
"Gott geht den Schuldigen entgegen und versöhnt sie": Papst Benedikt sieht darin die wahre Bewegungsrichtung des Kreuzes
27. Mai 2009 Sie stehen auf Gipfeln und hängen in Kirchen, schmückten auch Rüstungen und zieren noch immer die Stirnwand von Gerichtssälen: Kreuze sind das Symbol des Christentums schlechthin. Mehr noch: Sie machen dessen Anspruch sinnfällig, die gesamte Wirklichkeit unter dieses Zeichen zu stellen. Doch nicht dieser dingliche Charakter allein macht das Kreuz zum Gegenstand von Kontroversen jeder erdenklichen Art, darunter jüngst jener, die zu der Aberkennung des Hessischen Kulturpreises für den deutsch-iranischen Schriftsteller Navid Kermani führte. Noch anstößiger ist die Deutung, die Christen dem Kreuz beilegen, die Theologie des Kreuzes als eines Heilszeichens. Doch ist sie zutreffend mit den Worten umschrieben, in der Person des gekreuzigten Jesus von Nazareth leide ein Mensch, um Gott zu entlasten (Kermani)?
Ausgangspunkt ist ein Geschehen, das sich (nach heutiger Zeitrechnung) vermutlich an einem Apriltag des Jahres 30 in der Nähe des Jerusalemer Tempelberges abgespielt hat. Mit Billigung religiöser jüdischer Autoritäten richteten die römischen Besatzer wieder einmal einen Juden hin. Der Mann hieß Jesus und hatte in den drei zurückliegenden Jahren als religiöser und politischer Provokateur von sich reden gemacht. Er hatte das jüdische Sabbatgebot gebrochen und die Reinheitsvorschriften missachtet, das jüdische Gesetz in Frage gestellt und sich mit Personen umgeben, die außerhalb der kultischen und sozialen Ordnung des Judentums standen - und das alles mit dem Anspruch, das wahre Königreich Gottes aufzurichten. Dieser Anspruch kam in den Augen der jüdischen Orthodoxie der Gotteslästerung gleich, in den Augen der römischen Besatzungsmacht politischer Subversion. So wurde Jesus als König der Juden hingerichtet - und das auf eine Weise, die nicht nur besonders qualvoll war, sondern als besonders unehrenhaft erscheinen sollte: Römische Bürger durften nicht gekreuzigt werden.
Gott wartet nicht, bis die Schuldigen kommen
Das gewaltsame Ende in Jerusalem kam für Jesus nicht unerwartet. Das allgemeine Klima war aufgeheizt, Johannes der Täufer hatte seine Provokationen der jüdischen Autoritäten nicht lange überlebt. Allerdings zerstörte die Kreuzigung die Hoffnung vieler seiner Anhänger. Sie sahen in Jesus den endzeitlichen Heilsbringer (Messias), von dem die jüdischen Propheten gesprochen hatten. Folglich löste sich die Jesus-Bewegung nach dessen schmählichem Tod auf - doch nur, um sich bald neu zu formieren und die Juden mit der Überzeugung zu provozieren, dass der Gekreuzigte wirklich der Messias gewesen sei. Das Paradoxe dieser Behauptung war ihnen wohl bewusst. Ein Jude namens Saulus, der die (bald) sogenannten Christen bekämpft und dann die Seiten gewechselt hatte, schrieb unter dem Namen Paulus an die sich neu bildende Gemeinden im griechischen Korinth, die Behauptung, dass Gott den scheinbar Verfluchten nicht im Tod gelassen, sondern ihn über alle erhöht habe, sei für die Juden ein Ärgernis und für die Heiden eine Torheit. Damit sind die bis heute vorherrschenden Motive der Ablehnung der Kreuzestheologie benannt: Gotteslästerung, Idolatrie, Ideologie.
Religionsgeschichtlich ist allein schon die Denkmöglichkeit ohne Parallele, dass sich in dem Tod eines Menschen am Kreuz Gott offenbaren könne. Sie war und ist vielmehr allen Vorstellungen des Göttlichen diametral entgegengesetzt. Plausibel wird das Geschehen am Kreuz allenfalls als Radikalisierung einer in vielen Weltreligionen verbreiteten Vorstellung, der Mensch könne seine schuldhaft gestörte Beziehung zu Gott wiederherstellen, indem er Sühne leiste und Opfer darbringe. Doch genau diese Deutung kann in der christlichen Theologie keine Geltung beanspruchen. Joseph Ratzinger - heute Papst Benedikt XVI. - sprach 1969 von einer Wende, die das Christentum in die Religionsgeschichte getragen hat. Nicht die Menschen müssten Gott versöhnen, vielmehr habe Gott in Christus die Welt mit sich versöhnt: Gott wartet nicht, bis die Schuldigen kommen und sich versöhnen, er geht ihnen zuerst entgegen und versöhnt sie. Darin zeigt sich die wahre Bewegungsrichtung des Kreuzes.
Das Mysterium des Kreuzes verdunkelt, nicht erhellt
Freilich steht diese Interpretation in einer nicht einfach aufzulösenden Spannung zu den ältesten Deutungen des Todes Jesu als eines stellvertretenden Sühnetods zum Heil des Menschen. Sie knüpften an die alttestamentliche Prophetie des leidenden Gottesknechtes an, der sein Leben in den Tod dahingab und unter die Übeltäter gezählt ward, da er doch die Sünden trug und für die Schuldigen eintrat (Jesaja 53). Indes hat Jesus nach allem, was man den Texten des Neuen Testaments entnehmen kann, die Titel Gottesknecht, Messias oder Gottessohn selbst nicht für sich in Anspruch genommen. Die Evangelien lassen aber keinen Zweifel daran, dass das Leben Jesu alle Züge des den Sündern heilbringenden und für die vielen leidenden Gottesknechts aufwies.
So ist Jesus in seinem Leben und Sterben der Mensch für die anderen. Dieses Für-die-anderen-Sein macht sein tiefstes Wesen aus, denn darin ist er die Person gewordene Liebe Gottes zu den Menschen, formulierte der heutige Kurienkardinal Walter Kasper vor Jahrzehnten. Noch einmal Ratzinger: Das konstitutive Prinzip des Opfers ist nicht die Zerstörung, sondern die Liebe. Und nur insofern sie aufbricht, öffnet, kreuziget, zerreißt, gehört auch dieses mit zum Opfer: als die Form der Liebe in einer von Tod und Selbstsucht gezeichneten Welt. Diesem rational nicht ableitbaren Paradox haben Christen schon immer in unterschiedlichen Glaubensformeln und Sprachspielen Ausdruck zu geben versucht. Nicht immer waren sie sich auch der Grenzen ihrer Reichweite bewusst. Rückblickend scheinen einige das Mysterium des Kreuzes eher verdunkelt als erhellt zu haben.
Umgekehrt kommt vor allem Martin Luther und der reformatorischen Theologie das Verdienst zu, die theologia crucis und im Zusammenhang damit die Rechtfertigung des Sünders aus Gnade wieder in das Zentrum der Theologie gerückt zu haben. Als abwegig erscheinen aber auch Spielarten der Frömmigkeit, in denen Schmerz und Leid gleichsam als gottgewollt verherrlicht wurden, und Auffassungen des christlichen Kultes, wonach die Menschen die Opfernden sind und nicht Gott an den Menschen handelt.
Von Verzerrungen und problematischen Deutungen fast zwangsläufig nicht frei sind auch die christliche Ikonographie und die bildende Kunst, die sich des Geschehens am Kreuz öfter angenommen hat als jeder anderen der biblischen Überlieferung. Doch auch kein einziges Bild kann die Glaubenserfahrung einholen, die Paulus in die Worte kleidete, Jesus sei der Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP