Deutsche Bischofskonferenz

Eher Marx als Meisner

Von Daniel Deckers

Erzbischof Marx ist als Nachfolger für Lehmann im Gespräch, kann jetzt aber noch nicht übernehmen

Erzbischof Marx ist als Nachfolger für Lehmann im Gespräch, kann jetzt aber noch nicht übernehmen

10. Februar 2008 Wenn an diesem Montagnachmittag die 69 katholischen Bischöfe Deutschlands in Würzburg zu ihrer Frühjahrsvollversammlung zusammenkommen, dann ist ihnen beträchtliches Interesse der Öffentlichkeit gewiss. Denn mögen sie auch diesmal die meiste Zeit der üblichen Konferenzroutine frönen - die eigentliche Nachricht dürfte ein Name sein.

Zu wählen ist am Dienstagvormittag der Nachfolger des Mainzer Kardinals Lehmann im Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz.

Vorher werden sich die Bischöfe noch mit dem Liturgiebuch zur Feier der Kindertaufe beschäftigen, Fragen der tridentinischen Messe erörtern, einen Zwischenbericht zum möglichen Engagement der Kirche in der Mediengesellschaft entgegennehmen und das Paulus-Jahr näher ins Auge fassen. Sie werden einen Aufruf zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land verabschieden, Berichte über die Situation der Kirche in China sowie über eine Delegationsreise der Deutschen Bischofskonferenz nach Kamerun hören und einen Studientag dem Thema „Ehe und Familie“ widmen. Sie müssen die Leitlinien für multireligiöse Feiern von Christen, Juden und Muslimen überarbeiten sowie den EU-Vertrag von Lissabon bewerten.

Rücktrittstpläne wegen Marx?

Ursprünglich wollte Lehmann, der vor 21 Jahren Vorsitzender wurde, sein Amt im kommenden September und damit zur Mitte seiner vierten, im September 2011 endenden Amtszeit zur Verfügung stellen. Indes entschied er sich im Januar unter dem Eindruck lebensgefährlicher Krankheitssymptome, zum 18. Februar zurückzutreten; die Vollversammlung der Bischöfe soll nun seinen Nachfolger wählen. Doch ob dieser Plan aufgeht, muss sich zeigen.

Denn mochte Lehmann in den vergangenen Wochen auch von Krankheit gezeichnet sein - es wurde gemutmaßt, sein Rücktritt diene dem Ziel, Reinhard Marx als Vorsitzenden der Bischofskonferenz zu verhindern. Der sei vor erst zwei Wochen in sein Amt als Erzbischof von München und Freising eingeführt worden, also komme der Vorsitz der Bischofskonferenz für ihn zu früh. Doch die Logik der Unterstellung erschließt sich nicht recht: Sollte Lehmanns Nachfolger erst während der Herbstvollversammlung gewählt werden, stünden keine anderen Kandidaten zur Wahl als jetzt. Und wer im Februar seine Stimme Marx nicht geben möchte, wird es wohl kaum ein halbes Jahr später tun. Doch wie eine Wahl am Dienstag verhindern, um für Marx ein wenig Zeit zu gewinnen?

Die Papstwahl dient als Vorbild

Bislang hat die Mehrheit der Konferenzmitglieder vor jeder Wahl eines Vorsitzenden darauf geachtet, dass es weder vor noch zwischen den Wahlgängen eine Personaldebatte gebe. Immer zogen die Bischöfe das auch bei der Papstwahl übliche Verfahren vor, den Vorsitzenden in schriftlicher und geheimer Abstimmung zu ermitteln. Lehmann wurde 1987 mit einfacher Mehrheit gewählt und zuletzt im September 2005 mit Zweidrittelmehrheit im Amt bestätigt.

In Anbetracht der besonderen Umstände der Wahl des Vorsitzenden ist es diesmal jedoch nicht ausgeschlossen, dass es an diesem Montagabend oder am Dienstag vor dem ersten Wahlgang unter den Bischöfen zu einer Aussprache kommt. Denn der Rücktritt des Vorsitzenden während einer sechsjährigen Amtszeit ist in den Statuten der Bischofskonferenz nicht vorgesehen.

Es muss also nicht nur geklärt werden, ob der stellvertretende Vorsitzende, der Aachener Bischof Mussinghoff, im Amt verbleiben kann, der Sekretär der Bischofskonferenz und dessen Stellvertreter auf Vorschlag eines neuen Vorsitzenden zu wählen sind, sondern vielmehr, ob der Fall des Falles überhaupt gegeben ist. Denn im Kirchenrecht findet sich eine Vorschrift, nach der ein Kirchenamt, das für eine bestimmte Zeit verliehen wird, nur dann einer anderen Person übertragen werden kann, wenn dies sechs Monate vor dem Ende der Amtszeit geschieht und das Amt schon frei ist. Beides ist nicht gegeben.

Freilich wären Kirchenrechtler keine guten Juristen, wenn sie nicht Mittel und Wege fänden, die geplante Wahl des neuen Vorsitzenden dennoch als rechtmäßig erscheinen zu lassen. Nicht zuletzt die im Kirchenrecht versierten Bischöfe wie der Münsteraner Bischof Lettmann und Lehmanns Stellvertreter Mussinghoff dürften mit dem Hinweis auf die Handlungsfähigkeit der Bischofskonferenz auf eine schnelle Entscheidung dringen. Doch spätestens in der Debatte über Verfahrensfragen dürfte auch klarwerden, um welche Personen es im Wettstreit um die Lehmann-Nachfolge geht.

Eine Person, die integriert, nicht polarisiert

Als sicher gilt, dass die Mehrheit der Bischöfe einen Vorsitzenden will, der ähnlich wie Lehmann integriert, nicht polarisiert. Überdies sollte er die Kirche in Politik und Öffentlichkeit repräsentieren und ihre Anliegen theologisch fundiert in der gesellschaftlichen Debatte vertreten können. Auch das Stichwort Generationswechsel ist in vielen Äußerungen gefallen - Lehmann selbst hat in seinem Rücktrittsschreiben auf die jüngsten Bischofsernennungen verwiesen, bei denen in Limburg und Speyer zwei Weihbischöfe im Alter von weniger als fünfzig Jahren und in München der 54 Jahre alte Trierer Bischof Marx zum Zuge kamen.

Auf Erzbischof Marx, der am vergangenen Wochenende in sein neues Amt eingeführt wurde, richten sich manche Erwartungen in der Bischofskonferenz wie auch in seinem neuen Wirkungskreis Bayern, er werde ohne Zögern nach dem Vorsitz greifen. Die prinzipielle Eignung, die nötige Erfahrung wie ein unverkrampftes Verhältnis zu Würde und Macht spricht ihm niemand ab: Marx war kurze Zeit Professor für christliche Gesellschaftslehre, wurde 1996 Weihbischof in seinem Heimatbistum Paderborn und leitete vor seiner Berufung nach München fast sechs Jahre lang das annähernd 1,5 Millionen Katholiken zählende Bistum Trier.

In der Bischofskonferenz leitet Marx die Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen, zudem ist er Präsident der Deutschen Kommission „Iustitia et Pax“ (Gerechtigkeit und Frieden) und Delegierter in der Kommission der EU-Bischofskonferenzen (Comece). In seiner überraschenden Berufung auf den Bischofsstuhl von München und Freising und der damit verbundenen Zurücksetzung einiger bayerischer Aspiranten wollen manche sogar einen Wink Papst Benedikts XVI. erkennen, durch die Nominierung eines konsensfähigen Kandidaten das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz nach mehr als 30 Jahren wieder nach Bayern zu holen.

Vorbehalte wegen Fülle der Ämter

Doch gibt es gegen dieses Szenario auch Vorbehalte. Sie leiten sich von der Fülle neuer Ämter ab, die Marx in den vergangenen Wochen übertragen wurden: die Leitung des ihm gänzlich unvertrauten Erzbistums München und Freising mit annähernd 1,8 Millionen Katholiken, der Vorsitz im Kreis der bayerischen Bischöfe (von denen einige gerne selbst auf dem Münchener Erzbischofsstuhl säßen), die Repräsentanz der katholischen Kirche in Bayern gegenüber dem Freistaat, die Sorge um die Zukunft der Katholischen Universität Eichstätt und der katholisch-theologischen Fakultäten, nicht zu vergessen die Gastgeberschaft des zweiten Ökumenischen Kirchentags im Jahr 2010.

Innerhalb wie außerhalb Bayerns waren daher in den vergangenen Tagen Stimmen zu vernehmen, die es lieber sähen, wenn die Bürde des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz erst einmal nicht auf Marx überginge - zumal dessen Wahl mit der Aussicht verbunden wäre, dass er das Amt ähnlich lang wie Lehmann innehätte. Denn die Amtszeit des Vorsitzenden der Bischofskonferenz beträgt sechs Jahre; eine Wiederwahl ist unbeschränkt möglich, die Abwahl unüblich.

Mit einem Übergangskandidaten bis 2014?

Daher richtet sich der Blick auf Übergangskandidaten, die den Vorsitz der Konferenz für eine Wahlperiode übernehmen würden, ohne dass sie eine zweite Amtszeit anstreben könnten - so dass der Weg für Marx im Jahr 2014 frei wäre. Dann wäre er 60 Jahre alt, hätte in Bayern längst Fuß gefasst und könnte den Vorsitz noch lange genug ausüben.

Freilich gibt es nicht viele Bischöfe, die sich als Übergangskandidaten anböten. Trotz seiner 74 Jahre könnte der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner gewillt sein, die Führung der Bischofskonferenz zu übernehmen: Die Altersgrenze für Bischöfe von 75 Jahren gilt gewöhnlich für Kardinäle nicht. Doch ist es fraglich, ob dies dem Wunsch der Mehrheit der Bischöfe Rechnung trüge, wieder einen Vorsitzenden zu haben, der moderiert statt polarisiert.

Blieben die beiden Erzbischöfe Thissen (Hamburg) und Zollitsch (Freiburg), die beide in diesem Jahr 70 werden und dem Papst 2013 ihren Rücktritt vom Bischofsamt anbieten müssen. Thissen hat öffentlich erklärt, nicht zur Verfügung zu stehen. Als Vorsitzender des Übergangs am ehesten in Frage käme daher Zollitsch.

Der ist zwar erst seit Juli 2003 Bischof, außerhalb der Erzdiözese Freiburg kaum bekannt und bei weitem nicht so medientauglich wie Marx. Als Vorsitzender des Verbandsausschusses des „Verbandes der Diözesen Deutschlands“, der die Aufgaben der Bischofskonferenz in allen rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen wahrnimmt, besitzt er indes hohes Ansehen und beträchtlichen Einfluss. Nach einem anderen Amt drängt es den Freiburger Erzbischof nicht. Doch man wird sehen, wie viele Bischöfe ihn drängen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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