Papst in Brasilien

Stochern in den Wunden der Gesellschaft

Von Heinz-Joachim Fischer, Aparecida

14. Mai 2007 Es waren zwei Besuche, die Papst Benedikt in den vergangenen fünf Tagen in Brasilien absolviert hat. Der erste, viereinhalb Tage dauernd, galt den Katholiken Brasiliens, der mit 135 Millionen Mitgliedern größten nationalen Provinz in der Weltkirche. Er galt den einfachen Gläubigen in ihrer noch immer tiefen Frömmigkeit, den Gebildeteren, den Priestern und Ordensleuten, den engagierten Laien und Bischöfen Brasiliens, die „angesichts der vielfachen Schwierigkeiten der Kirche in diesem Land“, wie Benedikt immer wieder sagte, gestärkt werden wollen.

Der zweite, der nur zwei Stunden am Sonntagnachmittag währte, galt den Bischöfen Lateinamerikas und der Karibik, die knapp die Hälfte der gesamten katholischen Kirche repräsentieren. Sie sind in der „Bischofskonferenz Lateinamerikas und der Karibik“ (Celam) zusammengeschlossen und werden nach Benedikts Abreise die Lage analysieren und eine Strategie für die Zukunft ihrer Kirche zu entwickeln suchen.

Nicht viele Förmlichkeiten

Schon bei der kurzen Begrüßung auf dem Flughafen von São Paulo war klar, dass sich Kirche und Staat in Brasilien nicht mit vielen Förmlichkeiten aufhalten wollen. Zwei Populisten nahmen Maß: Der brasilianische Präsident Lula, dessen Fähigkeiten in der Massenbehandlung bekannt sind, und der deutsche Theologieprofessor Joseph Ratzinger, der auf seine Art den gewinnenden Umgang mit Menschenmengen schnell gelernt hat, nachdem er vor gut zwei Jahren zum Papst gewählt worden war.

Benedikt pflegt schon lange nicht mehr die Illusion, dass in pluralistischen Gesellschaften nur wohlmeinende und gutwillige Menschen der Kirche gegenüberstünden. Diese Einstellung mag er als Konzilstheologe in den sechziger Jahren vertreten haben, aber nicht in São Paulo, wenn ihm demokratische Meinungsmacher gegenübertreten. Da greift er in Ansprachen und Predigten zu demselben Konfrontationsmodell: die Schwächen der Politiker herauszustellen und fast gnadenlos die Stärken der Kirche auszuspielen.

Zum Beispiel im Pacaembu-Stadion von São Paulo beim Treffen mit Zehntausenden Jugendlichen am Donnerstagabend. Die Faszination, die der Papst auf junge Leute ausübt, den Star-Status des Bischofs von Rom im weißen Talar, hat Benedikt von seinem Vorgänger, Johannes Paul II., geerbt. Das Drumherum der Jugend-Veranstaltungen, die Musik, die Tänze, die aufgeheizte Stimmung nimmt Benedikt in Kauf. Ja, er macht ein glückliches Gesicht dazu, als ob ihm die Zuneigung der Jungen und Mädchen persönlich gelte und sie in ihrer Begeisterung dem lieben Gott ein Stück näher kämen.

Der Kult schießt ins abergläubige Kraut

Aber unbarmherzig stochert er dann in dem Versagen der weltlichen Gesellschaft herum, wirft jene Fragen nach dem Sinn des Lebens und Sterbens auf, auf die Werbung und Konsum keine Antwort geben. Und wo sonst Fußballspieler und Popmusiker gefeiert werden, tost Applaus für einen Kirchenführer auf, um den ihn jeder demokratische Staats- und Regierungschef beneidete.

Oder die Kanonisation des ersten brasilianischen Heiligen, des Ordenspriesters Frei Antonio Galvao, am Freitag vor Hunderttausenden Zuschauern. Ein ganzer Flugplatz, das „Marsfeld“ von São Paulo, musste für die Menge freigegeben werden. Klug nährt die katholische Kirche die Verehrung ihrer Tüchtigsten, lässt den Kult zuweilen auch ins abergläubische Kraut schießen. Je vergangener die Heiligen sind, so schien es den Gläubigen mit glühenden Gesichtern, desto bewährter müssen sie sein, wenn die Beispiele ihrer Menschlichkeit, nicht eines religiösen Artistentums vom Papst gerühmt werden. Die Verehrung durch die Zeiten ist ein demokratisches Argument. Früher betrachtete Joseph Ratzinger das theologisch nüchtern. Heute zelebriert er es fern von Rom in der brasilianischen Millionenmetropole.

„Die Kirche wankt nicht“

Das demokratische Massenargument gefällt dem Papst-Professor immer mehr. Das Geheimnis der großen katholischen Marienwallfahrtsorte, Guadelupe in Mexiko, Lourdes in Frankreich, Fatima in Portugal und eben Aparecida in Brasilien, auf halbem Weg zwischen São Paulo und Rio de Janeiro, ist nicht, dass die Bauten und Plätze dort so imposant und riesig sind. Das Geheimnis liegt darin, dass die weiten Räume dort von Menschen gefüllt werden und man ihnen kein anderes Programm als eine religiöse Botschaft mit nationaler Einfärbung anbietet. So wird am Sonntagvormittag in der gigantischen Basilika von Aparecida eine kleine Marienstatue zum nationalen Einigungssymbol, dem sich selbst Aufgeklärte nicht verschließen wollen. Sie würden sonst die kleinen Leute vor den Kopf stoßen, die zu Hunderttausenden auch von weit her gekommen sind, denen die Rührung die Sprache verschlägt und Tränen der Freude in die Augen treibt. So schallen Sprechchöre auf für den Papst, der die Bedürfnisse einer Volkskirche pflegt, der sich als Theologe nicht zu gescheit dünkt, am Samstag vor lauter Andächtigen das traditionelle Rosenkranz-Gebet wiederaufleben zu lassen - jenes Wiederholungs-Gebet, das nach dem Konzil von 1962 bis 1965 in Vergessenheit geraten war.

Folgt der Papst auch eigenen Vorlieben? Am Samstagvormittag besuchte er das religiöse „Unternehmen“ eines Paderborner Priesters für junge Leute in Schwierigkeiten, etwa 30 Kilometer von Aparecida entfernt. Bei Drogenproblemen, Alkoholmissbrauch, Schwangerschaften von Minderjährigen und anderen Hürden für das erwachsene Leben bietet es Hilfe an. Der deutsche Franziskaner-Ordensmann Hans Stapel widmet sich diesen Mädchen und Jungen in seiner „Fazenda de Esperanza“ seit fast 30 Jahren mit wachsender internationaler Verbreitung, offenbar wegen des steigenden Bedarfs. Die päpstliche Botschaft, in freundliche Worte verpackt: Die moderne Gesellschaft enttäuscht die Jugendlichen, und die Kirche muss die Schäden reparieren. Der Vorwurf ist unüberhörbar. Aber Benedikt lässt mit diesem Hell-Dunkel-Schema nicht locker, wiederholt den Satz des Kirchenvaters Augustinus aus der Antike: „Die Kirche wankt nicht.“



Text: F.A.Z., 14.05.2007, Nr. 111 / Seite 3
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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