Es waren nur etwa hundert Personen, die in der vorigen Woche gegen den Besuch des Papstes Benedikt XVI. in der Türkei in dieser Woche demonstrierten; doch der Ort, an dem das geschah, hätte symbolträchtiger nicht sein können: Es ereignete sich nahe der Hagia Sophia, der Kirche der Heiligen Weisheit. Wie kein anderes Bauwerk Istanbuls, des ehemaligen Konstantinopel, steht die Hagia Sophia für den islamisch-christlichen Antagonismus, jedoch auch, obzwar nur bisweilen, für die Vermittlung zwischen beiden Weltreligionen und abendländischer und morgenländischer Kultur.
Bis zur Erbauung des Petersdoms zu Rom im 16. Jahrhundert war die Hagia Sophia, die in ihrer jetzigen Gestalt unter Kaiser Justinian im sechsten nachchristlichen Jahrhundert errichtet wurde, die größte und prachtvollste Kirche der Christenheit. Nach der Eroberung durch die osmanischen Türken am 29. Mai des Jahres 1453 wurde die Kirche die Hauptmoschee der neuen osmanischen Hauptstadt am Bosporus; sie blieb es, bis Mustafa Kemal Atatürk die Kirche in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Zuge seiner Modernisierungs- und Verweltlichungskampagne in ein Museum umwandelte. Seit vielen Jahren schon, und unabhängig vom Besuch des Papstes, versuchen besonders Fromme unter den Muslimen zu erreichen, daß sie für das öffentliche Gebet, vor allem am Freitag, wieder geöffnet werde.
Die byzantinische Vergangenheit der Türkei
Der Papstbesuch gilt offiziell dem einladenden Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., der im Istanbuler Patriarchat am Goldenen Horn residiert. Er repräsentiert nur noch wenige tausend orthodoxe Christen, wird jedoch von den übrigen etwa dreihundert Millionen orthodoxer Christen außerhalb der Türkei als geistliches Oberhaupt anerkannt. In der Türkei selbst sind 99 Prozent der Bevölkerung Muslime, Christen gibt es nur noch etwa 100.000. Die meisten, etwa 65.000, gehören der armenischen Kirche an. So lenkt der erste Besuch des Papstes in einem nichtwestlichen, muslimischen Land den Blick des Westens nicht nur auf den Zusammenprall der Kulturen, sondern auch auf die byzantinische Vergangenheit der Türkei, auf ein christliches Großreich, das etwas länger als elf Jahrhunderte bestand, bis es schließlich dem Islam anheimfiel. Symbol dafür sind jene vier ziemlich klobigen Minarette, die man in islamischer Zeit der Hagia Sophia hinzufügte.
Gegründet worden war die Stadt am Bosporus, der Rinderfurt, schon unter dem Griechen Byzas als Kolonie der antiken Megarer. Nachdem Sultan Mehmet Fatih (Der Eroberer, Öffner für den Islam) die Stadt erstürmt hatte, betrat er selbst die Kirche, verrichtete dort das Ritualgebet und machte sie zur Moschee. Der Fall Konstantinopels ist viele Male geschildert worden. Edward Gibbon, Stefan Zweig, Stephen Runciman und viele andere haben diese Epochenschwelle gedeutet, die alljährlich am Jahrestag der Erstürmung zwischen den Resten der alten byzantinischen Landmauer bei der Kerkoporta von türkischen Laienschauspielern nachgestellt wird.
Eine Epochenschwelle war es gewiß: Das Zweite Rom - so einer der Beinamen Konstantinopels - übergab den Stab später sinnbildlich an das Dritte Rom, Moskau. Und der Islam hatte endlich jenes christliche Reich besiegt und Geschichte werden lassen, mit dem er seit seiner Entstehung im ersten Drittel des 7. Jahrhunderts im Kampf gelegen hatte. Byzanz, weniger die westliche Christenheit, war von Beginn an der natürliche Gegner des Islams gewesen. Sechsmal versuchten die Araber, Konstantinopel zu erobern, ehe es den Osmanen schließlich gelang. Grenzkriege, geführt von islamischen Mudschahidin und byzantischen Akritai, und politische Bündnisse zwischen Byzantinern und türkischen Seldschuken, prägten über Jahrhunderte die Geschicke Kleinasiens. Der Islam war schon nach dem Sieg des Seldschuken-Sultans Alparslan über Kaiser Romanos Diogenes im Jahre 1071 bei Mantzikert (Malazgird) in Ostanatolien in diese seit Jahrhunderten christliche Region eingedrungen.
Im Westen stand Byzanz lange Zeit in geringem Ansehen. Das lag nicht allein an dem 1054 endgültig vollzogenen Schisma zwischen West- und Ostkirche, Rom und Byzanz, sondern auch an dem orientalisch-fremd erscheinenden Charakter dieses Reiches und seiner kirchlichen wie weltlichen Institutionen. Intrigen, Verrat und Grausamkeit, dazu eine offenkundig intransigente, ganz auf Mystik ausgerichtete theologische Statik, deren künstlerischer Ausdruck der Goldgrund wurde, prägten das pejorative Wort vom Byzantinismus.
Auf den Spuren Kaiser Konstantins
Seit Jacob Burckhardt und vor allem Georg Ostrogorsky sind diese Urteile revidiert worden. Große byzantinische Herrschergestalten wie Theodosios, Justinian und Theodora, Heraklios, Irene, Theophano, Tsimiskes und viele andere werden heute gerechter beurteilt. Das gilt auch für Kaiser Konstantin selbst, der den Aufstieg seiner Stadt ermöglichte, das Reich von Ost-Rom recht eigentlich gründete und das bis dahin im Römischen Reich verfolgte Christentum emanzipierte, bevor Kaiser Theodosios es wenige Jahrzehnte später zur Staatsreligion erhob. Auf Konstantins Spuren trifft man im europäischen Teil des modernen Istanbul an vielen Stellen. Am sichtbarsten ragt die Konstantins-Säule (Çemberli Tas) in der Nähe des Großen Basars bis heute in den Himmel. Sie trug einst ein Standbild des Kaisers.
Wie vielen Christen heute ist (noch) bewußt, daß der Papst nun Städte und Stätten besucht oder doch wenigstens an sie erinnert, an denen der christliche Glaube zu dem geworden ist, was er bis heute darstellt? Hauptsächlich in Kleinasien fanden jene wichtigen Konzilien statt, auf denen die theologischen Auseinandersetzungen der ersten Jahrhunderte einer Klärung zugeführt wurden. Dafür stehen Namen wie Ephesos, Chalkedon (heute als Kadiköy ein kleinasiatischer Vorort Istanbuls) und Nizäa (heute Iznik) in der Umgebung Konstantinopels. Es ging dabei um die Natur Christi, um die Beziehung des Sohnes zum Vater, um Wesensgleichheit oder -ähnlichkeit, um das Dogma von der Trinität, der göttlichen Dreifaltigkeit.
Die kleinasiatischen Wurzeln des Christentums reichen aber noch tiefer. Der Apostel Paulus, selbst aus Tarsos stammend, richtete einen Großteil seiner Briefe an die jungen Gemeinden in Kleinasien. Das Johannesevangelium entstand um das Jahr 100, spätestens im Jahr 110, auf der kleinasiatischen Insel Patmos. Und in der Nähe von Selçuk/Ephesos wird heute nach Ausgrabungen, die auf die Äußerungen einer stigmatisierten Nonne zurückgehen, das Wohn- und Sterbehaus von Maria, der Mutter Jesu, verehrt - auch übrigens von den Muslimen.
Die Auseinandersetzungen über dogmatische Fragen setzten sich übrigens im Byzantinischen Reich selbst fort und spielten bis in die hohe Politik hinein. So repräsentierte Kaiser Justinian (gestorbe 565) auf dem Höhepunkt seiner Herrschaft, als die Byzantiner fast das gesamte Mittelmeer beherrschten, die Lehren der byzantinischen Reichskirche. Kaiserin Theodora (gestorben 548) hingegen ergriff für die Monophysiten Partei, deren wichtigstes Zentrum Ägypten war. Justinian war auf dem Balkan geboren worden, während Theodora dem Milieu der Lilioms auf dem Hippodrom Konstantinopels entsprungen war.
Das Hippodrom, heute zwischen der Blauen Moschee und der Hagia Sophia ein Tummelplatz der Flaneure türkischer wie auswärtiger Herkunft, war Zentrum der sportlichen Pferdewettkämpfe, aber auch der Politik. Dort konnte sich das Schicksal des Kaisers entscheiden, dort brachen unter den Anhängern der verschiedenen Sportfraktionen häufig auch gefährliche politische Unruhen aus. In osmanischer Zeit fand dies übrigens seine Fortsetzung in den Reiterspielen der Türken (Cerid), aber auch in politischen Kundgebungen. So ließ Sultan Mahmud II. im Jahre 1826 Tausende Janitscharen auf dem At Meydan (Hippodrom) niederkartätschen, als sie sich gegen seine Reformpläne auflehnten.
Der Vierte Kreuzzug
Das Zweite Rom fiel den Osmanen übrigens wie eine reife Frucht in den Schoß. Schuld daran war auch der Vierte Kreuzzug, der das Reich in einer Weise geschwächt hatte, von der es sich nicht mehr erholte. Im Jahr 1204 hatten die Venezianer, angeführt und angestachelt von dem greisen, neunzig Jahre alten Dogen Dandolo, einer Figur, die Machiavellis Principe zum Vorbild hätte dienen können, den Kreuzzug von Palästina nach Konstantinopel umgeleitet. Dort, bei den vermögenden Ketzern, versprach man sich reichere und auch einfacher zu erlangende Beute als bei den Muslimen, die seit den Taten des Sultans Saladin auch militärisch erstarkt waren. Das Kaiserhaus der Komnenen floh von Konstantinopel nach Trapezunt (heute Trabzon) an der Schwarzmeerküste, wo es sechzig Jahre verweilen mußte - so lange währte das Lateinische Kaiserreich von Konstantinopel.
Nach der Rückkehr der rechtmäßigen Kaiser wollte die frühere Stärke nicht wiederkehren. Die spätbyzantinischen Mosaiken des Chora-Klosters (heute Kahriye-Moschee) künden von einer späten, dekadent-überfeinerten Blüte der Kunst, doch das Reich war seinem muslimischen Gegner militärisch nicht mehr gewachsen und schmolz territorial immer mehr zusammen. Die Osmanen hatten längst den größten Teil des Balkans erobert, ehe sie auch die Stadt Konstantins einnehmen und eine Ära beenden konnten. Der letzte Kaiser trug übrigens wie der erste den Namen Konstantin. Er war unter den Gefallenen einer militärisch aussichtslosen Verteidigung, bei der sich höchstens zehntausend Mann, von der westlichen Christenheit kaum unterstützt, gegen zweihunderttausend Belagerer zur Wehr setzen müßten.
Doch so sehr der Fall Konstantinopels das Ende einer Epoche bedeutete, so wenig galt das für die Existenz der Christen oder auch der Griechen im nun zur Weltmacht gewordenen Osmanischen Reich. Der Sultan handelte nach seinem Sieg, wie das islamische Gesetz es vorsah: Er ließ den Patriarchen Gennadios zu sich kommen und sagte ihm die Autonomie seiner Gemeinde zu.
Osmanische Toleranz
Tatsächlich übten die Osmanen, getreu dem sogenannten Millet-System, gegenüber den unterworfenen religiösen Gemeinschaften eine Toleranz, die zwar dem Toleranzbegriff der europäischen Aufklärung oder gar der säkularisierten Moderne nicht entspricht, zu jener Zeit aber doch erstaunlich war. Gegen Zahlung einer Kopfsteuer konnten die verschiedenen millet oder religiösen Gemeinschaften, darunter Juden, Armenier, orthodoxe Griechen, als Schutzbefohlene (zimmi) im Schatten des Padischah und Großherrn im allgemeinen sicher leben. Zwar waren sie Untertanen zweiter Klasse, konnten aber ihren Kult ausüben, ihre Patriarchen und Gemeindeführer wählen, die Angelegenheiten ihrer millet selbständig regeln und blieben vom Kriegsdienst befreit.
So ließen sich die Juden, die nach der Reconquista ausgangs des 15. Jahrhunderts die Iberische Halbinsel verlassen mußten, vor allem in der Gegend um Saloniki, in der Hauptstadt selbst und bei Smyrna (heute Izmir) nieder und entfalteten ein blühendes Gemeindeleben. Doch auch die orthodoxen Griechen lebten unter den Osmanen nicht schlecht. Die Sultane gaben etwa den Phanarioten aus dem Viertel des Patriarchats in Konstantinopel/Istanbul große Teile der unterworfenen Walachei zu Lehen. Dort konnten sie weitgehend unbehelligt herrschen, insofern sie nur die Oberhoheit des Sultans anerkannten. Auch die Hierarchie des Reiches war vergleichsweise durchlässig. Ethnische Vorurteile gab es so gut wie gar nicht. So waren nicht wenige Griechen unter den führenden Leuten des Staates. Der fähigste Großwesir unter Süleyman dem Prächtigen (1521-1566) war Ibrahim Pascha, ein Grieche von der Insel Lesbos, der freilich zum Islam konvertiert war. In diesem goldenen Zeitalter der Osmanen wurde dann auch die christliche Hagia Sophia zum baulichen Vorbild für die Großkuppelmoscheen Istanbuls, die wir noch heute bewundern. Die besten von ihnen gehen auf den Baumeister Sinan zurück, der so architektonisch zwischen beiden Religionen vermittelte.
Im neunzehnten Jahrhundert wurden die religiösen Minderheiten angesteckt vom Virus des Nationalismus, der aus Europa kam, vor allem vom Balkan. Die Osmanen schlugen Aufstände grausam nieder. 1831 erlangten die Griechen auf einem Teil ihres Festlandes nach einem blutigen Befreiungskrieg, mit dem die Europäer sympathisierten und den die Russen massiv unterstützten, ihre Unabhängigkeit. Die nationale Gärung ließ sich nicht mehr stoppen, bis sie zu den katastrophalen Zuständen am Ende des Osmanischen Reiches führte. Während des Ersten Weltkrieges schon traf es die Armenier. Im Zuge staatlich angeordneter Deportationen kamen die zu Hunderttausenden um.
Als das Osmanische Reich zusammenbrach, betrug die Zahl der Christen jedoch noch immer etwa 20 Prozent, Griechen bevölkerten noch immer große Teile Istanbuls und der Westküste im Gebiet von Smyrna, dazu die Region Pontos am Schwarzen Meer. Doch eine verhängnisvolle Fehlkalkulation in Athen führte zur Katastrophe für die orthodoxen Christen und die Griechen insgesamt, die seit annähernd dreitausend Jahren an der Westküste Kleinasiens, in Ionien, heimisch waren. Unter der Führung des Ministerpräsidenten Eleftherios Venizelos wollte Griechenland die Agonie der osmanischen Türkei, den völligen Zusammenbruch des Sultanats nutzen, um die megali idea zu verwirklichen: die Wiedererrichtung von Byzanz. Die Griechen landeten mit einer Armee in Kleinasien und stießen zunächst weit auf das anatolische Territorium vor, bis sie in zwei Schlachten vernichtend geschlagen und zurückgetrieben wurden. Izmir, das antike Smyrna (und vielleicht die Heimat Homers), ging in Flammen auf, viele Tausende Griechen flohen oder wurden nach Griechenland vertrieben. Auch die Gemeinschaft der Pontos-Griechen überlebte den Krieg nicht.
Bevölkerungsaustausch und Umsiedlung
Aus den Trümmern dieser Katastrophe schuf Atatürk die neue Republik Türkei. Im Jahr 1923 wurde in den Verträgen von Lausanne ein Bevölkerungsaustausch vereinbart: Die noch in Griechenland lebenden Muslime wurden zu Türken erklärt, die noch in Kleinasien befindlichen Orthodoxen zu Griechen. Die Minderheiten mußten ihre Länder verlassen, nur wenige blieben zurück. In Griechenland sind das die Türken im westlichen Thrazien, in der Türkei die wenigen verbliebenen Orthodoxen, deren Zahl freilich durch den Pogrom des Jahres 1955 in Istanbul noch zusätzlich vermindert wurde. Damals vertrieb ein aufgehetzter türkischer Mob die letzten Griechen aus den multikulturellen Stadtteilen Galata und Pera.
Die gegenwärtige Lage des orthodoxen Patriarchats läßt vieles zu wünschen übrig. Zwar hat es in den vergangenen drei Jahren unter dem Druck der Europäischen Union einige Verbesserungen gegeben, doch das Priesterseminar auf den Prinzeninseln ist noch immer geschlossen. Der Erwerb und der Ausbau von Immobilien unterliegt noch immer Beschränkungen. Das gilt auch für den Bau neuer Kirchen, der sich im Zweifel trotz einiger behördlicher Lockerungen schwierig gestaltet. Der Übertritt eines muslimischen Türken zu einer christlichen Konfession ist äußerst selten und im Grunde nicht erwünscht. Trotz der Reformen Atatürks setzen sich die Türken weitgehend mit dem Islam gleich, auch wenn die individuelle Frömmigkeit fehlen mag. Die Identifikation mit der Lehre des Propheten Mohammed bleibt erhalten.
So hat die Moderne mit ihrem oft überbordenden Nationalismus orthodoxe Christen und Muslime in der Türkei, dazu die Nationen der Türken und der Griechen noch weitaus stärker entzweit als die Jahrhunderte nach dem Fall Konstantinopels. Zwar ist es unangebracht, die Verhältnisse jener Tage zu idealisieren, doch lebten in Kleinasien in vielen Dörfern und Städten Christen und Muslime oft friedlich zusammen. Auch heute kommt es in Istanbul gelegentlich zu Verbrüderungsszenen zwischen Türken und griechischen Touristen, die die Heimat ihrer Väter besuchen. Ich bin Grieche kraft Herkunft, als Türke geboren und nun amerikanischer Staatsbürger, sagte einmal der berühmte amerikanische Regisseur Elia Kazan, dessen Familie von der kleinasiatischen Küste stammte. Er selbst setzte ihr in dem Roman Der Anatolier ein ergreifendes Denkmal. Von diesen Zeiten ist man heutzutage meilenweit entfernt.
Text: F.A.Z., 28.11.2006, Seite 8
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