14. April 2009
Immer mehr Mediziner entscheiden sich gegen eine Karriere am Krankenbett. Wer nach seinem Studium dennoch Arzt werden will, muss nicht lange nach einer Stelle suchen: Die Arbeitslosigkeit tendiert gen null, und auf dem Land wird all denen, die sich hier niederlassen wollen, der rote Teppich ausgerollt.
Als das Baby in der Nacht eingeliefert wurde, war höchste Alarmstufe angesagt. Über und über war der Säugling mit roten Punkten übersät - die Anzeichen für eine schwere, lebensbedrohliche Infektion sein konnten. Es war eine der ersten Nächte, die Tanja Roth als Assistenzärztin auf der Kinderstation verbrachte. In dem Moment war klar: Sollten sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten, wäre es ein Wettlauf mit der Zeit. In Rücksprache mit dem Oberarzt leitete sie alle wichtigen Behandlungsschritte ein. Und am nächsten Morgen hatte sich der Gesundheitszustand des Babys deutlich entspannt. Es war schon ein mulmiges Gefühl, in so einer Situation Verantwortung zu übernehmen, stellt Tanja Roth rückblickend fest. Es ist ein Unterschied, ob man eine Krankheit nur aus dem Lehrbuch kennt oder die Symptome schon mal gesehen hat. Heute ist die Assistenzärztin für Pädiatrie im zweiten Ausbildungsjahr. Nach einem halben Jahr ist die Erfahrung da, und man wird souveräner.
Die Kinderheilkunde gehört speziell unter Medizinerinnen zu den besonders beliebten Fachrichtungen. Schon während der Famulaturen habe ich die schönsten Momente in der Arbeit mit Kindern erlebt, so Tanja Roth. Die Atmosphäre ist wärmer, es gibt viele witzige Situationen. Obwohl sie die Behandlung von sehr schwer kranken Kindern auch als belastend erlebt, genauso wie die vielen Überstunden, Wochenenddienste und den Schichtbetrieb. Dass es bis zur Fachärztin für Pädiatrie ein anstrengender Weg werden würde, war ihr von Anfang an klar. Ich habe meine Entscheidung für die Medizin trotzdem bis heute nicht bereut, sagt die 31-Jährige.
Mit der heilen Welt einschlägiger Krankenhausserien hat der Alltag auf den Stationen allerdings so gar nichts zu tun. Seitdem in schöner Regelmäßigkeit Bilder von streikenden und protestierenden Ärzten über den Bildschirm gehen, ist das auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Trotzdem ist das Image des Arztberufs nach wie vor bestens. Nicht nur in der Bevölkerung genießt er ein hohes Ansehen - weit vor Pfarrern, Anwälten, Hochschulprofessoren und Unternehmern. Auch Medizinstudenten schätzen ihr Fach an sich sehr. Extrem anstrengende Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung und ausufernde Verwaltungsaufgaben schrecken jedoch immer mehr ab. 70 Prozent der angehenden Ärzte können sich vorstellen, ins Ausland zu gehen. Etwa 19.000 haben den Schritt vollzogen und arbeiten in einem anderen Land. Ganz klarer Favorit ist die Schweiz, sagt Ruth Wichmann, Auslandsreferentin beim Marburger Bund. Beliebt sind auch die skandinavischen Länder, Großbritannien und Nordamerika. Die entscheidenden Motive: bessere Gehälter, bessere Atmosphäre - und die Hoffnung auf eine bessere Ausbildung.
Etwa 20.000 Absolventen mit einem Studienabschluss Medizin oder Gesundheitswissenschaften verlassen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit alljährlich die Hochschulen. Ein Job als Arzt stünde ihnen in fast jeder Region der Republik offen. Dennoch ziehen 41 Prozent von ihnen den weißen Kittel gar nicht erst an - trotz hoher Motivation während des Studiums - und wandern in andere Berufszweige ab. Alternativen gibt es schließlich genug.
Nicht nur Unternehmensberatungen wissen ärztlichen Sachverstand zu schätzen. Medizinisches Fachwissen ist quer durch alle Branchen gefragt. In Werbung und Marketing ebenso wie im öffentlichen Gesundheitswesen, in der Medizintechnik oder in der pharmazeutischen Industrie. Interessante Jobs finden Ärzte auch in der Versicherungsbranche. Medical Consultants sind für Aufbau und Pflege von medizinischen Antragssystemen und Risikoprüfsystemen zuständig, sie entwickeln Kosten-Nutzen-Analysen oder geben als Gesellschaftsärzte Prognosen zu bestehenden Erkrankungen ab, die besonders beim Abschluss von Lebensversicherungen von hoher Bedeutung sind. Mediziner, die ihr fachliches Know-how durch Fort- und Weiterbildungen in Betriebswirtschaft, Medien, Management oder Informatik erweitern, sind zunehmend in der Verwaltung von Kliniken gefragt, die sich im Zuge zunehmender Privatisierung im Wettbewerb behaupten müssen. Im Qualitätsmanagement von Krankenhäusern gewinnen Ärzte, die mit Zahlen umgehen können, in Leitungsfunktionen einen immer höheren Stellenwert.
Wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mal etwas anderes machen würde als Anästhesie, hätte ich es nicht geglaubt, sagt Hans-Jürgen Hennes und lacht. Es ist anders gelaufen. Heute führt der promovierte Facharzt als Medizinischer Geschäftsführer die Geschicke des Katholischen Klinikums in Mainz. Ein Sprung, der ursprünglich gar nicht in seiner Absicht lag. Von dem zweijährigen berufsbegleitenden Studiengang Medical Hospital Management in Hannover versprach sich der junge Oberarzt vor allem Rüstzeug für die trockene Materie im Haushaltsausschuss, in den er als Fachbereichsrat entsandt worden war. Ich wollte etwas über die Organisationsstrukturen wissen, stellt der Narkosearzt fest. Und das bringt man sich nicht autodidaktisch bei. An der FH Neu-Ulm sattelte er gleich noch den MBA drauf. Die Methodenkenntnisse haben mir schon als Oberarzt sehr geholfen, so Hennes. Man bringt viel mehr Verständnis für die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge mit. Klinisch ist der Facharzt nicht mehr tätig; auch seine Habilitation hat er fahrenlassen. Er bereut es nicht. Selbst ein etablierter Ordinarius hat kaum Einfluss auf die Gesamtentwicklung eines Hauses.
Die Kliniken kämpfen. Denn die Flucht junger Ärzte und Ärztinnen in Länder oder Berufe, die mehr in puncto Work-Life-Balance bieten, zeigt schon heute gravierende Folgen in der Patientenversorgung. Hausärzte werden in weiten Teilen Deutschlands händeringend gesucht. Facharztstellen an Kliniken bleiben unbesetzt. Das ist natürlich auch eine Standortfrage, betont Katja Krahmer vom Hartmannbund. Die Charité in Berlin oder Uni-Kliniken haben sicher weniger Probleme als Krankenhäuser in der Fläche. Die Stellenbörsen einschlägiger Fachmedien haben sich in den letzten Jahren jedenfalls verdoppelt und verdreifacht - Tendenz steigend. Mehr als ein Viertel der Krankenhäuser gab 2008 an, offene Stellen im ärztlichen Dienst nicht besetzen zu können. Im Schnitt blieben mehr als zwei Stellen frei, in ostdeutschen Bundesländern sogar mehr als drei. Als Mediziner hat man momentan eine große Bandbreite an Möglichkeiten vor sich, sagt Alexandra Schilling vom Marburger Bund. Aber damit auch die Qual der Wahl. Uniklinik oder kommunales Krankenhaus, kirchlicher oder privater Träger? Mit einer Berufseinsteigerbroschüre gibt der Interessenverband angestellter Ärzte dem medizinischen Nachwuchs erste Orientierungshilfen an die Hand. Eine Uniklinik bietet fachlich besonders interessante Fälle und ermöglicht eine wissenschaftliche Karriere, so Schilling. Dafür ist der Stress dort am höchsten. Bereitschaftsdienste und Nachtschichten sind im Vergleich zu kleineren Krankenhäusern zwar seltener. Die Arbeit im Labor wird neben dem Stationsbetrieb jedoch nicht nur erwartet, sondern auch verlangt und führt zu einem hohen Anteil unbezahlter Überstunden. Der Alltag in einer kommunalen Klinik ist eher von Routinearbeit geprägt. Dafür arbeitet man eng mit niedergelassenen Kollegen zusammen und knüpft Kontakte, die bei einer späteren Niederlassung nützlich sein können.
Speziell Frauen wechseln im Laufe der Facharztausbildung häufiger die Disziplin, um familienfreundlichere Wege einzuschlagen, und gehen zum Beispiel in die Rechtsmedizin. Doch auch ihre männlichen Kollegen legen zunehmend Wert auf ein Leben neben dem Job, wie Umfragen bestätigen. Besonders dramatisch wirkt sich der Nachwuchsmangel deshalb auf extrem zeit- und arbeitsintensive Fachrichtungen aus. Ganz schlecht sieht es bei den Gastroenterologen, den Visceralchirurgen, den Pneumologen, Neurologen, Gefäßchirurgen und Onkologen aus. Als Chirurg zu arbeiten ist großartig, sagt Michael Römer und gerät dabei ins Schwärmen. Trotzdem hat sich der Assistenzarzt nach zwei Jahren im OP für die Anästhesie entschieden. Seitdem sieht der 34-Jährige seine Kinder regelmäßig und kann sie sogar vom Hort abholen. Feste OP-Pläne machen es möglich. Verloren war die Zeit in der Chirurgie für ihn nicht. Den größten Teil kann er sich auf die Ausbildung zum Narkosefacharzt anrechnen lassen. Wichtig ist für mich die Erfahrung in der Intensivmedizin, stellt der Assistenzarzt und Notfallmediziner fest. Denn er ist besonders gerne auf dem Rettungswagen unterwegs. Da ist schnelles Handeln gefragt. Es ist eine sehr flexible Tätigkeit und sehr lösungsorientiert. Unter teilweise widrigen Bedingungen arbeiten Rettungsärzte eng mit Polizei und Feuerwehr zusammen. Schwere Verletzungen sind an der Tagesordnung. Man ist mit einem Team unterwegs, kommt irgendwohin, muss die Lage einschätzen, die Situation strukturieren, Angehörige beruhigen und den Horror rausnehmen. Was er besonders daran schätzt: Man sieht sofort ein Ergebnis. Und ist von den Bedrängnissen des Stationsalltags weit entfernt. Noch zwei Jahre dauert seine Ausbildung zum Facharzt. Danach zieht es den Anästhesisten ganz in die Notfallmedizin - oder er macht sich selbständig. Als Partner in einer privaten Tagesklinik einzusteigen, das könnte er sich zum Beispiel gut vorstellen. Da ist jeder sein eigener Manager und macht Medizin, wie er sie versteht.
Wer sich in Deutschland mit einer eigenen Praxis niederlassen will, hat ein Standortproblem. In die Provinz will niemand, und die Städte sind dicht. Ballungsgebiete wie München oder Frankfurt sind für neue Arztpraxen gesperrt. Für junge Ärzte beginnt dort die Suche nach einem niedergelassenen Kollegen, der sich aus dem Berufsleben zurückziehen und seine Zulassung verkaufen will. Oder sie gehen in die Fläche. Arztpraxen auf dem Land sind oft schon für 'nen Appel und 'nen Ei zu haben. Aber das ist natürlich ein Schritt, der mit Anfang dreißig nicht so einfach ist, betont Katja Krahmer vom Hartmannbund. Man legt sich fest auf einen Ort - solche Entscheidungen zögert man gerne heraus. Die Kassenärztlichen Vereinigungen steuern der real existierenden Versorgungskatastrophe auf dem Land mit Förderprogrammen gegen. Eine zweijährige Schnupperphase bietet zum Beispiel die KV Thüringen an, um Hausärzte in die Region zu holen. Eine risikofreie Übergangszeit, in der junge Ärzte eine Praxis führen, als wäre es ihre eigene. Auf Angestelltenbasis, ohne Verpflichtungen und Kreditbelastung. Das hat mir den Druck genommen, sagt Andreas Schwenn. Vor einem Jahr hat er unter den Fittichen der KV als Hausarzt in Gotha begonnen. So konnte ich mich in Ruhe in die Abrechnungsmodalitäten einarbeiten und herausfinden, ob eine Praxis überhaupt etwas für mich ist. Die Berater der KV waren telefonisch immer erreichbar, auch Weiterbildungen wurden finanziert. Innerhalb kürzester Zeit hat sich der Allgemeinmediziner einen Patientenstamm aufgebaut - und zugesagt, die Praxis zu übernehmen. Rund um Gotha ist Land unter, das gilt auch für Fachärzte, so Schwenn. Ich könnte noch zwei, drei Kollegen vertragen, ohne dass wir uns gegenseitig etwas nehmen würden.
Im Raum Nürnberg-Erlangen sehen die Aussichten zwar nicht ganz so rosig aus. Doch auch Tanja Roth wird sich nach der fünfjährigen Facharztausbildung auf jeden Fall als Kinderärztin selbständig machen. Die Aussichten sind ganz gut. Zumal die Medizinerin gleich zwei Standbeine hat. Noch während des Studiums hat sie eine Ausbildung in Osteopathie begonnen, die sie in Kürze abschließen wird. In der Schulmedizin fehlt oft die manuelle Diagnostik, so die Ärztin. Da geht es vor allem um die Laborwerte und kurz mal gucken. Gerade in der Arbeit mit Kindern ermögliche ein ganzheitliches Konzept wie die Osteopathie dagegen einen ganz anderen Zugang - nicht selten auch als Alternative zu einer medikamentösen Therapie. Mein Ziel ist es, mir eine Gemeinschaftspraxis zu suchen und beides anzubieten. Für die Assistenzärztin ein hochattraktiver Gedanke. Dann gibt es keine Nachtschichten mehr!
Tipps für angehende Mediziner im Internet:
Hartmannbund
Verband der Ärzte Deutschlands http://www.hartmannbund.de http://www.jungemediziner.de
Marburger Bund
Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e. V. http://www.marburger-bund.de Berufseinstiegsbroschüre für Medizinstudierende und Klinikärzte 2008/2009 zum Download
Infos zu DocSteps - Karriere- und Berufsorientierungsmesse des Marburger Bundes
http://www.marburger-bund.de/docsteps
Bundesärztekammer
Spitzenorganisation der ärztlichen Selbstverwaltung http://www.baek.de
Deutscher Ärztinnenbund (DÄB)
http://www.aerztinnenbund.de
Frauen fördern Frauen
Im Mentorinnennetzwerk des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB) haben es sich erfahrene Medizinerinnen aus allen Fachrichtungen zur Aufgabe gemacht, Studentinnen und junge Kolleginnen in der Phase des Berufseinstiegs und der Weiterbildung zu begleiten und zu unterstützen. Folgende Beratungsleistungen sieht das Tandem u. a. vor:
> Vermittlung von Hospitanzen und Famulaturen
> Beratungshilfe bei der Wahl des Fachgebietes und beim Berufseinstieg
> Weitergabe von praktischen Erfahrungen
> Einführung in die Strukturen von Kliniken, Universitäten und außerklinischen Institutionen
> Unterstützung in der wissenschaftlichen Arbeit (evtl. mit dem Ziel der Promotion)
> Hilfestellung beim Wechsel von der Klinik in die Praxis
> Erfahrungsaustausch über Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Das Mentorinnennetzwerk kann nur von Mitgliedern des DÄB genutzt werden.
Kontakt: Prof. Dr. med. Marianne Schrader Plastische Chirurgie, Campus Lübeck Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck Tel.: (04 51) 5 00-20 62 E-Mail: Marianne.schrader@aerztinnenbund.de
E-Mail: gsdaeb@aerztinnenbund.de