Evangelischer Kirchentag

Ohne Gewalt, Stacheldraht und Zaun

Von Thomas Holl, Köln

Perfekte Begeisterung - mit einem extra “Cheese“ für die Kameras

Perfekte Begeisterung - mit einem extra "Cheese" für die Kameras

07. Juni 2007 Solch ein wohlgesinntes Publikum, darunter reichlich Jungwähler, wünscht sich jeder Politiker. Kaum sind die Salsa- und Calypsoklänge der Brandenburger Sakral-Pop-Band „Patchwork“ verklungen, erklimmt Außenminister Frank-Walter Steinmeier quasi als Überraschungsgast die Kanzel auf der großen Holzbühne und begrüßt Zehntausende, bestens gelaunte Protestanten, die gerade auf den Poller Wiesen am Kölner Rheinufer den Eröffnungsgottesdienst des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentags mit Gebeten und fröhlichen Kirchenliedern gefeiert haben.

Der sonst eher spröde, fast schüchtern wirkende SPD-Politiker verkündet mit donnernder Stimme und via Riesenvideoleinwand - auch in der letzten Reihe 1000 Meter weiter hinten gut sichtbar - eine Botschaft, die als Distanzierung zu dem von Bundeskanzlerin Angela Merkel organisierten, abgeschotteten G-8-Gipfeltreffen in Heiligendamm verstanden werden kann: „Hier in Köln werden Argumente ohne großes Polizeiaufgebot, Gewalt, Stacheldraht und Zaun ausgetauscht.“

Wohlwollender Beifall, fast mehr als bei SPD-Parteitagen, brandet in der riesigen Menge auf, in der die orangen Kirchentagstücher und teils trendigen Frisuren der zumeist jugendlichen Christen einen Hauch von Love Parade vermitteln. Und dann verkündet Steinmeier im pathetischen Stil der Afrika-Retter Bono und Sir Bob Geldof, aber mit dem Habitus des deutschen Chefdiplomaten im schwarzen Anzug sein Verständnis von „Weltinnenpolitik“: „Wir sitzen alle in einem Boot - ob wir in Europa, Afrika oder Asien geboren sind. Ich hoffe, dass diese Botschaft von Köln ausgeht.“

Grüße von der anderen Seite

Als Landespolitiker protokollarisch rangniedriger eingestuft, darf Jürgen Rüttgers erst das zweite politische Grußwort an die evangelischen Gäste im katholischen Köln richten. Der CDU-Ministerpräsident, der sichtlich missvergnügt der ausgedehnten Rede des nicht im Programm vorgesehenen Steinmeier lauschen muss, zieht ebenfalls die soziale Anti-Globalisierungskarte, um noch ein wenig Restbeifall einzuheimsen. Der selbsternannte CDU-„Arbeiterführer“ zitiert wieder einmal den großen Sohn Kölns und Übervater seiner Partei, Konrad Adenauer. In Zeiten des alles verschlingenden Materialismus drohe der Mensch als Maß und Mitte verlorenzugehen.

Den richtigen Ton bei den im Rheinland in der Diaspora lebenden Protestanten trifft Joachim Kardinal Meisner, der die „lieben Schwestern und lieben Brüder“ mit hörbarer Freude in der Stimme in seinem Erzbistum Köln willkommen heißt. „Unser Dom grüßt von der anderen Rheinseite herüber und erinnert uns daran, dass seit dem 2. Jahrhundert hier das Gotteslob ununterbrochen gefeiert wird. Wir sind sein Volk, das ist die Botschaft des Doms.“

Eine Kerze aus Bad Doberan

Nachdem auch noch Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma an diesem warmen Frühsommerabend die Protestanten, darunter viele aus Norddeutschland, begrüßen darf, wird der Kirchentag in der Hochburg des Karnevals endgültig zum „Event“, wie es die Generalsekretärin des Kirchentags, Ellen Ueberschär, schon vor Beginn angekündigt hatte.

Selbst der als SPD-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt meist gramgebeugt aufgetretene Reinhard Höppner ist nicht wiederzuerkennen. Ausgesprochen heiter, ja fast aufgekratzt zelebriert er als Kirchentagspräsident ein evangelisches Treffen, dessen politische Hauptbotschaft, als Christ entschieden für Menschenwürde und Gerechtigkeit in einer globalisierten Weltwirtschaft einzutreten, den Nerv vieler Besucher trifft. „Ich habe eine Kerze aus dem ökumenischen Gottesdienst in Bad Doberan mitgebracht. Diese Kerze soll eine Brücke bauen zwischen Köln und Heiligendamm.“

Ein Mini-Konzert der nicht nur in ihrer Heimatstadt Köln populären A-Cappella-Band „Wise Guys“ löst nach all den Politikerreden und Grußworten eine Stimmung wie auf einem Pop-Festival aus. Die fünf Kölsche Jungs, darunter drei Katholiken und ein evangelischer Pfarrerssohn, hatten nach ihrem umjubelten Auftritt beim Kirchentag in Hannover 2005 diesmal das offizielle Kirchentagslied „Lebendig und kräftig und schärfer“ komponiert und gesungen. Und nachdem sie die evangelischen Massen mit einem Schunkel-Hasser-Song erst recht zum Schunkeln gebracht haben, geht die Glaubensparty wie schon zwei Jahre zuvor beim Katholischen Weltjugendtag erst richtig los.

Beim „Abend der Begegnung“ mit Zehntausenden Gästen in der Altstadt, mit einem rot leuchtenden Fisch als Symbol der Christenheit an der Hohenzollernbrücke über den Rhein und mit einem Lichtermeer aus Kerzen an beiden Seiten des Flussufers stimmt sich der Kirchentag auf die mehr als 3000 Veranstaltungen bis Sonntag ein.

Bionade und Müsli

In der Altstadt rund um den Dom mischen sich die in Gruppen zu zehn oder zwanzig nachtschwärmenden Protestanten mit den notorisch ausgehfreudigen Rheinländern, die mit viel Kölsch und Karnevalsgesängen im Juni in den arbeitsfreien katholischen Feiertag Fronleichnam hineinfeiern. Eine Atmosphäre wie im Fußball-Sommermärchen von 2006, nur mit mehr Bionade als Alkohol, legt sich über das nächtliche Köln.

Seit Mittag sind Lena Knoten und Maren Gruber aus Berlin als „Helfer“ unterwegs, um die orangen Tücher und Schals mit der Aufschrift „Globalisierung neu denken“ gegen eine Spende von zwei Euro unters Kirchenvolk zu bringen. Gut 500 Stück haben die 24 Jahre alte Biologiestudentin Lena und ihre fünf Jahre jüngere Freundin Maren verkauft, die eine Ausbildung als Erzieherin macht. Beide tragen wie Tausende andere auf diesem Kirchentag eine Pfadfinderuniform.

Maren, deren Pfadfindername „Müsli“ lautet, und Lena gehören dem nicht konfessionell gebundenen Deutschen Pfadfinderbund an, deren Mitglieder an den graublauen Hemden und den grauroten Knotentüchern zu erkennen sind. Ihre Mädchengruppe heißt „Jeanne d´Arc“, und sie sind in alter Pfadfindertradition hier, um „zu helfen“.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa

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