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Jobmessen für Geisteswissenschaftler

Brief eines Geisteswissenschaftlers

Von Mathias Irle und Katja Kasten




10. Dezember 2007 
Dann hast Du eine Vorstellung, wie ich mich letzte Woche auf der Jobmesse gefühlt habe.

Lieber Papa,

kennst Du das Gefühl, dass man ein Luxusbekleidungsgeschäft betritt und die Verkäufer einen mitleidig anschauen - weil sie vermuten, dass sie einem aus Solvenzgründen maximal einen Schlüsselanhänger anbieten können? Spürst Du, wie sehr man sich wünscht, den Laden nie oder wenn nur unter anderen Voraussetzungen betreten zu haben?

Dann hast Du eine Vorstellung, wie ich mich letzte Woche auf der Jobmesse gefühlt habe, die Du mir so sehr ans Herz gelegt hast. Weil die Fähigkeit, vernetzt und interdisziplinär zu denken, von Geisteswissenschaftlern wie Dir der Schlüssel zur Innovation ist, werden sich die Unternehmen die Finger nach Dir lecken, hattest Du mir prophezeit. Und weil ich auch schon in Stellenanzeigen gelesen hatte, dass Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft mittlerweile willkommen sind, habe ich Dir gerne geglaubt.

Rein optisch war ich von den anderen jungen Menschen in Geschäftskleidung nicht zu unterscheiden. Frohen Mutes ging ich zum Stand eines internationalen Unternehmens, über dessen Aktienentwicklung Du Dich schon seit Jahren freust. Meine Überzeugung: Ich müsse nur ein paar der Dinge nennen, die mich mein Studium gelehrt hat, schon würde mir die Personalerin hinter dem Stand die passenden Stellen in ihrer Firma anbieten. Ganz ähnlich wie in einem gut sortierten Fachgeschäft.

Während ich in einem Stuhl aus schwarzem Leder und Chromgestell bei Keksen mit hartem Marmeladenklecks und einer kleinen Flasche Apollinaris wartete (an dem Stand war sehr viel los), belauschte ich die Gespräche der anderen. Meist waren es junge Ingenieure, Juristinnen, Wirtschaftswissenschaftler. Komisch war: Sie hatten nicht nur alle sehr genaue Vorstellungen, was sie im Unternehmen einmal machen wollten. Sie schienen auch bestens darüber informiert, was die Personalerin gerne hätte. Mappen wurden herübergereicht. Visitenkarten ausgetauscht. Alle waren nett. Offen. Zugewandt. Nennt man das nicht sozial kompetent? Zum ersten Mal an diesem Tag fragte ich mich, was ich eigentlich genau zu bieten habe, was die Nicht-Geisteswissenschaftler nicht mitbringen?

Als ich an der Reihe war, verlief zunächst alles ganz ähnlich. Kurze Begrüßung, ich lobte das Unternehmen und bekundete mein Interesse. Dann zeigte ich der Dame meine Bewerbungsunterlagen. Papa, vielleicht kennst Du das noch aus Deinem Beziehungsleben vor Mama: Manchmal muss jemand einen Satz nur auf eine bestimmte Weise betonen, schon spürt man, wie sich die Welt um einen verändert. Die Art, wie die Personalerin sagte Ich sehe, Sie haben ein geisteswissenschaftliches Studium gerade abgeschlossen, genügte, um in mir das Für-Sie-haben-wir-leider-nur-einen-Schlüsselanhänger-Gefühl aufkommen zu lassen.

Angenommen, Sie wollen einen angeschlagenen Badewannenproduzenten retten, womit würden Sie eine Organisationsentwicklungsmaßnahme beginnen?

Fragen nach meiner Teamfähigkeit, meiner emotionalen Intelligenz oder gar nach Inhalten meines Studiums? Fehlanzeige. Sie überflog noch kurz meine Praktikumszeugnisse, prüfte, ob ich Auslandsaufenthalte in meinem Lebenslauf und Kurse in Statistik belegt hatte. Dann fragte sie mich: An welcher Aufgabe in unserem Unternehmen hätten Sie denn Interesse? Hoppla. Dermaßen konkret hätte ich mir ein solches Jobmessen-Kennenlernen nicht vorgestellt. Mir kam das vor, als würde man bei einem ersten Date noch vor dem Aperitif gefragt, wie viele gemeinsame Kinder man denn nun haben will. Fast hätte ich patzig geantwortet: Zu welcher Aufgabe im Unternehmen befähigen einen Teamfähigkeit und Kompetenz? Marketing, Rechnungswesen, Vertrieb, Personalwesen? Das sind doch alles nur künstliche Einteilungen! Gerade Sie sollten wissen, fachliches Know-how erneuert sich ohnehin derzeit alle paar Jahre! Ganzheitliches Denken ist die Schlüsselqualifikation für die schnelle, globalisierte Welt von morgen! Jedenfalls schien mir dies alles bis zu der Dame am Stand des Unternehmens noch nicht vorgedrungen zu sein.

Stattdessen antwortete ich brav: Ich bin teamfähig, habe mich ehrenamtlich engagiert, spreche zwei Fremdsprachen, und ich habe durch meine Magisterarbeit belegt, dass ich in der Lage bin, mich lange mit einem Thema zu beschäftigen und eine große Informationsmenge zu verdichten. Vielleicht irgendetwas im Bereich Organisation? Da war er wieder, dieser Schlüsselanhängerblick.

Anstatt auf das von mir Gesagte näher einzugehen, stellte sie mir jetzt zwei Rätsel: Wie viele Tennisbälle passen Ihrer Meinung nach in eine Badewanne, und wie könnten Sie das berechnen? Und angenommen, Sie wollen einen angeschlagenen Badewannenproduzenten retten, womit würden Sie eine Organisationsentwicklungsmaßnahme beginnen? Noch bevor ich es schaffte, zu einer Antwort oder zum Protest anzuheben, hatte sie mir schon wieder meine Bewerbungsmappe zurückgereicht, mir eine Unternehmensbroschüre in die Hand gedrückt und mich gefragt: Haben Sie ein Kärtchen? Ich habe ihr dann meine Handynummer auf einen kleinen Zettel geschrieben.

Bis jetzt hat sich noch niemand bei mir gemeldet. Vielleicht auch deshalb frage ich mich derzeit intensiv: Was kann ich, was die anderen Bewerber nicht können? Könnten wir uns darüber einmal bei nächster Gelegenheit unterhalten? Und noch etwas: Du hast doch noch gute Kontakte in den Tennis-Club. Meinst Du, es wäre möglich, dort für ein Wochenende ca. 300 Trainingsbälle auszuleihen? Die Sache mit der Badewanne lässt mir keine Ruhe.

Bis bald

Dein Martin

Text: Hochschulanzeiger Nr. 93, 2007
Bildmaterial: Moni Port, Labor