25. Juli 2007 In Hamburg hat der Dalai Lama mit seinen buddhistischen Belehrungen begonnen. Vor rund 5000 Zuhörern im halb vollen Tennisstadion am Rothenbaum führte das tibetische Oberhaupt in die 400 Verse des indischen Meisters Aryadeva ein. Das Werk zählt zu den Klassikern des Buddhismus. Im Interview spricht er über das Leben der Tibeter in China und die Möglichkeiten einer Autonomie.
Ihre Heiligkeit, Sie setzen sich seit zwei Jahrzehnten für eine demokratische Selbstverwaltung der Tibeter in China ein. Der von Ihnen verfolgte Mittelweg“ zwischen der jetzigen Besetzung und der Unabhängigkeit Tibets hat bisher aber nicht weitergeführt. Die chinesische Regierung scheint an Verhandlungen nicht interessiert zu sein. Im Gegenteil, in jüngster Zeit werden auch Sie persönlich wieder scharf angegriffen. Ist das nicht ein schlechtes Zeichen?
Ich bin optimistisch. Wir sehen in China viele positive Veränderungen, die sich auch auf die Tibet-Frage auswirken. Im Vergleich zu früher gibt es mehr Meinungsfreiheit. In der Bevölkerung wächst das Interesse am Buddhismus, besonders am tibetischen Buddhismus. Es erscheinen positive Artikel über unsere Geschichte, unsere Religion, unsere Kultur. An meinen Lehrveranstaltungen hier in Dharamsala oder in Südindien haben in den letzten Jahren jedes Mal hundert oder zweihundert Chinesen aus der Volksrepublik China teilgenommen. Ich bin chinesischen Geschäftsleuten und sogar Parteimitgliedern begegnet, die emotional sehr bewegt und sehr interessiert gewesen sind. China hat zurzeit viele Probleme. Überall gibt es Korruption. Die Todesstrafe ist aber keine Antwort auf Korruption. Wenn wirklich etwas erreicht werden soll, ist ein spiritueller Ansatz nötig.
Noch herrscht in China die Kommunistische Partei.
In China vergeht heute kein Tag, an dem nicht irgendwo Demonstrationen stattfinden. Viele Menschen sind unzufrieden. Die Kommunistische Partei kümmert sich nicht mehr um die armen Leute, die Arbeiterklasse. Alles dreht sich nur noch ums Geld und um die Macht. Es wird nicht mehr von der Umverteilung des Gewinns gesprochen, sondern nur noch darüber, wie man Gewinne macht. Eine Kommunistische Partei ohne kommunistische Ideologie – das wird nicht lange überdauern.
Wie soll eine wirkliche Autonomie möglich sein, wenn die Tibeter schon jetzt in ihrem Land in der Minderheit sind?
Über die demographische Aggression, die China betreibt, bin ich sehr besorgt. Heute leben in Lhasa 300.000 Menschen, zwei Drittel von ihnen sind Chinesen. In den nächsten Jahren soll die Bevölkerung der Stadt auf 700.000 anwachsen. Das bedeutet noch mehr Luftverschmutzung, einen noch stärkeren Verbrauch der Wasserressourcen. Durch die Höhe und das trockene Klima werden die Folgen für die Umwelt noch verschärft. Schon jetzt führen die Flüsse wegen des globalen Klimawandels weniger Wasser. Allein aus ökologischen Gründen wäre eine geringere Bevölkerung besser. Ich habe oft gesagt, dass die einzigartige tibetische Zivilisation wegen des Zuzugs so vieler Chinesen in Gefahr ist, ausgelöscht zu werden. Unsere Sprache ist in Tibet immer weniger in Gebrauch. Nur Schüler, die gute Noten in Chinesisch haben, können später in China studieren. Also bestehen die Eltern darauf, dass ihre Kinder Chinesisch lernen. Die meisten Geschäfte in Lhasa gehören heute Chinesen. Deshalb wird auch im Alltag kaum noch Tibetisch gesprochen. Die tibetische Kultur ist auch Teil der chinesischen. Sie zu bewahren ist nicht nur unsere Verpflichtung, auch die chinesische Regierung ist dafür verantwortlich.
Selbst hier scheinen einige die Zuversicht verloren zu haben, dass der Mittelweg je zum Erfolg führen wird.
Es stimmt, bei vielen Tibetern gibt es erste Anzeichen von Frustration. Auch im Parlament werden Zweifel an unserem Konzept geäußert. Ein junger Tibeter hat mir geschrieben, ich solle deswegen das Parlament auflösen. Aber ich bin doch nicht der König von Nepal, der das Parlament auflöst. Vor sechs Jahren habe ich die politische Führung an eine demokratisch gewählte Regierung abgegeben. Jetzt bin ich nur noch ihr politischer Ratgeber und halb im Ruhestand. Natürlich glaube ich an den Mittelweg. Wir haben das Konzept vor vielen Jahren hier, in diesem Raum entwickelt. Unser Kampf ist wahrhaftig und gerecht, und am Ende wird die Gerechtigkeit siegen. Sollte der Mittelweg scheitern, dann gibt es nur den Ausweg, das Volk zu fragen, was geschehen soll. Darum haben wir eine demokratisch gewählte Regierung. Schon vor Jahren habe ich gesagt: Ihr müsst euch so verhalten, als gäbe es den Dalai Lama nicht, und selber die ganze Verantwortung übernehmen.
Als weltlicher und geistlicher Führer ihres Volkes genießen Sie aber eine einmalige Autorität und großes Vertrauen.
Als Dalai Lama kann ich natürlich nicht zurücktreten. Ich gebe nur die politische Verantwortung ab, die ich als Fünfzehnjähriger übernommen habe. Meine Hauptaufgabe sehe ich in der Verbreitung humanitärer Werte: menschliche Gemeinschaft, Verantwortung, Selbstdisziplin, Mitgefühl, Vergebung. Darüber hinaus trete ich für religiöse Harmonie und Toleranz ein. Alle Religionen können uns zu besseren Menschen machen, wenn sie ernsthaft praktiziert werden. Den Rest meiner Energie widme ich der Sache Tibets.
Und was geschieht, wenn Sie eines Tages nicht mehr da sind?
Viele Tibeter wird das mental und emotional hart treffen. Als Schock. Das heißt aber nicht, dass sie führerlos werden. Für die Politik haben wir die demokratisch gewählte Regierung. Auch an spiritueller Führung wird es nicht fehlen. Die Oberhäupter aller Schulen des tibetischen Buddhismus sind hier in Indien. Und wenn das tibetische Volk die Institution des Dalai Lama behalten will, wird es einen neuen Dalai Lama geben. Sollte eine Mehrheit aber der Meinung sein, diese Institution sei nicht länger relevant, dann wird sie aufhören zu existieren.
Wollen Sie damit sagen, dass die Lehre der Reinkarnation gleichsam durch Mehrheitsbeschluss außer Kraft gesetzt werden könnte.
Es geht hier nicht um die individuelle Reinkarnation, die Fortsetzung allen Lebens. Ich spreche von der Reinkarnation der Institution. Schon seit langem bin ich der Meinung, dass wir noch mehr zu den Wurzeln des Buddhismus zurückkehren sollten. Nach dem Tod Buddhas hat es fast tausend Jahre keine Institution oder Reinkarnation Buddhas gegeben – und der Buddhismus ist trotzdem sehr lebendig gewesen.
Die Fragen stellte Horst Bacia.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa