Von Hannes Hintermeier
30. Januar 2007 Oberstleutnant Jean Daniel Pitteloud ist ein äußerst zuvorkommender Mann. Der schmale Schweizer steht zur vereinbarten Zeit an der Pforte Sant' Anna im Vatikan und erweckt den Eindruck, als könnte ihm nichts eine größere Freude bereiten, als den Gast an seinen Bestimmungsort zu bringen. Ein Zauberwort hat genügt, um Einlass zu finden: Don Giorgio. Aber bei allem charmanten Geplauder vergisst er nie, seine Umgebung zu mustern und auf verdächtige Bewegungen hin zu untersuchen. Der studierte Jurist aus dem Waadtland ist der zweite Mann der Schweizer Garde, er kommandiert das französischsprachige zweite Geschwader.
Beinahe unmerklich vermittelt er das Gefühl, man sei gerade Teil einer eminenten Mission. Dieses Gefühl verstärkt sich, als wir nach Durchquerung eines Innenhofs im zweiten Stock in einen zweiten Lift steigen, der uns in der Seconda Loggia entlässt. Tagsüber bedienen Livrierte den Aufzug, aber jetzt am Abend sind wir hier allein auf weiten Fluren. Der zweite Stock des päpstlichen Palastes birgt die Herzkammer der vatikanischen Diplomatie. Audienzsäle, Kabinette, Büros, festgeschriebene Wege zum Heiligen Vater und wieder fort von ihm, ohne den nächsten Besucher zu Gesicht zu bekommen.
Der Oberstleutnant verabschiedet sich, ein Diener in hellgrauem Frack erwartet den Besucher am Eingang zur Sala Clementina. In diesem Saal empfängt der Papst üblicherweise größere Gruppen bei Privataudienzen. Gut ein halbes Tausend Gläubige findet hier Platz. So viel zur Privatheit. Aber beim obersten Vertreter einer Milliarde Katholiken muss man andere Maßstäbe anlegen. Ein Wunder, dass er mit nur einem Privatsekretär auskommt.
Traumbild eines Priesters
Dieser steht nun lächelnd unter der breiten Flügeltür: der hochwürdige Herr Prälat Dr. Georg Gänswein alias Don Giorgio. Schwarm der Massenmedien, Traumbild eines Priesters, der die Damenwelt in Verzückung geraten lässt. Ein attraktiver Vertreter seines Geschlechts, die beste Werbung für die Generation fünfzig plus (nun gut, Gänswein ist noch nicht einmal einundfünfzig). Gardemaß, graumeliert, gertenschlank, schwarzer Talar, leuchtend rote Seidenschärpe, Manschetten zum blütenweißen Hemd, eine schlichte goldene Armbanduhr mit Lederband, kein Ring. Dass er schon zwölf Stunden Arbeit hinter sich und noch mehrere vor sich hat, sieht man ihm nicht an.
Gänswein lebt in enger Tuchfühlung mit dem Papst, in einer Art Wohngemeinschaft: Über Benedikts Wohnung im dritten Stock befindet sich noch ein Mezzanin-Geschoss, dort wohnt der Privatsekretär mit Blick auf den Petersplatz, wenn er denn zum Blicken und zum Wohnen kommt; die meiste Zeit des Tages, beginnend mit einer Andacht um sieben Uhr früh, verbringt er im Dienst seiner Kirche. 2003 hatte ihn der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, zum Sekretär ernannt. Als Ratzinger am 19. April 2005 zum Papst gewählt wurde, zog Gänswein mit um. Diese zwei Jahre als Privatsekretär waren eine Hilfe bei der Vorbereitung auf das neue Amt, ich konnte gleichsam die Melodie des Kardinals aufnehmen.
Gehorsam, Zölibat, Armut
An ihm vorbei zum Papst zu kommen ist nicht einfach: Don Giorgio filtert aus der Lawine der anbrandenden Post, Anrufe und Audienzwünsche jenes Maß an Wichtigkeiten heraus, das es dem Papst möglich macht, arbeitsfähig zu bleiben. Derzeit laufen die Ad-limina-Gespräche mit den italienischen Bischöfen. Zweihundertzwanzig Würdenträger haben jeweils ein Anrecht auf ein viertelstündiges Vieraugengespräch mit dem Papst. Buchstäblich die ganze Welt macht so hier ihre Aufwartung.
Für Georg Gänswein ist es ein Dienst im Dienst der Hierarchie. Der fehlende direkte Kontakt zu den Gläubigen, das sei die offene Wunde in dem Unikatsleben, das er derzeit führe: Das ist ja das, wofür einer zum Priester geweiht wird. Ein Minimum an Außenkontakt ist unbedingt notwendig, um den Bezug zur Welt nicht zu verlieren. Ein Priester gelobt: Gehorsam, Zölibat, Armut.
Gänswein kennt die Anfechtungen aus seiner Zeit als Wissenschaftler. Kanonisches Recht studierte der 1984 zum Priester Geweihte bei Winfried Aymans in München. Aber die Nur-Wissenschaft, befindet er in der Nachbetrachtung, berge die Gefahr, das Wesen des Priesterlichen zu reduzieren - und dann werde es gefährlich, weil die anonyme Lebensform des Forschers für den geistlichen Beruf eine Fußangel darstelle. Als Assistent von Aymans hat er sieben Jahre in München gelebt; als Schulseelsorger fuhr er jeden Tag mit dem Fahrrad von der Nymphenburger Straße in die Au. Seine Promotion wurde als Standardwerk begrüßt. Da war es nicht mehr weit nach Rom, ein Jahr noch als Domvikar im heimatlichen Bistum Freiburg - dann kam 1995 der Ruf.
Manchmal ein dreiviertel Tag frei
Und jetzt: Öffentlichkeit im Übermaß, immer im Schatten des Papstes. Anders als seine Altersgenossen, die dem Shareholdervalue nachrennen, opfert er sich dem Wohlergehen des Pontifex. Gänswein beteuert, ihm gehe es nicht um eine Machtposition, sondern darum, vom vergleichsweise kleinen vatikanischen Apparat aus die große Weltkirche zu befeuern. Und zwar schnell, präzise und effizient. Das hat seinen Preis: Vom Stoßdämpfer her betrachtet, fahre ich relativ weit unten, sagt Don Giorgio, um seine Arbeitsbelastung zu beschreiben. Alle drei bis vier Wochen versuche er, einen dreiviertel Tag freizuhaben.
Wenn möglich, fährt er dann in die Abruzzen, ins Gebiet des Gran Sasso, gute hundert Kilometer von Rom. Zwar könne man dort Ski fahren, aber im Vergleich zu den Pisten der Alpen seien die Möglichkeiten doch arg bescheiden. Der Südbadener, der aus dem 450-Seelen-Dorf Riedern am Wald stammt, gilt seit Jugendtagen als guter Skifahrer, Fußballer und Tennisspieler. Für solche Hobbys ist der Vatikan eine Fehlbuchung. Ab und an eine Stunde Tennis, das lässt sich machen. Sein Idole: Björn Borg, Steffi Graf. Und anfangs, sagt er mit einem Anflug von Ironie, natürlich der junge Boris Becker, bis ich die ersten Interviews mit ihm gehört habe.
Ein inszenatorisches Erlebnis
Bei unserem ersten Treffen am Vormittag wirkte der Privatsekretär noch wesentlich angespannter. Aber schon der erste Weg zu ihm war ein inszenatorisches Erlebnis gewesen. Keine Passkontrolle, kein Sicherheitscheck, und wo hängt die Videokamera? Anmeldung am Bronzenen Tor. Erst ein stählerner Vertreter der weltlichen Polizia, der einen zum ersten Schweizer Gardisten schickt, von dort in einen Warteraum. Es folgt ein Offizier der Garde in Zivil, der einen die breiten Treppen hinauf in den Hof des Apostolischen Palastes führt. In der Sala Clementina salutieren Gardisten gerade einem Bischof, der seinen Besuch schon hinter sich hat. Je näher man zum Papst kommt, desto geistlicher wird das Personal, vom angestellten Saaldiener bis zu den Gentiluomini, mit Orden behangene Ehrendiener im Frack, die nach wie vor aus dem Adel rekrutiert werden, dann Priester.
Man sitzt und wartet in einem Zwischenreich. Eine antike Uhr zählt tickend die Sekunden, die Lederschuhe des Gardisten, der den Durchgang zu den Kabinetten bewacht, knarren kaum vernehmbar. Nach sieben Minuten führt ein Gardist den Gast zu einem Kabinett, das sich als Sprechzimmer Don Giorgios entpuppt, die gewölbte Decke ist an die sieben Meter hoch, dennoch ist die Luft stickig. Drei Türen und eine Fensterattrappe. Trotz der edlen grünen Wandverkleidungen und der Gemälde wirkt das Ganze wie ein Verhörzimmer. Von einer leisen Glocke gerufen, huscht Don Giorgio hinaus, zwei Zimmer weiter zum Papst, Eminenzen und Exzellenzen zu begrüßen und zu verabschieden. Abgang des Botschafters von Montenegro, Auftritt des Kardinals von Bologna.
Die Heimat entgleitet ihm
Wenn er Fragen beantwortet, tut er dies mit einer gewissen gesammelten Manier: Die hellen Augen fixieren kurz den Gesprächspartner, dann schweifen sie auf einen imaginären Punkt in eine nicht vorhandene Ferne ab; die zehn Fingerspitzen formen zusammengewölbt ein Kuppel. Si, si, streut er immer wieder in seine Antworten, ganz selten nur verrät sein Zungenschlag die Herkunft aus dem Schwarzwald. Also reden wir von seiner Heimat. Sie entgleitet ihm immer mehr. Wird zu einem imaginären Raum, der ihm als Rückzugsgebiet nicht mehr zur Verfügung steht - seit seiner Ernennung schwärmen die Medien aus, wenn er sich dem heimatlichen Dorf nähert.
Vor kurzem hatte seine Mutter fünfundsiebzigsten Geburtstag. Die Mutter, von der selten die Rede ist, weil alle über den elf Jahre älteren, mittlerweile hinfälligen Vater, den Schmiedemeister und Lokalpolitiker, schreiben, der die Familie mit den fünf Kindern nach außen repräsentiert hat. Gottes Lohn? Meine Mutter hat zu Jubiläen einen Blumenstrauß und freundliche Worte bekommen, dass es ohne sie nicht gegangen wäre, aber sonst war sie nicht präsent. Dabei hat sie zu Hause alles erledigt. Die Erziehung von fünf Kindern, dass wir immer etwas zum Essen und zum Anziehen hatten.
Sich heute in Riedern einfach an den Stammtisch zu setzen - aussichtslos. Längst vorbei die Tage, als der Schorschi auf dem Fußballplatz seinem kaiserlichen Idol nacheiferte. Einmal ist er sogar nach einem Foul vom Platz gestellt worden, weil er dem Schiedsrichter auf die Frage nach seinem Namen Beckenbauer geantwortet hat. Eine normale Dorfjugend habe er durchlebt, aber die Glaubensquellen sind stark gewesen, auch wenn mir mein damaliger Heimatpfarrer geistlich und intellektuell mild bis leicht porös vorgekommen ist.
Der junge Mann, der bald wegen seiner Begabung auffällt, ist kein Fall von Entscheidungsschwäche. Gleich nach dem Abitur tritt er ins Freiburger Priesterseminar ein. Das Theologiestudium führt ihn in seinem ersten Auslandsjahr nach Rom. Man geht nicht zum Schmiedle, man geht gleich zum Schmied. Eine folgenreiche Begegnung: In Rom wurde mir bewusst, dass katholisch im Wortsinn weltumspannend heißt. Hier fließen viele Wasser zusammen.
Sanfter Hass gegen Ratzinger
Gänswein ist streitbar, darin unterscheidet er sich nicht von seinem Dienstherrn Ratzinger, der ihn 1996 in die Kongregation für die Glaubenslehre holt. Salopp gesagt, nicht nur, aber auch eine Art Regulierungsbehörde, nennt der Prälat die Aufgabe der Kongregation. Person und Institution würden da gern verwechselt, und das habe auch für Kardinal Ratzinger gegolten. Ein Mann an dieser Position kann unmöglich everybody's darling sein. ,Sic et non', das muss er an dieser Stelle sagen können.
Es habe, sagt Gänswein mit Blick auf Deutschland, immer einen sanften Hass gegen Ratzinger gegeben, bei einem Mann von einer solchen intellektuellen Brillanz vielleicht kein Wunder. Nun werde diesem Bild langsam das Gift entzogen. Auch Gänswein selbst agiert nach dem Motto Suaviter in modo, fortiter in re. Aber die Rollenzuschreibung eines Einflüsterers nach amerikanischem Spin-Doctor-Vorbild will er nicht gelten lassen. Der Papst fragt, der Papst erbittet Rat, und er nimmt Rat an. Wie die Regensburger Rede gezeigt hat, ist er durchaus willens, Predigten und Ansprachen allein zu verfertigen.
Unlängst hat die Modeschöpferin Donatella Versace eine Herrenserie vorgestellt, zu der sie sich nach eigener Aussage von Don Giorgio hat inspirieren lassen. Weniger Muskel, mehr Spiritualität. Ich kann mich dort ja bewerben, wenn ich hier versage, scherzt der so Geehrte, der solche Umtriebe der italienischen Begeisterung für Äußerlichkeiten zuschreibt. Er selbst finde schon Gefallen an schönen Dingen, was aber nicht heißen solle, er pflege einen aufwendigen Lebensstil, dazu fehle ihm auch das nötige Kleingeld: Ich bin vom Typ her aufs Klassische orientiert.
Die Kleidung sei bei einem Priester zum Glück immer die gleiche: Dass er gepflegt sein soll, versteht sich von selbst. Manche Geistliche fielen in Gesellschaft miserabel ab, das sei nicht hinzunehmen. Dass er den Papst in Modedingen beraten hat, bestreitet er nicht. Die weiße Steppjacke und die Baseballmütze, die nehme ich auf meine Kappe. Er habe sich ein paar Sachen zur Ansicht bringen lassen, und der Papst habe sie probiert. Das ganze Gewese um seine Attraktivität - sogar die Gattin des Staatspräsidenten Ciampi brach in Entzückensrufe aus - ist ihm lästig, weil es ihn als Persönlichkeit verfehlt. Das beleidigt seinen Verstand.
Das Thema der jungen Leute
Denn der will größere Räder drehen, Weltkirchenräder. Keine kleindeutschen Befindlichkeiten. Auch bei einem Dauerbrenner wie der Ökumene verschieben sich von Rom aus die Blickachsen: In Deutschland betrachten sich die Protestanten immer als ersten Partner der Ökumene, und das trifft da auch zu. Im Hinblick auf die weltweiten ökumenischen Dialogbemühungen sieht das von Rom aus freilich etwas anders aus. Da sind die orthodoxen Kirchen näher dran.
Eine andere Baustelle sind die sinkenden Quoten. Gänswein diagnostiziert nüchtern: Das volkskirchliche Element ist in Deutschland am Abschmelzen. Was aber nicht heißt, dass Religion nicht dennoch das Thema der jungen Leute im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert ist. Der cantus firmus des Pontifikats werde sein, das Glaubensgut neu zu entfachen. Ob Benedikt XVI. eine Wende in der deutschen Glaubensmisere herbeiführen können wird, die Prognose wagt auch Gänswein nicht. Aber dass es Glaubensinhalten gegenüber wieder eine erhöhte Aufmerksamkeit gebe, sei für ihn unzweifelhaft.
Bedrohungen überall
Bedrohungen lauern für die Weltkirche überall. Christenverfolgung und ein aggressiv vorrückender Islam mit religiös begründetem Terrorismus. Man muss vor den Muslimen ja in gewisser Weise den Hut ziehen, dass sie in fremder Umgebung ihre Glaubensidentität nicht aufgeben, sagt Gänswein. Das Problem sei aber grundsätzlich, dass man es stets mit wechselnden Instanzen zu tun habe, weil es den Islam nicht gebe.
Und ein Selbstmordattentäter, der Unschuldige mit in den Tod reißt, als Märtyrer? Eine mit der christlichen Märtyrervorstellung vollkommen unvereinbare Haltung. Im Westen habe der Säkularisierungsbazillus noch nicht seine größte Verbreitung erreicht, fürchtet Gänswein, aber die zweite, abendliche Audienzstunde, die wir allein in den weiten Fluren spazierend und diskutierend zugebracht haben, ist vorbei. Der Papst braucht seinen Sekretär.
Ein Gardist wacht darüber, dass der Besucher nicht vom Weg abkommt; den Lift darf man nun allein bedienen. Über den wunderbar weiten Hof San Damaso schreitet man hinunter zum Bronzeportal. Ein Salut zum Abschied, ein deutsches gute Nacht. Dann hinaus durch die Kolonnaden auf den beinahe leeren Petersplatz. Der turmhohe Christbaum leuchtet über der skihüttengroßen Krippe. Über dem Palazzo del Sant' Uffizio, dem früheren Arbeitsplatz Joseph Ratzingers, steht die kalt leuchtende Sichel des zunehmenden Mondes. Im dritten Stock des Apostolischen Palastes sind ganz rechts zwei Fenster erleuchtet. Der Papst arbeitet noch.
Text: F.A.Z., 30.01.2007, Nr. 25 / Seite 31
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