserfahrung und könne, wenn es nicht passt, ins nächste Projekt wechseln. Umgekehrt hätten die Unternehmen Gelegenheit, sie kennenzulernen und zu übernehmen, wenn sich ein Projekt als lohnend erweist. Und natürlich profitiere auch Sellxpert. Sonst würden sie das ja nicht machen, lacht sie.
Tatsächlich verdienen Personaldienstleister gut am Outsourcing-Trend und können auch Einsteigern vernünftige Gehälter zahlen. Denn es geht den Pharmaunternehmen nicht nur ums Sparen. Andere Auslagerungseffekte sind mindestens genauso interessant. Die Unternehmen können Testballons mit angemieteten Projektteams starten und die Mietdauer bei Misserfolg abkürzen. Das geht leise und ohne Schlagzeilen über Entlassungen vonstatten. Die Teams werden ja auch nicht entlassen. Sie haben feste Arbeitsverträge mit den Agenturen und arbeiten bei anderen Kunden weiter. Daneben spart das Auslagern Verwaltungskosten. Um Personalakten, Steuern, Versicherungen, Dienstwagen oder Handys kümmern sich die Dienstleister. Und es gibt einen weiteren entscheidenden Vorteil: Gerade bei der Einstellung von Berufseinsteigern übernehmen sie die Auswahl, Einarbeitung und das Risiko. Der Kunde kann auf Zuruf bewährte Kräfte anfordern und sie sofort austauschen, wenn es nicht passt.
Das Modell hat sich durchgesetzt. Zu den Kunden der Personaldienstleister zählen sowohl die oberen 6 Prozent der Branche, die 66 Prozent aller Umsätze auf sich vereinen, als auch die vielen kleinen und mittleren Betriebe sowie ein Gutteil der 370 Biotech-Firmen im Lande. Einsteiger erhalten so Zugang zu Unternehmen und Projekten, die sie allein wohl niemals kennengelernt hätten.
Doch natürlich haben weder die Pharmakonzerne ihr Recruitment ganz eingestellt, noch kommen alle Absolventen bei den Dienstleistern unter. Denn deren Auswahlprozesse haben es in sich. Interessierte Naturwissenschaftler sollten darum auch Jobangebote im Generikabereich oder bei Dienstleistern rund um die Pharmabranche prüfen. Auch die brauchen nämlich Akademiker. Ein gutes Beispiel ist das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen IMS-Health, an dessen Marktanalysen die Verbände und Vorstände der Branche ihre Strategien ausrichten. Oft suchen sie dabei den Rat der IMS-Berater, die sich mit den Entwicklungen im Markt genauestens auskennen. Denn das Unternehmen hat über eine Million Präparate unter ständiger Beobachtung und wertet Informationen von 225.000 Quellen in aller Welt aus - darunter Angaben von Ärzten, Kliniken, Apotheken oder Pharmagroßhändlern.
Laut Personalleiterin Elke Dörner bietet IMS Health Akademikern Einstiegsmöglichkeiten in Beratung und Marktforschung. In die Beratung steigen sie als Analysten ein und lernen den Beruf dort von der Pike auf. In der Marktanalyse starten sie im Client- Service, quasi als Back-up der Key-Accounter. Sie analysieren produkt- und dienstleistungsbezogene Daten und sind Ansprechpartner der Kunden. Zum Job gehört es, Präsentationen vorzubereiten und vorzutragen. Als Perspektive winkt der Aufstieg ins Key-Account-Management. Das setzt allerdings den erkennbaren Willen voraus, unsere Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen, schränkt sie ein. Eine Rolle, in die Absolventen bei IMS Health erst hineinwachsen. Dabei unterstützt sie das Unternehmen mit Fortbildung und intensiven methodischen Einführungen. Wo danach on the job Lücken oder Schwächen auffallen, bessern wir durch interne oder externe Trainings nach, sagt Dörner. Der Bedarf unterscheidet sich von Fall zu Fall. Denn mal handelt es sich bei den Einsteigern um BWLer, mal um Mediziner, Apotheker oder Biologen.
Wir suchen vor allem Bewerber mit Doppelqualifikation, sagt Elke Dörner. Darin ist eine Botschaft enthalten, die auf die gesamte Branche und alle Unternehmen in diesem Schwerpunkt übertragbar ist: Weitet euren Blick, sucht Praktika in Bereichen, die euer Studium von einer anderen Seite ergänzen. Schaut in Seminaren anderer Disziplinen vorbei. So arbeiten die Unternehmen selbst. Die Zeiten der genialen Einzelkämpfer sind vorbei. Erfolg haben nur noch geniale Teams.