Von Heike Schmoll
11. Juni 2007 Der Kirchentag stand keineswegs im Schatten des G-8-Gipfels, ganz im Gegenteil. Der Blick nach Heiligendamm schärfte den Blick der Protestanten für die Zukunft der Welt. Sie zeigten sich dabei weder politikverdrossen noch diskussionsmüde. Wie ein roter Faden zog sich die Frage nach der Verantwortung in der Gesellschaft und in der Welt durch alle Veranstaltungen. Die gewalttätigen Demonstranten verschonten den Kirchentag.
Als einige Randalierer nach dem Ende des Gipfels versuchten, das Gespräch der Bundeskanzlerin, die mit der Natürlichkeit der bibelfesten ostdeutschen Pastorentochter auftrat, mit Friedensnobelpreisträger Yunus aus Bangladesch zu stören, musste nicht einmal die Geheimwaffe des Kirchentags, der Posaunenchor, zum Einsatz kommen. Das Auditorium selbst forderte sie zum Abzug auf. Solche friedlichen Auseinandersetzungen und Konfliktlösungen gehören zu den unübersehbaren Stärken der protestantischen Großveranstaltung, die dieses Mal unter dem Motto Lebendig, kräftig und schärfer“ stattfand.
Beifall für die Lutherbibel
Dass dieser verharmloste, zu einem Werbespruch geronnene Slogan aus einem harten Vers im Hebräerbrief eine geringe Rolle spielte, verwundert nicht. Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist“, heißt es eigentlich. Auch wenn die Bibelarbeiten und Gottesdienste in Köln das Zentrum des Kirchentags bildeten, macht sich mancherorts ausgerechnet unter Protestanten ein laxer Umgang mit dem biblischen Text breit. Das nehmen einige unter den Besuchern deutlicher wahr als Kirchenobere. Oder war es Zufall, dass die Entscheidung von Innenminister Schäuble für die Lutherbibel und gegen die Kirchentagsübersetzung mit ausdrücklichem Beifall beantwortet wurde?
Die kirchentagseigenen Übersetzungen haben schon seit Jahren die jetzt vorliegende Bibel in gerechter Sprache“ vorbereitet und setzen sich über eine Unterscheidung zwischen Text und Deutung großzügig hinweg. Eine nachträglich anberaumte Diskussion über die Bibel in gerechter Sprache“ gab ihren Verfechtern Gelegenheit, die Kritiker als Ideologen abzutun. Daran änderte der Einwand eines Neutestamentlers nichts, der immerhin belegte, dass eine der Schlüsselstellen für die gesamte protestantische Theologie im Römerbrief ins glatte Gegenteil verkehrt und ihrer Pointe beraubt wird, um vermeintlich antijudaistische Tendenzen zu vermeiden. Es geht um die Grundlage der Rechtfertigungslehre, also das Ende des Irrglaubens, Menschen könnten sich ihr Heil erarbeiten, die Luther in den Satz fasst: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ In der Bibel in gerechter Sprache“ heißt es stattdessen, dass Menschen aufgrund von Vertrauen gerecht gesprochen werden – ohne dass schon alles geschafft wurde, was die Tora fordert“. Die Forderung des Gesetzes bleibt erhalten, aus dem Gegensatz des griechischen Urtextes ist ein komplementäres Verhältnis geworden.
Christusgeschärfter nach Hause gehen
Dieser Umgang mit dem historisch-kritisch und immer wieder revidierten Urtext berührt nicht nur Übersetzungsfragen, sondern trifft den Protestantismus ins Mark. Denn es gibt keine kirchliche Lehre, vielmehr sind kirchliche Überlieferung und Praxis ständig neu an den biblischen Texten zu überprüfen. Das kann nur so lange gelingen, als diese Grundlage nicht beliebig verändert wird.
Der Kölner Kardinal Meisner, nicht gerade als Ökumeniker bekannt, war es, der dem Kirchentagsvolk bei einem gemeinsamen Gottesdienst mit Orthodoxen und Protestanten zurief, es solle christusgeschärfter“ nach Hause gehen. Virtuos nutzte er seine Einladung zu einer wirkungsvollen katholischen Selbstinszenierung. Junge Mädchen mit bauchfreiem Shirt zeigten sich danach ergriffen“. Es gibt ein neues Bedürfnis nach Formen, das auch den Abschlussgottesdienst prägte.
Biblisch gebundenen Selbstbestimmung erhalten
Im katholischen Köln wurde Ökumene gelebt, zumal die Auseinandersetzung mit den Muslimen Kräfte bindet. Dabei geht es weniger um Theologie als um Integration und Religionsfreiheit. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Huber, legte die nötige Argumentationsschärfe an den Tag und wurde gefeiert wie ein Volksheld. Seine Ökumene der Profile ist nicht allen geheuer, wird aber geteilt, wenn es um die Grundfragen des religiösen Zusammenlebens geht. Ähnlich umjubelt waren die Auftritte von Hannovers Bischöfin Käßmann. Der Kirchentag ist schon lange keine Laienbewegung“ mehr, wurde zum Sprungbrett theologischer Generalsekretäre und zu einem Teil der Kirche. Die überzeugenden Köpfe evangelischer Nichttheologen fehlen, was auch daran liegt, dass die Eliten des Luthertums aus Theologen und Juristen bestanden.
Bedenklich für den Protestantismus ist nicht etwa sein schwer überschaubarer Pluralismus, der eine weltkirchliche Erkennbarkeit verhindern muss, ihn aber zugleich stärkt und ideologieanfällig macht. Gefährlicher sind die mangelnde Achtung vor dem biblischen Text sowie Geschichtsvergessenheit, wovon weder das Kirchentagspräsidium noch mancher Amtsträger frei sind. Beides sind Grundpfeiler selbständigen protestantischen Denkens. Wer seinen Blick durch das Wort schärfen lassen will, muss sich der Mühe des Verstehens unterziehen, bevor er interpretiert. Wer ökumenisch oder gar interreligiös diskutieren will, muss wissen, was evangelisch sein heißt. Es ist dann immer noch schwierig genug, die Gewissenskonflikte des mündigen religiösen Subjekts auszuhalten. Gerade die Religion der Freiheit muss sich um ihrer selbst willen die Grundlagen der vernünftigen, biblisch gebundenen Selbstbestimmung erhalten. Das ist anstrengend, aber der einzige Weg für einen selbstbewussten, argumentationsstarken Protestantismus.
G 8 und die Bibelarbeiten standen im Zentrum des Kirchentags.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa