Zukunftskongress

„Kirche der Freiheit im 21. Jahrhundert“

Von Felix Grigat

26. Januar 2007 Die christliche Freiheit ist nach den Worten des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, die entscheidende Basis für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Alle Reformen der Kirche müssten als Dienst an der von Martin Luther und der Reformation wiederentdeckten „Freiheit eines Christenmenschen“ verstanden werden können, „sonst taugen sie nicht“.

Zu Beginn des EKD-Zukunftskongresses „Kirche der Freiheit im 21. Jahrhundert“ in der Stadtkirche der Lutherstadt Wittenberg sagte Huber, Zukunft gewinne die evangelische Kirche durch ihre geistliche Kraft. Die Kernkompetenz der Kirche liege in ihrem gottesdienstlichen Handeln und geistlichen Leben. Das dürfe aber nicht „unpolitisch“ ausgelegt werden. Die Reform der evangelischen Kirche von Innen und das Eintreten für gerechte Teilhabe in der Gesellschaft gehörten zusammen. „Eine selbstgenügsame Kirche wäre ein Widerspruch in sich selbst", sagte der Ratsvorsitzende.

Der christliche Glaube als Zeugnis der Freiheit lasse sich, so Huber, nicht in die Mauern der Kirche einsperren. Aus dem Impuls der Freiheit ergebe sich auch das Eintreten für die Gewissensfreiheit – gegenüber den Ansprüchen der Mächtigen eine „unantastbare Instanz der Verantwortung vor Gott und der aus ihr folgenden Selbstbestimmung“. Reine Diesseitigkeit ist nach Hubers Worten ein Verhängnis ohne Ausweg. Dadurch werde der Aufblick zu Gott ebenso verdunkelt wie der Ausblick in die Zukunft. Rein innerweltliche Verheißungen und Utopien könnten nicht als endgültige Zukunft des Menschen ausgegeben werden.

Den Glaubensschatz aufs Neue heben

Über die Ökumene sagte Huber, die Betonung evangelischen Profils entspringe nicht einer Lust, sich von anderen Kirchen abzugrenzen. Es gehe vor allem darum, sich der eigenen Wurzeln neu bewusst zu werden und den besonderen Glaubensschatz der evangelischen Kirchen aufs Neue zu heben. Alle christlichen Kirchen müssten die Wahrheit des Christentums bezeugen, die größer sei als die immer nur unvollkommene und fragmentarische Wahrheitserkenntnis einer einzelnen Kirche.

Das entscheidende Merkmal des evangelischen Kirchenbegriffs ist nach Hubers Worten die Konzentration auf das Evangelium, das im Gottesdienst in Wort und Sakrament begegne. Er achte das Amt in der Kirche hoch, binde aber die Möglichkeit der Kirchengemeinschaft nicht ausschließlich an eine bestimme Gestalt dieses Amtes, wie das die römisch-katholische Kirche tue.

Dramatische Vorhersagen

In Wittenberg erörtern 300 Vertreter aller 23 evangelischen Landeskirchen bis zum Samstag weitgehende Reformvorschläge, die der Rat der EKD vor einem halben Jahr in dem Dokument „Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ unterbreitet hatte. Anlass des EKD-Textes waren dramatische Vorhersagen, nach denen sich die Zahl der Protestanten bis zum Jahr 2030 um ein Drittel von derzeit 26 Millionen auf 17 Millionen verringern werde. Daraus errechnete man zugleich eine Halbierung des Kirchensteueraufkommens von jetzt vier auf zwei Milliarden Euro.

Das Perspektivpapier des Rates erfuhr nach seiner Veröffentlichung Zustimmung, aber auch Widerspruch. Kritiker aus allen Landeskirchen warfen dem Rat vor, nach einem unprotestantischen Zentralismus zu streben. Bemängelt wurden auch die ökonomisierte Sprache („Taufquoten“), die Überlegungen, eine betriebswirtschaftliche Führungskultur auch für Pfarrer einzuführen, und die theologische Substanz des Textes. Der Vorschlag, die Zahl der Landeskirchen durch Fusionen von 23 auf acht bis zwölf zu verringern, stieß besonders in den kleineren Kirchen auf Protest.

Der Zukunftskongress ist keine Synode und kann keine Beschlüsse fassen. Mit dem Kongress will die EKD eine „Reformdekade“ beginnen, die 2017 mit dem 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag enden soll.



Text: F.A.Z. vom 27. Januar 2007
Bildmaterial: dpa

 
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