23. Februar 2007 Die christlichen Inhalte zum Leuchten bringen: Ein Gespräch mit Bischof Wolfgang Huber über schrumpfende Gemeinden, das Werben um Andersgläubige und die Lehren aus dem Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Wittenberg.
Bischof Huber, mangelt es der Kirche hierzulande an einer gewissen Leidenschaft im Glauben, die anderswo, in China oder Südamerika, vorgelebt wird?
Der Protestantismus, den ich in China und Südamerika erlebt habe, ist zu einem guten Stück eine Religion ohne Aufklärung. In Europa aber sind wir durch die Aufklärung gegangen, die nicht rückgängig zu machen ist. Wir müssen immer beachten, dass wir die Leuchtkraft des Evangeliums, die Schönheit gelebter Spiritualität zum Ausdruck bringen und gleichzeitig im Bewusstsein behalten: Wir sind Christen, die die Aufklärung ganz bewusst bejahen.
Sie selbst haben von Tendenzen zur Selbstsäkularisierung innerhalb der Kirche gesprochen, von einer Überbetonung des Politischen, und in der Kritik an dem Zukunftskongress in Wittenberg schien dieser Konflikt mitzuschwingen.
Zunächst: In Wittenberg ist es uns gelungen, Menschen für den Gedanken zu begeistern, dass die Erneuerung der evangelischen Kirche aus dem Kern des christlichen Glaubens, aus dem Verkündigungsauftrag heraus erfolgen kann. Warum ist diese Botschaft so wichtig? Die Kirche schien lange fraglos zu funktionieren, Gottesdienste wurden gefeiert, die Konfirmation war unangefochten, das Kirchensteueraufkommen stieg, die kirchlichen Aktivitäten expandierten in viele gesellschaftliche Felder, ohne dass jeweils mit Sorgfalt gefragt wurde: Was bedeutet das für das geistliche Profil der Kirche? Das führte letztendlich zu dem Phänomen, das ich als Selbstsäkularisierung bezeichnet habe, und ich setze mich seit Mitte der neunziger Jahre für eine Kurskorrektur ein.
Hat die Kirche zu viele Traditionen preisgegeben?
Ja, die Preisgabe und Geringschätzung von bestimmten Traditionen auch durch die Kirche selbst kam hinzu. Jetzt aber suchen viele Menschen wieder nach Halt und Orientierung. Als Kirche müssen wir darauf antworten in einer Zeit, in der uns nichts mehr in den Schoß fällt.
Gleichwohl sind Sie bereit, gewachsene Kirchenstrukturen aufzugeben, Pfarrer aus schrumpfenden Gemeinden abzuziehen und stattdessen Profilgemeinden oder Online-Gemeinden zu fördern.
Das Wesentliche an den Traditionen des christlichen Glaubens sind seine Inhalte, nicht seine Strukturen. Und es muss viel stärker darum gehen, diese Inhalte zum Leuchten zu bringen. Wir sind verpflichtet, Strukturen überall dort zu bewahren, wo sie dieser Aufgabe dienen; wo sie ihr im Wege stehen, müssen wir sie ändern. Insofern gibt es für die evangelische Kirche keine heiligen Strukturen. Die Ortsgemeinde hat nach wie vor eine wichtige Funktion. Doch erreicht sie meist nur noch zwanzig Prozent der Christen. Die übrigen achtzig Prozent sind aber auch Christenmenschen, die ihren Glauben wichtig nehmen, ihn aber anders praktizieren. Die größere Flexibilität der Gesellschaft wirkt sich auch auf die Kirche aus. Wir haben, das ist zuzugeben, die Alternative zwischen Parochialgemeinde und Profilgemeinde zu sehr zugespitzt. Das ist eines der Ergebnisse der Diskussion in Wittenberg: Diese Alternative lassen wir hinter uns und kümmern uns mehr um das Profil unserer Ortsgemeinden.
Was ist daran neu?
Beispielsweise die Ermutigung dazu, sich in einer Region miteinander abzusprechen. Wenn es in einem Stadtteil nur Gemeinden gibt, die Kirchenmusik und Jugendarbeit betreiben, aber die diakonische Präsenz vernachlässigen, dann läuft etwas schief. Genauso wenig kann jede Gemeinde alles machen. Wenn sie nur wenige Jugendliche hat, sind die Gruppen für den Konfirmandenunterricht klein, der Aufwand sehr groß. Man kann darauf aber weitsichtig reagieren und mit anderen Gemeinden zusammenarbeiten. Das ist nicht revolutionär, hat aber erhebliche Auswirkungen. Vielleicht auch die, dass die einzelnen Aufgaben der Kirche mit mehr Freude am Glauben wahrgenommen werden.
Diese Freude, auch eine kraftvolle Predigt, vermissen viele Protestanten.
Wir wollen, dass die Qualität kirchlichen Lebens und Handelns erkennbar besser und besser erkennbar wird. Deshalb finde ich es auch gut, wenn Menschen ihre Enttäuschung über bestimmte Gottesdienste äußern. Vor fünf Jahren hätte ein Brief kaum Resonanz gefunden, der die Unterschriften von Berliner Künstlern und Intellektuellen trägt und der wegen eines bestimmten Gottesdienstes am Heiligabend nach der Qualität evangelischer Gottesdienste insgesamt fragt. Nur sollten wir auch hier nicht in die Falle des Zeitgeistes tappen. Es gibt eine zeitgeistige Sehnsucht nach einem Gottesdienst, der ästhetisch ansprechend und bilderreich, aber inhaltlich möglichst wenig anspruchsvoll sein soll. Wir wollen hingegen einen Gottesdienst, der von der Qualität der Predigt lebt wie auch von einer anspruchsvollen Liturgie mit schönen, sangbaren Liedern.
Nachdem der erwähnte Brief bekanntgeworden war, haben Sie Recherchen angekündigt. Was haben die ergeben?
Sie haben ergeben, dass es in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg unter maßgeblicher Beteiligung der Kinder des Gemeindekindergartens und ihrer Eltern einen Gottesdienst gab, der nicht Familiengottesdienst hieß, sondern als Kindermusical angekündigt war. In diesem lange vorbereiteten Gottesdienst gab es keine Predigt. In derselben Kirche fanden am selben Heiligen Abend aber Christvespern mit Predigten statt. Jeder, der sich vorher informiert hat, konnte wissen, um welche Art von Gottesdienst es sich handelte. Ganz gewiss unrichtig ist die Aussage, die ja auch in Ihrem Blatt gestanden hat, gerade zu Weihnachten habe die Kirche den Berliner Prominenten keinen ernstzunehmenden Gottesdienst geboten. Den vielen eindringlichen und gehaltvollen Gottesdiensten, die zu Weihnachen in unserer Kirche gefeiert wurden, wird eine solche Aussage auf keinen Fall gerecht.
Glauben Sie, dass die von Ihnen geforderte Vereinheitlichung der Gottesdienste deren Qualität zu steigern vermag?
Die Qualität der Gottesdienste hat zwei Dimensionen. Die eine ist die liturgische Qualität. Ich will einen Gottesdienst erleben, in dem nicht die einzelnen Elemente in wirrer Reihenfolge sich aneinander anschließen. Das andere ist die damit verbundene inhaltliche Qualität, die sich am Proprium des jeweiligen Sonntags orientiert, verbunden mit der Besonderheit des Anlasses. Dieses Stück an Objektivität der Form des Gottesdienstes verbindet sich dann mit einer unvertretbaren persönlichen Verantwortung, die vor allem in der Predigt, in den Gebeten, in der Auswahl der Lieder zum Ausdruck kommt. Es ist auch meine persönliche Erfahrung, dass die Möglichkeit, auf die besondere Situation einzugehen, umso gewisser gegeben ist, je klarer das Grundmuster ist.
Kritiker werfen Ihnen vor, der Vereinheitlichungswunsch sei Beleg für Zentralisierungstendenzen innerhalb der Kirche.
Es fällt mir schwer, das nachzuvollziehen, zumal die Beschreibung, die ich verwendet habe, Ergebnis des Wittenberger Kongresses ist. Und Wittenberg war kein zentralistisches Parlament, sondern eine Zusammenkunft der jeweils in ihrer Landeskirche Verantwortlichen sowie der in den Landeskirchen an Reformprozessen besonders Interessierten. Die gemeinsame Aussage war: Wir wollen, dass die Gottesdienste noch besser werden. Das ist doch kein Ausdruck von Zentralismus.
Der Zentralismusvorwurf hat sich vor allem an Vorschlägen zur Fusion kleinerer Landeskirchen entzündet.
Zunächst muss man festhalten, dass die bisherigen Überlegungen zu Kooperationen oder Fusionen von Landeskirchen von diesen selbst kommen. Die EKD ist dazu rechtlich gar nicht in der Lage. Und wenn wir in Zukunft tatsächlich nur noch zwölf statt dreiundzwanzig Landeskirchen haben, dann haben wir doch nicht einen größeren Zentralismus in der Evangelischen Kirche in Deutschland, sondern eine größere Dezentralisierung. Natürlich sehe ich, dass die Überlegungen in unserem Perspektivpapier etwas Provozierendes hatten. Auch da hat es aber Klärung gegeben. Das Entscheidende hat Bischof Friedrich Weber aus Braunschweig gesagt: Größe allein ist keine zureichende Aussage über die Qualität einer Landeskirche. Das war hilfreich.
Das Werben um die, die getauft sind, aber nie in die Kirche gehen, gar das Werben um Andersgläubige scheint uns in der evangelischen Kirche aber nicht sonderlich ausgeprägt.
Wir sollten auch diejenigen nicht vergessen, die getauft sind, aber aus der Kirche ausgetreten sind und sich nun schwer tun, den Schritt rückgängig zu machen. Wir haben in der Tat in unserer evangelischen Kirche eine gewisse Zurückhaltung, direkt auf diese Menschen zuzugehen.
Warum?
Ich glaube, es widerspricht einer in unseren Gemeinden tief verwurzelten Mentalität. Wir sind Kirche in einer Kultur, die bislang selbstverständlich an den christlichen Glauben gewöhnt war. Sich auf eine Situation umzustellen, in der wir es mit vielen Menschen zu tun haben, denen der Glauben ungewohnt oder unvertraut ist, braucht Zeit und Kraft. Historiker sagen, dass der Wandel von Mentalitäten ein langsamer Prozess ist, aber wenn man einen schnellen Wandel im Verhältnis der Menschen zu Glaube und Kirche erlebt, dann wächst die leidenschaftliche Hoffnung, dass wir schneller und fröhlicher, zuversichtlicher und glaubensgewisser auf diese Menschen zugehen.
Die Fragen stellten Regina Mönch und Heinrich Wefing.
Text: F.A.Z., 23.02.2007, Nr. 46 / Seite 42
Bildmaterial: F.A.Z.-Christian Thiel