Pro und Contra

Ist Kardinal Meisner noch tragbar?

Erst missbilligt er das neue Domfenster des Künstlers Gerhard Richter. Dann spricht er bei der Eröffnung eines Museums in Köln von „entarteter Kultur“ - eine Anlehnung an die Nazi-Terminologie. Politiker und Künstler sind empört. Ist Joachim Kardinal Meisner noch tragbar?

Lesermeinungen zum Beitrag

19. September 2007 01:58

Missverständnisse vorprogrammiert

Max Hörberg (Kronbichler)

Wenn Predigten gehalten werden, die den Hörer/Leser geistig-theologisch elementar überfordern, muss man sich über nichts mehr wundern. Die Elemente des katholischen Glaubens sind bis in Kreise hinein eine unbekannte Größe, von denen man dies nicht vermuten möchte. Hieran muss die katholische Kirche noch ganz massiv arbeiten. - So handelt es sich bei dem Gott der Katholiken beispielsweise (oberflächlich gefasst) um einen Gott der Liebe (damit auch der größten Macht), mit der es immer mehr eins zu werden gilt. Setzt man in der Predigt Kardinal Meisners „Liebe“ an Stelle von „Gott“ erklärt sich auch dem Außenstehenden einiges. - Hilfreich kann auch der hl. Augustinus sein („Bekenntnisse“): Er fasst die Bibel (frei übersetzt) zusammen: „Tue was Du willst, aber im Rahmen der Liebe!“

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18. September 2007 21:52

Streit um des Kaisers Bart

Dr. Christian Herrmann (dr.herrmann)

Allmählich wird dieser Streit um ein Glasfenster im Kölner Dom unerträglich. Den Kölner Kardinal und Erzbischof in die Nazi-Schmuddelecke stellen zu wollen, ist ein untauglicher Versuch. Es ist einfach zu dumm, hier einen Zusammenhang zwischen dem schlimmen NS-Begriff "entartete Kunst" mit llen daraus resultierenden Folgen und der vielleicht "politisch nicht ganz korrekten" Formulierung des Kardinals herstellen zu wollen.

Mein Fazit: Das Fenster mag jeder beurteilen, wie er will - und dem Kardinal soll man das gleiche Recht auf seine freie Meinungsäußerung zubilligen wie jedem anderen auch.

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18. September 2007 20:16

verfassungsfeindlich

Christian Braun (christianbraun)

Wie lange soll sich eine
"wehrhafte Demokratie"
eigentlich noch diese
verfassungsfeindlichen
Unverschämtheiten selbst-
ernannter Gotteskrieger
bieten lassen ?

Anstatt über die Verschärfung
von Gotteslästerungsparagraphen
sollten wir vielleicht mal über
die Herabsetzung unserer frei-
heitlichen Gesellschaft durch
Kirchenfürsten nachdenken und
wie wir uns dagegen wehren.

Demnächst wird er vielleicht
noch Steinigung von Ehebrecherinnen fordern.

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18. September 2007 20:15

Reiner Moysich (reinermoysich)

Kardinal Meisners Meinung, Kunst ohne Verbindung zu „Gott“ „entarte“, diskriminiert massiv weltweit die unzähligen sehr begabten und wertvollen Künstler, die nicht an einen „Gott“ glauben (einschließlich die vielen religiösen buddhistischen Künstler, denen ja auch solch ein Begriff fremd ist).
Bei seiner Äußerung werde ich an die Worte des amerikanischen Psychotherapieforschers Albert Ellis
erinnert:
„Religion basiert auf Annahmen, die nicht nur nicht beweisbar sind, sondern sehr, sehr unwahrscheinlich sind. Es mag einen Gott geben, aber die Wahrscheinlichkeit dafür beträgt 0,00000000001 (= 1:100 Milliarden)! Und doch glauben viele, dass es nicht nur einen Gott geben könnte, sondern dass es ihn unbedingt geben muss. Wenn Menschen zum Dogmatismus neigen, dann neigen sie meistens auch zur Religion, und sie vermischen ihre Religion mit Politik und mit Wirtschaft.“.

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18. September 2007 11:12

Waldshut

Till Diesing (Zabel24)

Nun, da sich Herr Franz Müller ja so an Waldshut gebunden fühlt... und es als eine Schande empfindet, entartete Kunst in seinem lieblichen Waldshut ertragen zu müssen..

Wissen Sie, Herr Müller, was wirklich eine Schande ist?

Das Leute wie der Komponist Heinrich Kaminski (http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Kaminski) und einige dutzend oder hundert andere "entartete" Personen aus Walshut sich gegen ihre Gedankenlosigkeit im Sprachgebrauch nicht mehr wehren können- vertrieben, vergast, vergessen. DAS ist eine Schande, und nicht Ihr gestörtes ästhetisches Empfinden.

Gruß,
Diesing

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18. September 2007 02:08

Schönrederei, wo Worte Gedankengut ausdrücken

Werner Eckl (WernerEckl)

Die Position Kardinal Meisners ist nicht erst seit dem i-Tüpfelchen mit der Anwendung des Begriffs der "entarteten Kultur" umstritten - und das zuallererst innerhalb der katholischen Kirche.
Dass der NS-Staat systematisch Begriffe belegt hat, ist dabei die eine Geschichte, dass der Begriff der "entarteten Kultur" zum Ausdruck bedenklichen Gedankengutes gehört, die andere!
Von "pseudeodemokratischem Mob" ist in den Kommentaren die Rede und davon, was Kunst und Kultur zu sein haben und was nicht, weshalb es durchaus legitim sei, bei einem scheußlichen Kunstwerk von "Entartung" zu sprechen.
Mir persönlich ist jede Form von "political correctness" suspekt, aber der hemmungslose Gebrauch eindeutig schwer belasteter Begriffe macht mich schaudern. Zumal er im Kontext des mit Herrn Ratzinger endlich klar auf hemmungslose Restauration getrimmten Kurses steht.

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17. September 2007 21:40

Verb oder Adjektiv?

Marco Vogt (VogtNbg)

Wer kann dazwischen unterscheiden?

Die neue deutsche PISA Gesellschaft nicht.

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17. September 2007 20:27

Beispiel für entartete Kunst

Franz Müller (Franzy)

In Waldshut am Hochrhein steht seit einigen Jahren ein "Kunstwerk" direkt vor dem Möbelhaus Seipp, an dem man vorbeigehen muss, bevor man über die Seltenbachbrücke durch's Obere Tor die Kaiserstraße, die lieblich schöne Einkaufszeile Waldshuts, betritt.

Es ist ein wahres Monster, ein Scheusal, ein hässliches Machwerk und soll das Waldshuter Männle darstellen. Das Waldshuter Männle ist der Mann, der der Legende nach mit dem Spruch "Ich streich das Geld in meinen Hut, die Stadt soll heißen Waldeshut!" der Stadt den gesuchten Namen gab und dafür die Belohnung erhielt. Diesem findigen Mann soll dieses widerwärtige Stück Ehre geben! Ich möchte den Bundeskanzler sehen, der sich mit einem solchen "Werk" ehren lassen möchte. Eine Schande ist das!

Für mich ein Beispiel entarteter Kunst. Statt entartet kann man auch degeneriert sagen. Was soll der Streit um dieses Wort. Das hat mit Nationalsozialismus nichts zu tun, wenn man ein missratenes Machwerk entartet nennt. Auf der anderen Seite des Oberen Tores befindet sich ein Gemälde des Waldshuter Männles, das dem Mann wirklich Ehre gibt: mit Stock und Hut und dem Geldsäckel jund dazu der berühmte Spruch.

So muss Kunst sein, damit das Herz sich dran erfreuen kann.

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17. September 2007 19:41

Meisners Kritik an Kunst und Kultur

Bernhard Böhmer (bernhardusfaz)

Kardinal Meisner ist nach meiner Meinung kein besonders guter Verkünder des christlichen Glaubens. Weder spricht er verständlich über die Unbegreiflichkeit des allmächtigen Gottes, der sich uns Menschen als der eine und einzige Gott in drei Personen offenbart, noch sagt er vernünftig, dass dieser Gott uns im Wort Gottes, Christus, täglich offenbart, dass wir alle in die unfassbare Liebe Gottes des Vaters zu Gott dem Sohn im heiligen Geist eingeschlossen sind und deshalb nicht aus Angst um uns selber handeln müssen.
Aber welche Scheinheiligkeit der Presse und einer gewissen Öffentlichkeit zeigt sich in der Unduldsamkeit seiner Kritik an einer bestimmten Kultur, die er als entartet erkennen will. Die Wortwahl berechtigt nicht den Sturm der Entrüstung; denn welches Wort der deutschen Sprache könnte exakt dasselbe aussagen wie "entarten", wenn einer ausdrücken will, dass eine gewisse "Kultur", inhaltslos, nicht mehr im ursprünglichen Sinne so genannt werden sollte. Ein Zitat kann nicht behauptet werden, weil "entartet" nicht als Adjektiv gebraucht wurde, wie es in einer Nachrichtensendung einer öffentlich rechtlichen Fernsehanstalt "berichtet" wurde. Gibt es bald Meinungsfreiheit nur noch für selbsternannte Zeitgeistvertreter?

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17. September 2007 18:45

Zu "Meisner in der Abseitsfalle", in F.A.Z., 17.09.2007, Nr. 216, Seite 33

Karl-Olaf Bergmann (KOB1)

Es hat fast den Anschein, als wolle dieser Artikel, letzter einer beispiellosen Serie, Schaden begrenzen, doch nicht irgendeinen, sondern jenen Schaden, den diese Tageszeitung dabei ist, sich selbst zuzufügen!

Betrachtet man dabei die Hartnäckigkeit, mit welcher erneut versucht wird, vollkommen abwegige u. asymmetrische Beziehungen zwischen dem realen Objekt dieser journalistischen Aufgeregtheit u. dem deutschen Nationalsozialismus herzustellen, dann kann man die Verantwortlichen nur auffordern, einmal, u. für alle Mal, ein "Machtwort" zu sprechen, denn der tatsächliche Schaden des Ganzen reicht nun vor allem weit in die gesamte öffentliche u. auch internationale Wahrnehmung des deutschen Umgangs mit dem Nazismus hinein, da diesem zunehmend jeder Sinn für Reflexion u. geschichtlich, moralische Schwere abgehen will!

Man kann nicht mehr umhin, mit den Zeilen einen Missbrauch dieser selbst so von Missbrauch u. Ausbeutung, Unterdrückung u. Propaganda, Gewalt u. Verführung vollen Zeit und Problematik mitschwingen zu lesen, selbst befremdlich nahe irgendeiner Propaganda u. Unterdrückung. Sodass es keines „Zufalls“ mehr bedarf, den Namen Meisner zu jeder Zeit u. ganz regelmäßig im Spot(t)light einer ganzen Branche zu finden.

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17. September 2007 15:28

ent-artig

Dirk Sternberg (crescendo)

Seine Eminenz haben gepoltert und seine Schäfchen eilen zum Goldenen Kalb der Wahrhaftigkeit. Scheinheilig. Bequeme Antworten derer in Purpur sind ja nun so überflüssig wie Beckmann bei Tietjen, Fehlgriffe im Wort lassen nicht unbedingt auf Lücken im Geiste schließen wie das Schwarz der weihevoll Behängten, ob der weltlichen oder moralischen, zwangsläufig auf deren Ernsthaftig und Aufrichtigkeit. Was aber macht dieses Wort, das Wort manchmal so unerträglich? Sind es nicht von Menschen gemachte Wertvorstellungen, die dem Wort Bedeutung geben, manchmal auch, ohne über Bedeutung nachzudenken, verstellt am Ende das gar das Bewusstsein, es könne ja auch anders gemeint sein? Ein kritischer Geist ist mir allemal lieber, der nach Bedeutung fragt und nicht diese verhindert, mag er auch auf noch so sicherem Terrain sich wähnen.

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17. September 2007 14:59

Meißner zu verteidigen ist ein Unding,

Malchus Giersch (der_rote_Hugo)

denn er hat klipp und klar von aller Kunst gesprochen, nicht von der wie auch immer sakralen.

Da sollten wir dankbar sein, daß es bei uns keine Inquisition mehr gibt oder das Kölner Erzbistum kein Kopfgeld auf mißlige Künstler aussetzen kann.

Andernfalls müßten, um nur zwei Beispiele zu nennen, die Besucher der nächsten Art Cologne um ihre Gesundheit fürchten. Auch der Band "The Police" wäre ihr Auftritt im November nur unter extremen Sicherheitsvorkehrungen anzuraten.

Wobei es mir schon ausreicht, daß ein hoher "Würden"-träger es wagt, ein Wort in den Mund zu nehmen, das für tausende Künstler im Dritten Reich ein reales Todesurteil bedeutet hat, um über den Zustand dieser Kirche nur noch entsetzt den Kopf zu schütteln.

Nicht alle Worte darf man sich nehmen lassen, wie im Artikel zu Recht bemerkt ist, doch "entartet" ist auf ewig gebrandmarkt.

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17. September 2007 14:42

Kommentar meiner chinesischen Frau

Ralf Kirstan (PetroniusArbiter)

Der Kommentar meiner chinesischen Frau zu der Medienjagd auf Kardinal Meisner war sinngemäß der:
In China haben wir Pressezensur und es wird versucht, Leute mundtot zu machen, weil es staatlich dekretiert ist. Das ist schlimm. Ihr hier in Deutschland habt auch Zensur: Die Selbstzensur weiter Teile der Medienlandschaft, die Abweichler ebenfalls mundtot zu machen versuchen. Totalitarismus im ersten Fall, der von oben, von der Regierung ausgeht. Totalitarismus im zweiten Fall, der von unten, von den Menschen selbst ausgeht; Zensur, ohne daß die Regierung sie verlangt. Das ist schlimmer.
Ich finde diese Worte meiner Frau bedenkenswert.
Im übrigen bin ich der festen Überzeugung, daß diejenigen, die jetzt so vehement gegen Meisner geifern, vor 60 Jahren die Vorzeige-Nazis gewesen wären: Gleichheit der Mentalität: Wer heute versucht, Abweichler vom "Zeitgeist" und anderen offiziösen Doktrinen (wie z. B. der: das Wort "entartet" ist außer in naturwissenschaftlichem Kontext "böse") mundtot zu machen, hätte selbiges auch - und erst recht - unter dem Adolf getan. Die Eiferer gegen Meisner sind den Nazis von gestern ähnlicher als sie wahrhaben wollen: in ihrem Gesinnungsterror gegen Dissidenten.

Ralf Kirstan, Rinteln

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17. September 2007 14:33

Gibt es Denk- und Meinungsverbote?

Hermann Edler von Koch (joe_cool)

Zunächst einmal ist hier dankenswerterweise schon oft erwähnt worden, daß die Rede Kardinal Meisners die eines katholischen Bischofs bei der Eröffnung eines Museums seines Bistums ist. Wer möchte ihm also verübeln, daß er bei aller Offenheit einfordert, daß Kust einen Gottesbezug benötige? Dies ist vielmehr als Bischof seine Aufgabe.
Daß er hier ein Wort (ja genau: ein einziges Wort) verwendet, daß im Zusammenhang mit Kunst zu Assoziationen herausfordert, die er viellecht hätte erwarten müssen, mag unglücklich oder grob fahrlässig sein. Die Diskussion darüber allerdings gibt Anlaß zu Befürchtungen, ob es in Deutschland mittlerweile eine Unkultur (oh, ich bin kein Historiker - ist dieses Wort auch belastet? Schonmal Entschuldigung und Distazierung von allem Braunen vorab) geistiger Unfreiheit gibt. Darf ein Onkologe in Zukunft noch von entarteten Zellen schreiben, werden Worte in Zukunft geächtet? Wer darf welche Worte noch verwenden; sind Schriftsteller in der Wahl ihrer Worte zukünftig noch frei? Wer darf welche Worte in welchen Zusammenhängen noch gebrauchen?
Eine öffentliche Dikussion, ob Meisner noch tragbar sei, ist anmaßend. Man mag seine Einstellungen oder nicht - über seine Person sollte man schweigen!

Hermann v. Koch

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17. September 2007 14:00

ent-artet

TOBIAS RÜGER (t.ruger)

Warum soll ein Kirchenmann immer nur dem Zeitgeist nach dem Mund reden? Wenn er meint, dass Kunst nur mit Spritualität zusammengehen kann, dann kann er sich auf mehrere Jahrtausende Kulturgeschichte berufen.
'Entartet' ist allerdings kein glücklicher Begriff in diesem Zusammenhang, eher 'ent-artet', aber Anglizismen sind ja vermutlich nicht gängig bei Kardinälen.

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