Fern vom Weltjugendtag

Public Viewing im heiligen Hain

Von Daniel Deckers

Frühaufsteher im Weltjugendtagscamp in Altenberg im Bergischen Land

Frühaufsteher im Weltjugendtagscamp in Altenberg im Bergischen Land

17. Juli 2008 Den Papst gibt's zum Frühstück. Jedenfalls für die hundert, vielleicht hundertfünfzig Jugendlichen, die sich nach einer kurzen und klammen Nacht im Innenhof des ehemaligen Kreuzgangs des ehemaligen Zisterzienserklosters Altenberg in der Nähe von Köln eingefunden haben. Auf der Videoleinwand im Hintergrund der Bühne, auf der im Anschluss an den spätabendlichen Eröffnungsgottesdienst im "WJT-Camp Altenberg" noch ein kleines Festival stattgefunden hatte, tickt eine überdimensionale Uhr: Es geht auf 17 Uhr zu - Sydney time. Die Uhrzeiger der Daheimgebliebenen sagen: Jetzt geht's los.

Drei Jahre liegt der vorige internationale Weltjugendtag zurück. Im August 2005 hatte er eine in die Million gehende Zahl Jugendlicher und junger Erwachsener aus fast allen Ländern der Erde nach Deutschland geführt. Wenige Monate zuvor war Papst Johannes Paul II. gestorben. Nachfolger des charismatischen Initiators der Weltjugendtage wurde ein Deutscher, Joseph Kardinal Ratzinger. In seiner Heimat hatte die Jugend der Welt Benedikt XVI., dem Papst aus Deutschland, einen triumphalen Empfang bereitet.

Reise zu kostspielig

Ein Heimspiel ist der Weltjugendtag in Australien für das Oberhaupt von mehr als einer Milliarde Katholiken nicht. Auch die Zahl der Pilger, die sich diesmal aufgemacht haben, um in Gemeinschaft mit dem Papst ein Fest des Glaubens zu feiern, ist längst nicht so groß wie vor drei Jahren. Von der Alten Welt aus betrachtet, ist Australien zwar der entlegenste Kontinent, aber gerade deswegen umso reizvoller.

Doch die mehrwöchige Reise von Deutschland aus würde mit zwei-, wenn nicht drei- bis viertausend Euro so kostspielig werden, dass viele den Gedanken schnell verwarfen, den Papst "down under" wiederzusehen - auch wenn sie vor drei Jahren in Köln oder bei den vorangegangenen "Tagen der Begegnung" in den 27 deutschen Diözesen Feuer gefangen hatten.

Ein Heimspiel anderer Art

Für sie, so dachten sich die Verantwortlichen der katholischen Jugendarbeit von Nord nach Süd und Ost bis West, sollte der Weltjugendtag in Australien mit einem Heimspiel anderer Art einhergehen: Mitfeiern vor Großbildleinwänden, Zeltlager und Nachtgebete bis hin zu mehrtägigen Zusammenkünften wie dem "WJT-Camp Altenberg" mit allem, was zu einem solchen "Event" an der Schnittstelle von Glauben und Leben dazugehört: Musik und Stille, Gespräch und Gebet, Tanz und Gesang.

Doch liegt es nicht nur an der Kälte und der relativ frühen Stunde, dass in Altenberg an diesem Donnerstagmorgen noch keine rechte Stimmung aufkommen will. Denn nicht nur an der aufwendigen Vorbereitung gemessen, ist die Zahl der Dauerteilnehmer mit wenigen hundert deutlich niedriger als erwartet. Doch die Kölner Organisatoren haben es sich nicht verdrießen lassen: In anderen Bistümern, darunter in Trier und Münster, wurden ähnliche Veranstaltungen mangels verbindlicher Anmeldungen sogar abgesagt. "Jesus Christ, you are my life", schallt es aus den Lautsprechern im Schatten des gotischen Altenberger Doms. Die wenigsten singen schon wieder mit.

„Der Papst ist gut drauf“

Um kurz nach neun springt der Funke kurz über: Pfarrer Johannes Meißner, der Diözesankurat der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg und Organisator der Veranstaltung, ist per Telefon mit dem Kölner Diözesanjugendseelsorger Mike Kolb verbunden. Der steht im Hafen von Sydney unweit der Altarinsel, auf der Papst Benedikt zu diesem Zeitpunkt schon Platz genommen hat. Kolb kann den Daheimgebliebenen mitteilen: "Der Papst ist gut drauf für seine 81 Jahre." Davon können sich die Daheimgebliebenen bald mit eigenen Augen überzeugen.

In Altenberg geht die Eröffnungsfeier per Videoleinwand über die Bühne. "Wie die Bilder sich gleichen", bemerkt Pfarrer Meißner angesichts der Szenen auf dem Schiff, auf dem Benedikt XVI. in den in winterlich-mildes Abendlicht getauchten Hafen von Sydney gleitet. Vor drei Jahren stand er im deutschen Hochsommer auf der "Rhein-Energie".

Wiederholungen gibt es nicht

Doch richtige Wiederholungen gibt es nicht, weder für ihn noch für die, die bis Sonntag in Altenberg Wolken und Regen trotzen wollen, noch für die, die sich zum Wochenende hin hier noch einfinden werden. Auch das Wort von der "Nachhaltigkeit" von Weltjugendtagen kommt Pfarrer Meißner nicht über die Lippen. Er spricht lieber von der "Wirksamkeit" von einmaligen Ereignissen wie dem Weltjugendtag in Köln. Erwartungen wie die einer umfassenden religiösen Erneuerung des Landes oder auch nur der Jugendarbeit seien von vornherein illusionär gewesen.

Aber viele, die dabei gewesen seien, hätten sich in ihrem Christsein ermutigt und bestärkt gefühlt - was sie drei Jahre später nicht zwangsläufig nach Australien oder auch "nur" in ein WJT-Camp wie das nach Altenberg oder ins thüringische Leinefelde führt. Der Sommer ist noch immer eine Hochzeit von Ferienfreizeiten der Pfarreien und - im Osten - der Religiösen Kinderwochen. Auch dort wird der Glaube gelebt und gefeiert - Weltjugendtag hin oder her.

„Komme, wann Du willst“

So bietet sich auch in Altenberg das vertraute und erstaunlich beständige Bild katholischer Jugend und Jugendarbeit. Die Pfadfinder organisieren, Sportverbände laden zur Ertüchtigung, die Malteser sorgen für das leibliche Wohl, es wird afrikanisch getrommelt und auf Englisch gesungen. Zwang ist ein Fremdwort: "Komme, wann du willst, bleib, solang' es dir passt", heißt es noch bis Sonntag. Doch die Hinweistafeln auf unvermeidliche Workshops sind nicht alles: Hinter dem Chor des Altenberger Doms lädt ein "heiliger Hain" zu Gebet und Meditation ein, schon am Mittwoch wurde dort eine "Klagemauer" errichtet. In den Workshops sind Gespräche über Tod und Sterben wie über Sexualität, Partnerschaft und Aids ebenso wenig tabu wie das Glaubensbekenntnis.

Meißner erkennt darin eine Wirkung des vorangegangenen Weltjugendtages: Viele Verantwortliche in der Jugendarbeit hätten ihre Zurückhaltung aufgegeben, über genuin religiöse Themen zu sprechen. Auf der Bühne fordert eine gutgelaunte Moderatorin die Teilnehmer des Camps auf, per Mobiltelefon ein "Zeugnis" an eine Internetseite zu schicken. Auf www.ueber-zeugen.de ist kurz darauf zu lesen: "Ich bin Zeuge, dass der Glaube an das Gute Kraft und Zuversicht gibt."

Text: F.A.Z.

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