14. Dezember 2009

Schwierige Prognosen

Umwelttechnik: Krisenanfälliger Jobmotor

Von Peter Trechow



14. Mai 2009 Umwelt und Klima schützen und dabei seine Brötchen verdienen - das klingt nach einem guten Deal. Zumal sich das globale Marktvolumen für Umweltschutztechnik bis 2020 verdoppeln soll. Tatsächlich stellt sich aber für Bewerber die Lage weniger erfreulich dar: Die Jobsuche in dem zersplitterten Markt ist schwierig. Nur wenige Unternehmen melden in der aktuellen Konjunkturkrise Einstellungsbedarf.

Umwelttechnik stehe vor einem Boom, bei dem deutsche Unternehmen ganz vorne mitmischen könnten. Das zumindest glaubt Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. „Schon heute liegt das globale Marktvolumen für Umweltschutztechnik bei über 1.000 Milliarden Euro; im Jahr 2020 könnten es sogar 2.200 Milliarden Euro sein“, sagt er und stützt sich dabei auf Prognosen einer Roland-Berger- Studie. Seine Kollegin, Bildungs- und Forschungsministerin Annette Schavan sieht Umwelttechnologien „als hervorragendes Beispiel dafür, wie Innovationen einen nachhaltigen Beitrag zur Stabilisierung der Konjunktur leisten können“.

Umwelttechnik - oder neudeutsch „Cleantech“ - gilt nicht nur Politikern als Leitmarkt der Zukunft. Auch in der Finanzwelt steht sie hoch im Kurs. Laut Marktanalyse der US-amerikanischen Cleantech Group floss letztes Jahr weltweit über 16-mal mehr Risikokapital in grüne Technologien als 2001. Damals waren es weltweit 506 Millionen US-Dollar, letztes Jahr trotz eines schwachen letzten Quartals fast 8,5 Milliarden US-Dollar. Gegenüber 2006 verdoppelten sich die Investitionen in Nordamerika, Europa und Israel, China und Indien. Rund 40 Prozent des Geldes floss in die Solarbranche, ein Fünftel in Start-ups und Projekte im Mobilitätsbereich von Biokraftstoffen über Elektroautos bis Brennstoffzellen und weitere sechs Prozent in die Windenergiebranche.

Die Deutsche Bank Research spricht gar von einem „grünen Wunder“. Mit Blick auf besagte Studie von Roland Berger geht sie davon aus, dass deutsche Unternehmen beim globalen Wachstum vorne mitspielen werden. Die Strategieberater zeichnen ein Szenario, in dem sich der Anteil von Umwelttechnologien an der gesamten industriellen Wertschöpfung in den kommenden elf Jahren von 4 auf 16 Prozent vervierfachen und dabei die bisherigen Top-Branchen Fahrzeug- und Maschinenbau hinter sich lassen könnte. Allerdings sei der Erfolg kein Selbstläufer. Denn die mittelständisch geprägte Branche stoße bei der raschen Internationalisierung an Grenzen. Viele der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) seien weder personell noch finanziell auf eine globale Expansion vorbereitet.

In den östlichen EU-Beitrittsländern ist diese Schwäche schon zu beobachten. Fast 350 Milliarden Euro an EU-Geldern stehen dort bereit, um Umweltgesetze und -infrastruktur an EU-Standards anzupassen. Doch trotz massenhafter Ausschreibungen im Abfall-, Wasser- oder Abwasserwesen finden Umwelttechnikfirmen und die ausschreibenden Gemeinden in Mittel- und Osteuropa oft nicht zusammen. Denn allein sind kleine und mittelständische Unternehmen den Projekten meist nicht gewachsen. Um Partner zu finden und gemeinsam die erforderlichen Unterlagen zusammenzustellen, reicht wiederum die Zeit oft nicht. Um das zu ändern, treiben Politik, Verbände und Unternehmen die Vernetzung voran. So treten die deutschen Anbieter von Wasser- und Abwassertechnik unter dem Label „German Water“ an. Und Anbieter von Meerwasserentsalzungstechnologien sammeln sich unter der Dachmarke „German Desalination Society“. Zusätzlich knüpfen Organisationen wie das Internationale Dialogzentrum Umwelt und Entwicklung (IDCED) Kontakte zu Entscheidungsträgern auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene und können ihre Netzwerke so frühzeitig über Ausschreibungen informieren.

Um im internationalen Umweltgeschäft punkten zu können, müssen vor allem die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen. Doch ausgerechnet hier erwächst der deutschen Umweltbranche mächtige Konkurrenz: Laut Cleantech Group flossen von den zuletzt 8,5 Milliarden US-Dollar Risikokapital 5,8 Milliarden in US-Firmen. Europäische und israelische Gründer und Projekte mussten dagegen mit 1,8 Milliarden US-Dollar auskommen. Zahlen, die für die Zukunft nichts Gutes versprechen. Noch allerdings hat die deutsche Umweltbranche im globalen Wettbewerb die Nase vorn. Das Zusammenspiel aus Fordern und Fördern verschaffte ihr in den letzten Jahren in vielen Bereichen des Umweltmarktes einen entscheidenden Vorsprung. Deutsche Unternehmen mussten oft früher als andere Schadstoffgrenzen einhalten, giftige Materialien ersetzen, Recyclingquoten erfüllen oder Energiesteuern zahlen. Was zunächst nach Wettbewerbsnachteil roch, erwies sich später als Pfund: Wenn andere Regierungen mit strengen Umweltregelungen nachzogen, hatten deutsche Firmen die passenden Lösungen parat. Die Folge: 16 Prozent Anteil am Welthandel mit Umweltschutzgütern - und damit Platz 1. Laut Bundesumweltministerium waren hierzulande 2006 bereits 1,8 Millionen Menschen im Umweltschutz beschäftigt. Inzwischen dürfte diese Zahl die Zweimillionengrenze überschritten haben.

Um die internationale Führungsrolle zu verteidigen und auszubauen, verfolgt die Bundesregierung nun einen „Masterplan Umwelttechnologien“. Damit will sie ihre Umwelt- und Innovationspolitik stärker als bisher verzahnen - und ambitionierte Umwelt- und Klimaschutzziele durch Forschungsförderung, schnelleren Wissenstransfer aus der Forschung in die Wirtschaft, intensivere Bildung und Ausbildung sowie gezielte Unterstützung innovativer Mittelständler flankieren. Damit diese Strategie im zerfaserten Markt greift, will Berlin die Kräfte in drei Bereichen bündeln: Wasser, Rohstoffeffizienz und Klimaschutz. „In diesen Feldern wird mit besonders starkem Wachstum gerechnet, und vielfach sind deutsche Unternehmen hier schon heute Technologie- und Weltmarktführer“, so die Begründung.

Doch wer sind diese Marktführer? Wer ist überhaupt diese boomende Umweltbranche? Bei genauerem Hinsehen erweist sich Umwelttechnologie als Querschnittsdisziplin über viele Branchengrenzen hinweg. Bestes Beispiel dafür ist die Autoindustrie. Autos stoßen heute 95 Prozent weniger Luftschadstoffe aus als 1990. Sie müssen zur 80 Prozent recycelbar sein. Und in der Produktion verbraucht die Branche zwei Drittel weniger Wasser, knapp 60 Prozent weniger Lösungsmittel und erzeugt zwei Drittel weniger Abfall als 1990.

Auch erneuerbare Energien werden zu den Umwelttechnologien gezählt. Doch handelt es sich nicht eher um Anlagenbau und Energiewirtschaft? Selbst klassische Bereiche wie Abfall- und Wasserwirtschaft, Luftreinhaltung oder die Sanierung von Umweltschäden kommen nicht ohne Ideen des Anlagen- und Maschinenbaus sowie der Mess-, Steuerungs- und Regeltechnik aus. „Umwelttechnik ist Maschinenbau“, sagt denn auch Manfred Wittenstein, Präsident des Maschinen- und Anlagenbauverbandes VDMA. So gesehen müsste sich der Maschinenbau laut Roland-Berger-Studie im „Cleantech-Gewand“ selbst überholen. Für den VDMA-Chef zäumen die Berater das Pferd von hinten auf. Denn seine Branche liefere Verfahren und Anlagen, um Wirkungsgrade der Energieerzeugung zu steigern. Sie liefere innovative Druckluft- und Pumpensysteme für eine energieeffizientere Produktion. Sie entwickle das CO2-freie Kraftwerk, treibe Technologien im Bereich erneuerbare Energien voran und sei Weltmeister bei energieeffizienter Antriebstechnik. „Unsere Entwickler sorgen dafür, dass jede neue Maschinengeneration umweltfreundlicher ist als die vorherige“, sagt er.

Doch längst geht die Umwelttechnologie über den Maschinen- und Anlagenbau hinaus. Die Frage nach der Umweltverträglichkeit prägt heute Prozessplanung, Logistik, Produktentwicklung, Verpackung, Design und Funktion nahezu aller Produkte. Das hat einen simplen Grund: Weder finanziell noch aus Gründen des Images können es sich Unternehmen leisten, Ressourcen und Energie zu verschwenden. Umwelttechnik prägt moderne Produktionsabläufe, lange bevor die erste Maschine anläuft.

Entsprechend leicht oder schwer haben es Absolventen, im Wachstumsmarkt Umwelttechnik einen Job zu finden. Denn dieser Markt ist überall und nirgends. Erst beim Blick in einzelne Segmente des Marktes lässt sich die Frage nach den Jobaussichten für professionelle Umweltschützer im Krisenjahr 2009 klären. Und dabei ergibt sich ein heterogenes Bild. Während im Bereich der erneuerbaren Energien eine ungebrochene Nachfrage nach Ingenieuren und anderen Akademikern besteht, halten sich Unternehmen aus der Wasser- und Abfallwirtschaft derzeit bedeckt. Auch im Maschinenbau klingen die Personaler momentan auffällig defensiv. Absolventen, die in diesem Jahr nicht unterkommen, sollten die Zeit für gezielte Weiterbildung und Auslandsaufenthalte nutzen. Denn eines ist sicher: Wenn die Konjunktur wieder anspringt, wird auch der Markt für Umwelttechnologien wieder kräftig wachsen. Wer jetzt die Flügel nicht hängen lässt, kann sich einen klaren Vorteil gegenüber den Absolventen von morgen und übermorgen verschaffen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 102, 2009, Seite 38
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor
 
Artikel-Service
DruckenDrucken
VersendenVersenden
Lesezeichen
Vorherige SeiteVorherige Seite
 
Solar- und Windenergie besser nutzen
Forschung für den Klimaschutz

Forschungsförderung ist eine wichtige Säule des sogenannten „Masterplans Umwelttechnologien“. Über 350 Millionen Euro will die Bundesregierung in Klimaschutzforschung und die technologische Weiterentwicklung im Bereich erneuerbare Energien investieren. Das eröffnet auch Chancen für Nachwuchsforscher. 


Energieeffizienz
Energiereserven in der Fabrik

Bisher achteten Fabrikanten bei der Anschaffung von Maschinen auf Performance, Preis und Service. Hohe Betriebskosten rücken eine weitere Kategorie in den Fokus: Energieeffizienz. Der Maschinenbau ist vorbereitet - auch weil „Embedded Systems“ immer präzisere Steuer- und Regeltechnik erlauben. Um die Effizienz weiter zu steigern, sind erfinderische Software-, Elektrotechnik- und Maschinenbauingenieure gefragt. 


Wertvolles Nass
Grüne Jobs in der Wasserwirtschaft


Der Weltmarkt für Wasser-, Abwassertechniken und wasserbezogene Dienstleistungen beläuft sich derzeit auf 200 Milliarden Euro und soll sich bis 2020 verdoppeln. Viele deutsche Firmen mischen mit. Sie bieten gute Perspektiven für umweltbewusste Ingenieure. 

Mehr Wachstum, mehr Jobs
Erneuerbare Energien


In den Unternehmen der Windenergie-, Solar- und Biogasbranche herrscht Zuversicht. Seitdem sich im letzten Jahr die politischen Rahmenbedingungen verändert haben, stehen europa- und weltweit klimaschonende Technologien vor einem Nachfrageschub. Die Folge: Viele Unternehmen suchen trotz der Wirtschaftskrise Nachwuchskräfte.