Von Christian Geyer
30. April 2007 In einem Punkt hat der Schrifsteller Feridun Zaimoglu natürlich recht: Es ist unverständlich, warum auf der Islamkonferenz, die sich am Mittwoch zum zweiten Mal im Plenum treffen wird, nicht auch eine überzeugte Kopftuchträgerin sitzt. Warum sind alle Frauen, die an der Konferenz teilnehmen, bekennende Säkulare oder Islam-Kritikerinnen? Wieso fehlt eine gläubige Muslima? hatte Zaimoglu schon am 1. Oktober vorigen Jahres in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gefragt (siehe auch: Autor Feridun Zaimoglu: Ja, es gibt einen deutschen Islam). Freilich adressiert der Schriftsteller seine Kritik falsch.
Nicht die Islam-Kritikerinnen, die er in der vergangenen Woche als medial gehypte Frauen denunzierte (siehe auch: Feridun Zaimoglu: Kritiker der Islamkritikerinnen), sind schuld, sondern die religiösen Verbände selbst, also beispielsweise der Zentralrat der Muslime in Deutschland. Diese Verbände haben nur religiöse Männer in die Islamkonferenz geschickt, keine religiösen Frauen. Womöglich ein unfreiwilliger Beleg für das, was die Islam-Kritikerinnen als patriarchalische Struktur an den Pranger stellen?
Schon jetzt ein Erfolg
Die Streitfrage alles Funktionärshaften - wer darf wen mit welcher Tagesordnung vertreten? -, hat auch die Islamkonferenz fest im Griff. Und doch ist diese von Wolfgang Schäuble installierte Veranstaltung schon jetzt ein Erfolg. Denn zum ersten Mal wird das Thema Islam in Deutschland nicht nur dann politisch diskutiert, wenn mal wieder etwas passiert ist: ein Ehrenmord in Hamburg, ein mit dem Koran argumentierender Richterspruch in Frankfurt (siehe auch: Richterbund verteidigt Frankfurter Familienrichterin in Sachen Koran). Zum ersten Mal existiert hierzulande mit der Islamkonferenz ein in der politischen Hierarchie hoch aufgehängtes Forum, bei dem die in der islamischen Sache Betroffenen kontinuierlich aufeinandertreffen: Vertreter des Staates reden mit frommen und säkularen Muslimen - sowie, besonders wichtig, diese beiden letzteren Gruppen reden untereinander.
Dass dies alles nicht in ein leeres Palaver mündet, liegt für den, der sich politisch nicht begriffsstutzig stellt, auf der Hand. Denn im Hintergrund dieser auf mehrere Jahre angelegten Konferenz stehen hochpolitische Erwartungen, die den wachsenden Anteil islamisch geprägter Familien in Deutschland in Rechnung stellen. Erwartungen, die sich - mit unterschiedlichen Akzenten - auf die Anerkennung einer islamischen Instanz als öffentlich-rechtlicher Körperschaft beziehen, als Träger von Bildungseinrichtungen, Schulen und Moscheen.
Wer spricht für wen?
Mit anderen Worten: Hier, auf dieser Konferenz, geht es nicht um die soundsovielte Akademieveranstaltung zum großen Brummer Integration (welche Diskrepanz zwischen der Abstraktheit dieses hochgestochenen Begriffs und der Alltäglichkeit der davon berührten Fragen). Es geht vielmehr darum, im Gespräch mit den Beteiligten Entscheidungen vorzubereiten, die so oder so das politisch-kulturelle Gesicht unserer Kommunen prägen werden. Insofern versteht man die Aufregung, die immer wieder entflammt, wenn - wie jetzt im Fall Zaimoglu - auf der Islamkonferenz Fragen der personellen Repräsentation zur Sprache kommen. Sie sind von unmittelbar inhaltlicher Bedeutung, weil sie die Frage beeinflussen, welche Fragen sich stellen - und welche im Gegenteil unter den Tisch fallen dürfen oder sollen.
Als entscheidend wird im Augenblick die Frage angesehen, für wen der von den religiösen Verbänden flugs als Dachverband gegründete Koordinierungsrat der Muslime sprechen soll. Faktisch ist dies über den Kopf von 3,3 Millionen Muslimen hinweg geschehen, nur fünfzehn Prozent der hier lebenden Muslime sind darin organisiert, erklärt Ezhar Cezairli (siehe auch: Ein Gespräch mit Ezhar Cezairli, Vertreterin der säkularen Muslime bei der Islamkonferenz), die auf der Islamkonferenz eine Vertreterin der Säkularen ist. Sollte die Bundesregierung den Dachverband als Vertreter aller Muslime anerkennen, wäre das ein schwerer Schlag und die Islamkonferenz in Frage gestellt.
Was heißt hier religiös, säkular und kritisch?
Da scheint der Hase im Pfeffer zu liegen. Die religiöse muslimische Position - Zaimoglu nennt sie die fromme Position - ist in Form der Verbandsvertreter auf der Konferenz hinreichend vertreten. Was diese Position angeht, so kann man in der Tat jetzt nur noch darüber streiten, ob für sie nicht besser ein Mann seinen Platz zugunsten einer Frau räumt. In der Sache minoritär vertreten ist dagegen die säkulare muslimische Position. Für sie sprechen nur einzelne nicht organisierte Muslime wie die zitierte Ezhar Cezairli oder fundamentale (Zaimoglu: gehypte) Islam-Kritikerinnen wie die Rechtsanwältin Seyran Ates (siehe auch: Gejagte Anwältin: Islamisten besiegen den deutschen Rechtsstaat)oder die Soziologin Necla Kelek (siehe auch: Necla Kelek: Was die Muslime von Europas Werten trennt). Womit die eigentlich inhaltlich brisante Frage in Sicht kommt: Was heißt hier überhaupt religiös, säkular und kritisch? Wofür stehen diese in der Öffentlichkeit mit größter Geläufigkeit, aber doch unscharf verwendeten Begriffe?
Zugespitzt kann man es wohl so sagen: Die Probleme, derentwegen die Islamkonferenz zusammentritt, haben damit zu tun, dass die Begriffe religiös, säkular und kritisch auseinanderfallen statt sich in der Sache zu ergänzen. Wer fromm ist, ohne zugleich säkular zu sein, befördert genau jene Tendenzen seiner Religion, gegen die sich die Islamkritikerinnen wenden: Sie wenden sich gegen eine Deformierung von Kultur, von Menschenrechten und persönlicher Freiheit im Namen einer anmaßenden religiösen Normbehauptung. Die fundamentalistischen Trends - egal ob im Islam, bei den Evangelikalen (man registriere dazu den Film Jesus Camp) oder in kirchlich approbierten pressure groups des Katholizismus - verdanken sich alle demselben Kernproblem: einem im Verhältnis zur religiösen Norm dürftig entwickelten Begriff vom Eigensinn des Weltlichen.
Fundamentalistische Missverständnisse
Es ist diese defizitäre Vorstellung von Säkularität, die dafür sorgt, dass die Stornierung elementarer Freiheitsrechte als religiöse Erwartung ausgegeben werden kann; dass junge Frauen im Zeichen des Kopftuchs an die vom Vater verordneten Männer verheiratet werden; dass eine deutsche Richterin befindet, eine verprügelte Frau hätte doch üblicherweise damit rechnen müssen, dass sie von ihrem marokkanischen Ehemann gezüchtigt wird. Dem entspricht das fundamentalistische Missverständnis in enthusiastischen Bewegungen des Christentums: Hier versuchen geistliche personal trainer den Durchgriff auf kulturelle Praktiken, der die Gläubigen im Gewissen binden soll, ohne dass dabei noch hinreichend unterschieden werden könnte, wo genau die religiöse Autorität anfängt und wo genau sie aufhört. Dem brauchen die Kritiker nur den historischen Rückblick entgegenzuhalten: Was ist schon alles als genuin religiös behauptet worden und hat sich hundert Jahre später als kulturelles Vorurteil herausgestellt?
Vielleicht wird man zu ähnlichen Schlüssen auch im Laufe der Islamkonferenz kommen. Hier sitzen Religiöse, Säkulare und Fundamentalkritiker so dicht beieinander, dass ein gegenseitiges Abfärben zum Vorteil der Integration möglich wäre. Zaimoglu könnte am Mittwoch ja mit gutem Beispiel vorangehen, und sein Wort vom Menschenrechtsspießer zurücknehmen, mit dem er von säkularen Kritikern Respekt für religiöse Imperative forderte. Wie wäre es diesmal mit einem Wort über die Grenzen dieses Respekts?
Text: F.A.Z., 30.04.2007, Nr. 100 / Seite 35
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